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David Roth
Foto: privat

„Trauer möchte gesehen werden“

18. Januar 2020

Bestatter David Roth über Trauern und Verantwortung

engels: Herr Roth, was ist das Besondere an Ihrem Friedhof?

David Roth: In einem normalen Friedwald sieht man auf den ersten Blick nicht, dass es sich um einen Friedhof handelt, aber um jeden Baum sind bis zu fünf Tote verstreut. Unser Friedhof ist einem Friedwald sehr ähnlich. Allerdings setzen wir hier niemanden anonym bei. Bei uns sind die Grabstätten gekennzeichnet, das ist uns ein großes Anliegen. Es soll ein Ort sein, zu dem die Angehörigen bewusst hingehen können. Für die Gestaltung gibt es wenig Regeln, wir haben hier die unterschiedlichsten bemalten, gebastelten Stätten. Eines meiner Lieblingsgräber hat nur ein simples Holzschild auf dem steht: „Bin im Garten. Rolf.“ Dass die Gräber so unterschiedlich, bunt und auffällig sind, ist ziemlich einzigartig für eine Baumbestattung. In Zukunft soll es gesetzlich nicht mehr vorgesehen sein, dass solche Friedhöfe genehmigt werden.

Warum?

Es geht allgemein ein großer Trend dorthin, Friedhöfe möglichst einfach und strikt zu verwalten. Oftmals ist der Trauernde ein Fremdkörper, dem man durch Satzungen und Verbotsschilder vorschreibt, wie er sich gut zu verhalten hat. Alles unter dem Deckmantel, die Pietät zu wahren – heute ein leerer Begriff. Der aber verwendet wird, um Trauernden zu diktieren, wie sie mit einer Person, die sie lieben, um die sie sich gekümmert haben, auf einmal umgehen sollten. Anstatt ihnen zu vertrauen, dass sie schon wissen was gut und richtig ist.

Mehr Freiheiten auf deutschen Friedhöfen also?

In Deutschland glaubt man leider oft, dass sobald man Menschen frei lässt, dann machen sie etwas falsch. Ich sehe das mittlerweile anders. Pietät hat schließlich nur etwas mit Pflicht zu tun, und wenig mit dem was liebe- und würdevoll ist. Wir hatten schon öfter die Anfrage, ob es nicht möglich wäre, auf dem Friedhof zu grillen. Das hört sich erst einmal befremdlich an und man bekommt auch gleich viele Einwände. Zum Beispiel: Was ist denn, wenn eine Mutter in tiefer Trauer am Grab ihres Kindes steht, während daneben ein Grüppchen fröhlich am Grillen ist. Wie könne man sie denn davor schützen? Ich glaube man muss diese Dame nicht schützen, sondern die Gruppe sollte fragen: Was ist los? Wie können wir dir etwas Gutes tun? Wir haben heute die sehr verquere Vorstellung, dass wenn wir jemanden sehen, der ein Problem hat, wir diese Person in Ruhe lassen müssen.

Warum ist das falsch?

Ich glaube, dass eine Gesellschaft eine Verantwortung gegenüber Trauernden hat. Trauer möchte gesehen werden. Ich möchte darüber erzählen – und beklagen – was ich verloren habe. Früher waren Friedhöfe öffentlich genutzte Orte, nicht so verborgen wie heute, am Rande der Städte. Sondern mitten in der Stadt um die Kirchen herum. Wenn früher jemand starb, dann war das eine gemeinschaftliche Sache. Die man auch in der Zeit danach als Gemeinschaft verbrachte und wie etwa auch im Islam und Judentum, versorgte man die Angehörigen noch eine Zeit, man brachte ihnen zum Beispiel Essen vorbei. Man zeigte, dass man Anteilnahme nahm.

Grillen und Gemeinschaft, das hört sich wenig nach Trauer an.

