Leif Randt sitzt lässig auf seinem Stuhl, Oberkörper leicht nach vorne gebeugt, die Füße unter dem kleinen Lesetisch akkurat nebeneinandergestellt. „Ich denke noch darüber nach, was ich lese.“ Leif Randt entscheidet sich für das erste Kapitel seines Romans, das er mit ruhiger, fast schon monotoner Stimme vorträgt. Er entführt seine Leser in das utopische CobyCounty voller Sonne und Meer, Reichtum und unbegrenzten Möglichkeiten.
In dieser Kulisse leben der sechsundzwanzigjährige Win, seine Freundin Carla und sein Freund Wesley. „Mein Teint ist ziemlich weiß, Wesleys ockerfarben“, ist eine der scheinbaren Nebensächlichkeiten, die der Hörer schon bald erfährt. In einer Welt, in der wohlhabende und gutaussehende Menschen leben, werden die scheinbaren Nebenschauplätze der menschlichen Physiognomie zu wahren Hinguckern. Wim arbeitet als Literaturagent, durchlebt eine Trennung und Alkoholabstürze und fragt sich, was er fühlen soll. Was er wirklich fühlt, bleibt dem Leser aber verborgen.
Rätsel ungelöst
Auch deshalb bietet Leif Randts Roman viel Interpretationsfläche: „Je nach Stimmung ist es der schönste Ort, den wir uns vorstellen können.“ Aber die vermeintliche „Schönheit“ birgt ihre Schattenseiten. Eingebauscht in diese „Watte-Wunder-Welt“ ist es laut Ich-Erzähler egal, wie alt man ist: „Im Grunde könnte man in CobyCounty ja auch bis fünfundvierzig, oder sogar bis neunundvierzig noch so weiterleben wie mit neunzehn oder mit sechsundzwanzig.“
Beim Lesen vermag es der Autor, die Stimmung seines Romans einzufangen: Seichte Tonlage, warme Klangfarbe und die beinahe eintönige Satzmelodie offenbaren die mutmaßliche Monotonie in CobyCounty. Alles ist irgendwie relativ. Kein Aufbegehren, kein Rausch, keine Leidenschaft. Die Schattenseite einer nahezu perfekten Welt.
Und auch der Autor ist sich unschlüssig, wie denn das Buch eigentlich zu verstehen sei. Ist es eine Satire auf die Wohlstandsgesellschaft? Ist es ein ironischer Held? Ist es Generationskritik? „Ich weiß es nicht!“, sagt Leif Randt und zuckt mit den Schultern. Inzwischen hat er sich zumindest gedanklich von seinem mehrfach preisgekrönten Roman entfernt. „Da ich momentan an etwas anderem schreibe, ist es nicht mehr so, als ob ich heute meinen eigenen Text lese.“
Eigentlich soll Leif Randt Licht ins germanistische Dunkel bringen, denn die Lesung findet auch im Rahmen eines Seminars der Bergischen Universität statt. Am Ende aber hat man den Eindruck, dass der Autor mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet hat. Und so bleibt das Rätsel um CobyCounty vorerst ungelöst.
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