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Friederike Schmitz
Foto: Hendrik Hassel

„Ernährungsweisen verändern, ohne Zwang“

28. Juni 2024

Teil 2: Interview – Tierethikerin Friederike Schmitz über vegane Ernährung

engels: Frau Schmitz, die Haltung von Tieren ist ein zentraler Streitpunkt in der landwirtschaftlichen Debatte. Welche Forderungen sind angemessen? 

Friederike Schmitz: Ich denke, wir brauchen Forderungen, die über die Veränderung von Haltungsformen weit hinausgehen. Wir brauchen den Abbau und letztlich sogar die Abschaffung der sogenannten Nutztierhaltung. Wenn man sich anguckt, wie Tiere in unterschiedlichen Haltungsformen leben, dann geht es immer zu Lasten der Tiere, bedeutet immer massive Einschränkung von Bedürfnissen und Leid. Das variiert natürlich zwischen den verschiedenen Haltungsformen, aber die Unterschiede sind eigentlich viel geringer, als wir uns das gerne als Konsument:innen so vorstellen. Die sogenannten Tierwohlmaßnahmen bringen den Tieren zu wenig und auch Biohaltung hält eigentlich nicht das, was sie gegenüber den Konsumierenden verspricht. Letztlich, glaube ich, wäre es gegenüber den Tieren nur fair, wenn wir aufhören, sie für unsere Zwecke auszubeuten und zu töten. 

„Für eine gerechtere Gesellschaft müssen wir drastische Maßnahmen ergreifen“

Diese Forderung ist radikal. Ein kompletter Ausstieg wird kaum diskutiert.

Ich habe jetzt aus der tierethischen Perspektive argumentiert. Doch es gibt darüber hinaus sehr viele gute Gründe, die zumindest für einen drastischen Abbau der Tierhaltung und für die Transformation zu einem pflanzenbasierten Ernährungssystem sprechen. Das ist Klimaschutz, Umweltschutz, das wäre Ressourceneinsparung, Artenschutz, globale Gerechtigkeit und Gesundheit – also ganz viele Aspekte, die auf dasselbe hinauslaufen. Ich glaube, es ist unrealistisch zu denken, dass wir so weitermachen können wie bisher. Wir sind bereits mitten in der Klimakatastrophe und es wird noch schlimmer. Alles spricht dafür, dass wir drastische Maßnahmen ergreifen müssen, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen, mit Blick auf Klima und Umwelt, aber auch auf unser Verhältnis zu Tieren. In der Bevölkerung kündigt sich schon eine Ernährungswende an. Tatsächlich sinkt beispielsweise der Fleischkonsum nicht nur leicht, sondern deutlich. Mehr als die Hälfte der Leute betrachten sich mittlerweile als Flexitarier, d.h. sie verzichten oder essen sehr bewusst weniger Fleisch. Die Idee einer ganz pflanzlichen Ernährung ist schon sehr weit verbreitet. Was jetzt geschehen muss, ist, dass diese Option viel einfacher und naheliegender wird. Aktuell ist es so: In ganz vielen Kontexten besteht der einfache Weg, das Bequemste darin, etwas mit Tierprodukten zu essen. In Kantinen, in Restaurants, im Supermarkt: Überall gehören Tierprodukte oder Gerichte mit Fleisch, Milch und Eiern zu den günstigen Optionen, zu denen, die am präsentesten und naheliegendsten sind. Sie sind die ersten auf der Karte, quasi das Standardgericht und dann auch häufig besonders günstig. Diese sogenannte Ernährungsumgebungen haben einen sehr großen Einfluss darauf, wie Menschen sich tatsächlich entscheiden, sich zu ernähren. Die Entscheidung dazu kommt oft nicht aus einem inneren Bedürfnis, sondern ist auch ganz stark damit verbunden, was dort überhaupt angeboten wird, wo ich mich bewege, wie die Preise im Vergleich zueinander sind, was beworben wird und was die anderen um mich herum essen. Wenn man diese Umgebungen verändert, kann man sehr schnell und deutlich auch Ernährungsweisen verändern, ganz ohne einen Zwang, Fleisch verbieten zu müssen oder so. 

