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Martin Bourboulon am Set seines Films „Eiffel in Love“
Foto: Presse

„Gustave Eiffel war seiner Zeit voraus“

27. Oktober 2021

Martin Bourboulon über „Eiffel in Love“ – Gespräch zum Film 11/21

Martin Bourboulons Karriere begann als Regieassistent. Nach ersten eigenen Kurzfilmen gab er 2015 sein Langfilmdebüt: „Mama gegen Papa – Wer hier verliert, gewinnt“. Mit dem Projekt „Eiffel in Love“ hat er sich nun eines historischen Themas angenommen. Der Film über den Bauherrn des Eiffelturms startet am 18. November in den Kinos.

engels: Monsieur Bourboulon, welche persönliche Bindung oder Erinnerung hatten Sie zum Eiffelturm, bevor Sie mit den Dreharbeiten begannen?

Martin Bourboulon: Ich habe immer in Paris gelebt und den Eiffelturm von Kindesbeinen an auf regelmäßiger Basis gesehen. Eine persönliche Bindung in diesem Sinne habe ich nicht – als Pariser hatte ich mich eher schon zu sehr an seine Anwesenheit gewöhnt, ohne richtig hinzusehen. Deswegen hoffe ich, dass uns dieser Film erlaubt, das Monument noch einmal neu zu entdecken und in einem anderen Licht zu sehen.

Warum glauben Sie hat bislang noch niemand einen Film über Gustave Eiffel gedreht?

Mein Film ist kein Biopic über Gustave Eiffel, sondern eher ein Film über die Konstruktion des Turmes. Was den Film heutzutage ermöglicht hat, im Gegensatz zu einigen Jahren zuvor, könnte die Tatsache sein, dass wir heute die Voraussetzungen haben, einen großen Film mit sehr weit entwickelten technischen Raffinessen und Methoden zu drehen, und dass die Kosten für die Spezialeffekte gesunken sind. Das könnte einer der Gründe sein, warum es bislang noch keinen Film über die Konstruktion des Eiffelturms gegeben hat.

Was ist über das Privatleben Eiffels bekannt und warum haben Sie darauf einen so großen Schwerpunkt gesetzt?

Wir wissen nur sehr wenig über Gustav Eiffels Privatleben. Wir wissen, dass er verwitwet war, als er im Jahr 1889 mit der Konstruktion des Eiffelturms begann. Wir fanden auch etwas über eine Liebesbeziehung zu Adrienne Bourgès in seiner Jugend heraus, und wir entschieden uns, diese mit einer bekannten Tatsache in Verbindung zu setzen: Das Projekt eines Wolkenkratzer-Turms war nicht seine eigene Idee, es war ein Auftrag, den er zunächst abgelehnt und dann schließlich doch akzeptiert hatte. Uns faszinierte die Zeit dazwischen, in der er sich von der strikten Ablehnung dahin gewandelt hatte, seine komplette Energie, sein Vermögen und seine Zeit der Konstruktion dieses Monuments zu widmen. Wir haben das mit seiner Liebesgeschichte aus den 1860ern verknüpft, weil sie für uns die einzig sinnvolle Erklärung darstellte.

„Jeder außergewöhnliche Künstler wird auf Widerstand stoßen“

War Eiffel ein Mann des Volkes? Und weshalb gab es so viele Widerstände gegen sein Projekt?

Wie alle großen Schöpfer, die neue Ideen haben, musste auch er sich dem Widerstand des Volkes stellen. Als die Leute erfuhren, dass ein 300 Meter hohes Monument aus Metall in der Nähe ihrer Häuser und Familien gebaut werden sollte, fürchteten sie zurecht, dass es über ihren Kindern zusammenbrechen könnte. Jeder außergewöhnliche Künstler, der fortschrittlich arbeitet, egal in welcher Art von Handwerk, wird unweigerlich auf Widerstand stoßen – Gustaves Talent, wie das von vielen anderen, lag darin, diese Ablehnung zu überwinden und diesen zeitlosen Turm zu bauen. Das macht einen wahren Visionär aus.