Wir im Rheinischen glauben, dass von Herzen gelacht und von Herzen geweint wird. Diese Emotionen kommen also von der gleichen Quelle. Und darum finde ich auch, dass die Trauerfeier eine letzte Geburtstagsfeier ist. Viele meinen, wenn das schnell geht, ist es schnell vorbei und dann komme ich schnell wieder zur Ruhe. Und man müsse ja loslassen. Ich glaube: man muss lernen mit der neuen Situation zu leben und mit der fortwährenden Erinnerung an die Person. Wir versuchen hier die Menschen ein wenig zu entschleunigen, sodass sie sich die Zeit nehmen, dass sich auch Freunde freinehmen können, dass man den Termin planen kann, dass man sich auch gut vorbereiten kann. Und dass man sich vielleicht auch auf diesen Termin freut. Hört sich für viele Menschen erst einmal widersinnig an, aber ich erlebe, dass eine persönlich gestaltete Trauerfeier, auf der man dem Charakter des Verstorbenen gedenkt und würdigt, viel Freude bringt.

Und das bedeutet, auch mal AC/DC in der Kirche zu spielen?

Wenn das einen Bezug zu der verstorbenen Person hat, auf jeden Fall. Zu uns kommen jedes Jahr die Pfarrer des Bistums Kölns, um genau solche Themen auszuloten. Und wir treffen auf viel Verständnis. Man muss sich die Mühe machen, herauszufinden, warum ein gewisser Wunsch einer Person am Herzen liegt. Ich glaube nicht, dass man aus einer Beerdigung ein Event machen muss, nach dem Motto: dieses Mal machen wir mal mit Eskimo-Thematik oder ähnliches. Aber ich glaube schon, dass man etwas machen sollte, was eine Beziehung zu der verstorbenen Person hat.

Um sich richtig verabschieden zu können?

Den Tod eines geliebten Menschen muss man begreifen. Das dauert. Wir bahren hier die Verstorbenen noch auf, was kaum einer mehr macht. Vor allem aus Zeitgründen. Aber ich glaube es hilft, den Verstorbenen zu sehen. Und zu sehen, dass er keine Schmerzen hat, keine Angst. Eltern, die ihr Kind verloren haben, kommen oft über mehrere Tage, um ihr Kind nochmal auf den Arm zu nehmen, bis sie es schließlich ablegen. Wir bahren die Toten so lange auf, wie die Trauernden das wünschen. Denn auch ich als Bestatter kann nicht sagen, wann der richtige Zeitpunkt ist, loszulassen.

Was ist wichtig bei einer Bestattung?

Bestattungen sind mehr als nur ein Ablasshandel über den Sarg oder den Grabstein. Wir versuchen hier jedem klarzumachen, dass man einem Verstorbenen materiell nichts Gutes tun kann. Es geht vor allem darum, den Trauernden etwas Gutes zu tun. Vor ein paar Wochen hatten wir in Rodenkirchen eine Trauerfeier in einer Brauerei. Warum sollte man nicht an Orte gehen, an denen man gerne ist? Entweder in der Kirche, wenn mir das ein Bedürfnis ist, aber auch an jeden anderen Ort, an dem man gerne zusammen gefeiert hat. Bei vielen Bestattungsinstituten muss man sich innerhalb einer halben Stunde entschieden haben und viele Trauernden haben nicht die Zeit sich zu überlegen, wie sie gerne Abschied nehmen würden. Ich glaube man muss den Menschen die Möglichkeit geben, so mitzugestalten wie sie das möchten. Vielleicht wollen sie den Sarg bauen oder eine andere Form davon, vielleicht noch etwas basteln und beilegen. Das war früher nicht so bunt wie heute, aber mehr oder minder üblich. Deswegen verstehen wir unser Bestattungshaus weniger als alternativ, sondern vielmehr als Archäologie der Trauerkultur. Und das bedeutet vor allem: gemeinsam Abschied zu nehmen.

Hinweis: Wenn Sie depressiv sind oder Selbstmord-Gedanken haben, wenden Sie sich bitte umgehend an die Telefonseelsorge: im Internet unter www.telefonseelsorge.de oder unter der kostenlosen Hotline 0800-111 01 11 oder 0800-111 02 22. Hier helfen Ihnen Berater, die Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen können.


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Aktiv im Thema

aeternitas.de | Verbraucherinitiative Bestattungskultur mit vielen Informationen und Ansprechpartner*innen für Trauerarbeit.
friedwald.de | Anbieter für Waldbestattungen mit sieben Standorten in NRW.
trauer-now.de | Online-Magazin für Trauerkultur.

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Interview: Lidia Polito

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