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Hannes Brock und Hasti Molavian in „Einstein on the Beach“
Foto: Thomas Jauck

Erleben statt verstehen

26. Mai 2017

„Einstein on the Beach“ von Philip Glass in Dortmund – Oper in NRW 06/17

NRWs Opernhäuser feiern die Väter der „Minimal Music“. Nach Steve Reich, der im vergangenen Oktober 80 Jahre alt wurde und dessen Video-Oper „Three Tales“ die Wuppertaler Bühnen zur Saisoneröffnung zeigten, bringt das Theater Dortmund nun eine Hommage an Philip Glass, der Ende Januar seinen 80. Geburtstag erlebte: „Einstein on the Beach“. Dortmunds Schauspielchef Kay Voges inszenierte das von epischen fünf auf immerhin noch dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer gekürzte Frühwerk von 1976.

Mögen die Musiken von Reich und Glass auch jede Menge Ähnlichkeiten und Parallelen aufweisen, inhaltlich könnten die Produktionen aus Wuppertal und Dortmund kaum unterschiedlicher sein. Verlangten die „Three Tales“ mit ihren hochkomplexen, filmischen Inhalten den Zuschauern jede Menge Aufmerksamkeit und Konzentration ab, so ist „Einstein on the Beach“ das genaue Gegenteil: eine Aufforderung, das Hirn auf Sparflamme herunterzufahren. „Es gibt nichts zu verstehen, aber viel zu erleben“, lautet das ehrliche Versprechen noch vor Beginn der von Voges fantasievoll und bunt mit vielen Videos inszenierten Pseudo-Handlung. Um zu verstehen, warum Glass mit diesem völlig sinnentleerten Stück, seiner ersten „Oper“ gemeinsam mit Robert Wilson, beim Festival d’Avignon tatsächlich einen Erfolg feiern konnte, muss man sich die europäische Nachkriegsavantgarde vor 40 Jahren anschauen. Strenger Serialismus, eine eher mathematische als sinnliche Zwölftonmusik, galt als Maß aller Dinge. Bezüge zur traditionellen Harmonielehren galten als „tonale Verweichlichungen“. Die US-Minimalisten setzten simple Dur- und Moll-Dreiklänge dagegen, die schier endlos rauf- und runtergebrochen und wiederholt werden. Das Publikum freute sich, dass es endlich wieder gewohnte Strukturen mit den Ohren entziffern konnte, ohne auf den Nimbus des Modernen und Gewagten verzichten zu müssen. Die „ernsthafte“ Avantgarde hingegen dürfte Glass´ Erstlingsoper ästhetisch als größtmöglichen Mittelfinger empfunden haben.

Warum also bringt man ein solches Stück nach gut 40 Jahren noch einmal auf die Bühne? Ganz sicher aus Respekt vor seiner musikhistorischen Bedeutung und aus Lust an der musikalischen Herausforderung, denn trotz der Einfachheit des Materials erfordert die Aufführung ein Höchstmaß an Disziplin und Durchhaltewillen. Und diese Qualitäten hat das Dortmunder Ensemble unter Leitung von Florian Helgath. Die Frage: „Wer tut sich das im Publikum an?“, haben sich Theater und Orchester Dortmund sowie Helgaths maßgeblich mitwirkendes „Chorwerk Ruhr“ allerdings wohl auch gestellt. Als Ergebnis daraus darf die erhebliche Kürzung verstanden werden sowie die ausdrückliche Erlaubnis ans Publikum, die pausenlose Aufführung jederzeit verlassen und wieder betreten zu dürfen. So kann sich jeder ganz individuell seine Dosis „Minimal Nonsens“ abholen.

„Einstein on the Beach“ | R: Kay Voges | So 4.6. 18 Uhr | 0231 502 72 22

Karsten Mark

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