War es seinerzeit ein moderner Ansatz, etwas Außergewöhnliches zu bauen, das von allen Menschen, unabhängig von der sozialen Herkunft, genossen werden konnte?

Dass Gustave Eiffel die Gesellschaft und ihre verschiedenen sozialen Schichten wertschätzte, haben wir nicht erfunden. Wir haben in verschiedenen Biografien über ihn gelesen, dass ihn das Bewusstsein hierfür in tiefem Maße auszeichnete. Deswegen war er in diesem Sinne wirklich auch seiner Zeit voraus. Im Film sehen wir das in einer Szene, in der er einen der Arbeiter vor dem Ertrinken rettet. Es lag ihm viel daran, dass es seinen Angestellten und Arbeitern gut ging. Dass er diesen Turm baute, der zum Geist von Frankreich und Paris werden sollte, und der jedermann zugänglich war, egal, welcher sozialen Schicht man angehörte, ist auf jeden Fall Beweis für Eiffels Modernität.

Was war am schwierigsten daran, das Paris des späten 19. Jahrhunderts wieder zum Leben zu erwecken?

Am schwierigsten daran war, dem Zuschauer ein Gefühl davon zu vermitteln, in das früh-industrielle Zeitalter Frankreichs einzutauchen. Der Chefkameramann, der Ausstatter und ich haben sehr hart daran gearbeitet, das Lebensgefühl des späten 19. Jahrhunderts mit seinen Maschinen, dem Staub, Rauch und der Umtriebigkeit spürbar zu machen. Das alles benötigte aufwändige Produktionskapazitäten im Hintergrund, eine Menge Statisten und visuelle Effekte. Trotzdem waren wir uns alle einig, dass wir nicht nur einen Ausstattungsfilm um seiner selbst willen erzählen wollten, sondern viel eher eine Liebesgeschichte, die sich zufällig während des Baus des Eiffelturms ereignete.

„Kein anderer Schauspieler sprach als Gustave Eiffel Rolle vor“

Romain Duris sieht Gustave Eiffel nicht sonderlich ähnlich. War er Ihre erste Wahl für die Rolle?

Er war tatsächlich sogar meine einzige Möglichkeit. Er war der einzige Schauspieler, den ich mir in der Rolle vorstellen konnte, als ich das Projekt übernahm – kein anderer Schauspieler sprach für die Rolle vor. Er sieht Gustave Eiffel tatsächlich nicht sehr ähnlich, aber Romain und ich haben uns die künstlerische Freiheit genommen, unseren eigenen Gustave zu kreieren. Wir wollten seine Person moralisch nie verraten, aber wir wollten seine Physiognomie und seine Art des Sprechens nicht nachahmen. Weil wir eine romantische Geschichte erzählen, bestand die Idee darin, Gustave Eiffel liebenswert, verliebt und in gewisser Weise auch sexy zu machen, sich seiner eigenen Intimität bewusst – die Seite von ihm, die nicht öffentlich war.

Sie drehen derzeit wieder mit Romain Duris Remakes der klassischen „Drei Musketiere“-Romane. Haben Sie Gefallen an Kostümfilmen gefunden?

Es ist immer ein großes Vergnügen, Geschichten aus anderen Zeitaltern zu erzählen. Wir lieben es, mit der Ästhetik und den Kostümen aus anderen Zeiten zu spielen, und mit den „Drei Musketieren“ tauche ich jetzt in das 17. Jahrhundert ein. Aber meine ersten beiden Filme spielten in der Gegenwart. Ich glaube auch, dass mich in erster Linie das Thema einer Geschichte reizt, nicht deren Genre. Ich würde es hassen, wenn ich einen dogmatischen oder strategischen Zugang zu den Filmen, die ich machen möchte, hätte. Ich würde mich nie für eine mittelmäßige Geschichte entscheiden, nur, weil es ein Kostümfilm wird. Ich verliebe mich in ein Thema, das Genre folgt dann später.

Interview: Frank Brenner

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