„Pflanzliche Lebensmittel beanspruchen weniger Land“

Warum ist vegane Ernährung gut fürs Klima? 

Tierprodukte im Vergleich zu pflanzlichen Alternativen haben sehr hohe Emissionen. Da geht es nicht um kleine Unterschiede, sondern Tierprodukte verursachen ein vielfaches mehr an Emissionen, teilweise doppelt bis mehr als zehnmal so viel. Im Vergleich zu Erbsen liegt Schweinefleisch zum Beispiel beim Zehnfachen der Emissionen. Auch wenn man ganze Ernährungsweisen vergleicht, schneidet die vegane Ernährung mit Abstand am besten ab. Da liegen sehr, sehr große Einsparpotenziale. Der Grund ist, die Produktion pflanzlicher Lebensmittel beansprucht in der Regel weniger Land, daher muss weniger Natur in Agrarfläche umgewandelt, z.B. kein Regenwald abgeholzt werden. Außerdem fallen die Emissionen aus der Tierhaltung weg – wie Methan aus der Verdauung von Rindern und Emissionen aus Gülle. Hinzurechnen lässt sich: Weil pflanzliche Ernährung weniger Land braucht, wird bei einer Umstellung Landfläche frei. Renaturiert man diese, also indem man Moore wieder vernässt oder Wälder aufforstet, lassen sich noch eine Menge Treibhausgase an dieser Stelle binden und einlagern. Das macht eine Ernährung mit möglichst wenig Tierprodukten noch einmal klimafreundlicher.

„Fast die Hälfte der Feinstaubemissionen stammt aus der Landwirtschaft“

Die konventionelle Tierhaltung ist mit viel Leid verbunden. Welche Gefahren erwachsen daraus für uns Menschen?

Es gibt eine Reihe an Gefahren wie etwa die Klimaeffekte. Die Klimakatastrophe gilt als die größte Gesundheitsgefahr der Zukunft. Dann gibt es auch direkte gesundheitliche Auswirkungen, z.B. durch Emissionen aus Tieranlagen. Hier entsteht Feinstaub und Ammoniak. Fast die Hälfte der Feinstaubemissionen in Deutschland stammt aus der Landwirtschaft, ein Großteil davon aus der Tierhaltung. Das hat Auswirkungen auf Lungenerkrankungen und vieles mehr. Würde man diese Tieranlagen reduzieren oder gar abschaffen, könnte man diese Effekte deutlich reduzieren. Neue Zoonosen, also Krankheiten, die von Tieren auf Menschen überspringen, bergen weitere Gefahren. Corona war so eine Zoonose. Das Szenario könnte sich wiederholen und da ist die Tierindustrie gleich auf zwei Weisen eine Gefahr. Einerseits, weil sie durch einen hohen Landverbrauch dafür sorgt, dass immer größere Flächen landwirtschaftlich genutzt werden, dort immer mehr Wildtiere verdrängt werden, die Artenvielfalt sinkt und Menschen in Kontakt mit wildlebenden Tieren kommen, mit denen sie vorher nicht in Kontakt waren. Krankheiten könnten überspringen. Andererseits können sich in Mastanlagen Viren hervorragend fortpflanzen.

Aufgrund der Enge der Anlagen ...

Genau. Die Tatsache, dass dort so viele genetisch fast gleiche Tiere auf einem Haufen untergebracht sind, die häufig ein schlechtes Immunsystem haben, möglicherweise geschwächt sind, begünstigt, dass sich Viren dort total schnell ausbreiten und auch verändern können.

„Die Nachfrage in der Welt muss sinken“

In den Niederlanden soll ein Drittel der Landwirte ihre Tierbestände aufgeben. Welche Wirkung hätte das?

