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Hat sich gut gehalten: Friedrich Engels
Foto: Dino Kosjak

Gysi, Arbeit, Social Media

16. Januar 2020

„Denker, Macher, Wuppertaler“. Das Festprogramm zum Engelsjahr – Spezial 01/20

Chöre quer durchs Tal skandieren Revolutionslieder. Konferenzen, Slams und Comics tauchen ab ins 19. Jahrhundert. Fürs Aktuelle sorgt auch eine Hotline mit „Friedrich“ an der Strippe: Kein Zweifel – es ist Engelsjahr. Die Würdigung des berühmten Wuppertalers ging die Stadt zwar spät an, aber nun liegt das Programm vor.

Nicht nur die zeitliche Planung warf Fragen auf, auch die inhaltliche Ausrichtung. Genauer: Wie groß würde die Bereitschaft sein, den Mitverfasser des „Kommunistischen Manifests“ modern zu interpretieren, seine Ideen aufs Heute anzuwenden? Ein kommunistisches Parteiblatt äußerte neulich unverhohlen den Eindruck, die städtischen Festpläne blendeten fällige Bezüge zu Missständen aus. Man muss kein Kommunist sein, um gegenüber aktueller Systemkritik auch Zurückhaltung herauszuhören – um es vorsichtig zu sagen. „Vermeintlich ewige Wahrheiten“ beargwöhnt etwa das Sachbuch „Arbeiten am Widerspruch“, das bei Bücher Mackensen vorgestellt wird (18.2.); es behandelt philosophische oder religionskritische Aspekte offenbar auch gegen vermeintlich einseitige Kapitalismuskritik.

Engels' zahlreiche Attribute von Schriftsteller bis „Lebemann“, das ließ sich von Beginn an fragen: Sollten sie auch verwässern? Nun ist ein Mensch tatsächlich vieles. Wie ein vielfältiges Jubiläumsprogramm gebaut werden kann, hat Wuppertal gerade erst erlebt: 2019 war das 150. Geburtsjahr der Lyrikerin Else Lasker-Schüler. Die Veranstaltungen reichten von künstlerisch bis biografisch, von historisch bis subjektiv. Und vielleicht bietet das Else-Jahr einen Vergleich, um einen Weg durch Engels2020 zu finden: Das Thema Exil prägte das Programm zu Ehren der verfolgten Emigrantin Lasker-Schüler. Im Verlauf des Engelsjahres könnte man den Komplex „Arbeit“ als verbindende Idee wahrnehmen.

Da läuft auf dem Johannes-Rau-Platz per Großbildprojektion „Arbeitswelten“ vom Medienprojekt Wuppertal (28.8.), dessen junge TeilnehmerInnen arbeitende Menschen in verschiedenen Berufen und Alter zeigen und sich der Diversität von Arbeit verschreiben. Zu neun Ausgaben der etablierten Politischen Runde der Volkshochschule gehört der Besuch von Marcel van der Linden mit seinem Standardwerk „Workers of the World“ (7.9.). „Arbeit?“ fragt auch das Format der hiesigen Oper „Sound of the City“ mit Text, Tanz und Musik in der Stadt (ab 18.6.). Etwas versteckt ein Vortrag an einer echten Produktionsstätte spricht bei der Cronenberger Werkzeugfirma Knipex (Alte Schmiede) auch Hausherr Ralf Putsch über „Unternehmertum und gemeinschaftsorientiertes Wirtschaften“ (14.5.). In der Barmer Kunsthalle treffen sich Produktion und Reflexion über Arbeit: Bildhauer Eckehard Lowisch fertigt die „Engels-2020-Skulptur“ an, um sie später durch einen Roboter vielfach reproduzieren zu lassen – „die Rolle des Bildhauers als Kunstarbeiter“ soll „neu definiert“ werden (28.3.).

Und selbstredend der „Tag der Arbeit“: Zum 1. Mai lädt der DGB-Stadtverband zur Demonstration mit Auftakt im Engelsgarten. Auch so ließe sich durchs Jahr eine Orientierung versuchen: entlang fester Kalendertermine. Am Internationalen Frauentag referiert Elke Brychta bei einem Stadtspaziergang über Engels' Antworten zur „Frauenfrage“ (8.3.). Zum Karneval wird es in der börse jeck mit „Frederick“ in London (21.2.). Am Geburtstag Engels‘ am 28.11. steigt rund um den Engelsgarten eine große Feier mit Bühnenprogramm und der offiziellen Wiedereröffnung des Engels-Hauses. Als vor kaum zwei Jahren die Vorbereitung gefühlt überrumpelt begann, mochte erstaunen, dass das Wohnhaus seiner Familie erst gegen Ende des Festjahres saniert und zugänglich sein würde. Vielleicht ganz gnädig von Engels, erst gegen Jahresende geboren zu sein – so genügt halt die Eröffnung im November.

Manche Beiträge sind einfallsreich. „Wie nutzt Friedrich Engels soziale Medien heute?“ heißt es in der Hofaue (6.3. bis 4.4.). Doch der Denker in Facebookzeiten ist mitnichten Thema eines Projekts von oder für Jugendliche. Vielmehr sind es KünstlerInnen vom Freien Netzwerk Kultur, die beim Neuen Kunstverein zu Zeitfragen Positionen gestalten und zusammenführen. Junge Leute, genauer das junge börsen-Ensemble, richten den Blick dafür auf Kleidungsfirmen in Billiglohnländern, anknüpfend an die einstige Textilproduktion im Tal. „Primark vs. Engels: Vom billigen Stoff“ ist in der Wolkenburg zu sehen (18.6.).

Anfang 2021 schließlich eine vielversprechende Ausstellung in der Kunsthalle: Zwei Wirkungsstätten Engels', gestern und heute, Historie und Zeitbrisanz. „Produktivkraft Fluss: Friedrich Engels und die Zukunft postindustrieller Flüsse“ stellt nicht nur die Wupper vor, sowie den Fluss Irk, der in Manchester für Produktion und Gewerbe genutzt wurde, sondern knüpft daran auch das Thema Ressourcenverschmutzung. Spannend werden ķönnte es nicht zuletzt beim VHS-Termin „Kein Kapitalismus ist auch (k)eine Lösung? Gesellschaft neu denken“, u.a. mit Gregor Gysi (23.11.). Sollte Uwe Schneidewind, Chef des Wuppertal Instituts, dieses Jahr die Oberbürgermeisterwahl gewinnen, würde dann ein auch die CDU repräsentierendes Stadtoberhaupt über Kapitalismuskritik sprechen. So ist es wohl mit Revolutionären: Ohne Reibung gibt es sie nicht.

Martin Hagemeyer

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