Das ist in den Niederlanden schon seit Jahren Thema. Die Tierzahlen müssen dort reduziert werden, insbesondere aufgrund der Einhaltung von EU-Stickstoffbegrenzungsregeln. Bisher kam das nicht so richtig voran. Das Ganze macht natürlich nur Sinn, wenn die Ernährung sich entsprechend auch verändert. Die Niederlande sind ein Land, aus dem sehr viele Tierprodukte exportiert werden. Insgesamt muss also auch die Nachfrage danach in der Welt sinken; aktuell steigt sie ja noch an. Dann kann es all diese positiven Effekte auf Umwelt, Klima und Tierleidverringerung haben. 

Auch für die Landwirt:innen ist es eine Chance. Es gab und gibt gegen diese Maßnahmen große Proteste in Niederlanden, weil viele sich darin existenziell bedroht sehen. Weil das, womit sie seit Generationen ihr Einkommen erzielen, plötzlich nicht mehr möglich sein soll. Aber gleichzeitig denke ich, wenn es faire Alternativen gibt, also eine Unterstützung bei der Umstellung auf andere Einkommensquellen, dass es zu einer nötigen Transformation auch dazu gehört, auf andere Einkommensquellen umzusteigen. Im Rahmen dieser Entschädigungsprogramme in den Niederlanden gab es auch immer wieder positive Beispiele. Leute haben ihren Schweinestall geschlossen, dann pflanzliche Produkte erzeugt oder etwas ganz anderes gemacht, sind etwa in die Altenpflege eingestiegen. Das kann auch Vorteile haben. Sie haben nicht mehr diesen stinkenden Stall am Bein, der sie keinen Urlaub machen lässt und dessen Form der Tierhaltung in der Umgebung und in der Bevölkerung insgesamt auch nicht akzeptiert ist. Stattdessen machen sie etwas, das gleichermaßen Einkommen schafft und befriedigender ist, sinnvoller und größere Akzeptanz genießt – eine gute Sache. Ich würde mir wünschen, dass es eine Offenheit und Bereitschaft bei den tierhaltenden Betrieben gibt, so eine Transformation mitzugehen. Denn es gibt keinen Weg drumherum. Der Fleischkonsum sinkt. In spätestens zwanzig Jahren wird diese Tierhaltung sowieso nicht mehr funktionieren. Dann ist es doch viel besser, sich jetzt schon zukunftsfähig aufzustellen, als es so weiter zu betreiben und dann vom Markt irgendwann zur Aufgabe gezwungen zu werden.

„Es sind nicht nur finanzielle Gründe, warum Tierhalter ihren Betrieb weiter betreiben wollen“

Reicht das Entschädigungsprogramm, das die EU-Kommission den Niederlanden genehmigt hat? Oder drohen weitere Proteste?

Ich glaube, sobald es Maßnahmen gibt, die nicht nur freiwillig, sondern mit einem gewissen Druck dahinter verbunden sind – sei es ordnungsrechtlich oder mit wirklichen Subventionsumschichtungen – dann wird es wieder Proteste geben, bestimmt. Die Frage ist auch, ob man nicht manche Proteste auch in Kauf nehmen muss. Man muss den Prozess so fair es geht gestalten, doch auch dann kann es Proteste geben. Denn es sind natürlich nicht nur finanzielle Gründe, warum Tierhalter ihren Betrieb weiter betreiben wollen, sondern dahinter liegen oft auch Überzeugungen, soziale Gründe, Weltanschauung. Sie denken: Das ist wichtig und richtig, das ist ihr Lebenswerk. Und so reicht es nicht unbedingt, um sie davon abzubringen, dass man ihnen eine Entschädigung anbietet. Einen gewissen Protest muss man aushalten, wie in anderen Bereichen, die dringend transformiert werden müssen, auch.

Interview: Nina Hensch

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