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Die fabelhafte Welt der Amélie

Die fabelhafte Welt der Amélie
Frankreich 2001, Laufzeit: 122 Min., FSK 6
Regie: Jean-Pierre Jeunet
Darsteller: Audrey Tautou, Mathieu Kassovitz, Rufus, Yolande Moreau, Artus Penguerin, Dominique Pinon, Maurice Benichou, Claude Perron, Isabelle Nanty, Claire Maurier

Im Fernsehen wird gerade die Sensationsnachricht gebracht, dass Lady Di tödlich verunglückt ist. Eine stille, verträumte junge Frau namens Amélie lässt vor Schreck in ihrem Zimmer auf dem Montmartre etwas auf den Boden fallen. Durch den Aufprall löst sich eine Kachel an der Wand. Dahinter ist ein Loch, in dem eine alte Metallschachtel versteckt ist. Der weltbewegende Vorfall im Zentrum von Paris ist plötzlich unerheblich geworden. Amélie schaltet mit einem beiläufigen Knips auf der Fernbedienung das Fernsehen aus. Vor ihr liegen jahrzehntealte Dokumente eines einzelnen Schicksals, ein kleines Spielzeug, Fotos, unbedeutende Gegenstände, wie ein kleiner Junge sie sammelte, um einen geheimen Schatz zusammenzutragen. Irgendwann in den 50er Jahren muss das passiert sein. Hier war das Zentrum eines ganz individuellen, einzigartigen Lebens, ebenfalls weltbewegend und bedeutend. Diese einfache Einsicht ist Amélie nicht genug. Sie beginnt zielstrebig zu recherchieren, fragt alte Nachbarn, Leute aus dem Viertel, wer früher in ihrer Wohnung gelebt hat. Sie lässt nicht locker, bis sie den Mann entdeckt hat, dem die Schachtel einmal gehörte. Heimlich stellt sie sie ihm irgendwo hin, wo er sie entdecken muss. Wird er sie wieder erkennen? Aus der Ferne beobachtet sie die Szene. Wir Zuschauer im Kino tun dies mit ihr, und es ist unbeschreiblich, was in uns vorgeht. Den weinenden Alten zu sehen, dessen ganzes tragisches Leben in diesem Moment wie in einem großen, universalen Sinnbild unmittelbar greifbar wird, dies ist ein Moment von so großer emotionaler Tiefe, wie man ihn sich intensiver und beeindruckender nicht vorstellen kann. Niemand wird je erfahren, dass Amélie jene Schicksalsgöttin ist, die das Leben eines Menschen durch diesen kleinen, aber weitreichenden Eingriff für immer verändern kann. Die beschriebene Szene ist nur eine winzige Episode im Tun und Treiben dieses ungewöhnlichen Mädchens. Regisseur Jean-Pierre Jeunet hat seinen poetischen Film-Traum prall gefüllt mit ähnlichen wunderbaren Ereignissen und Aktionen. Er ist ein passionierter Sammler von skurillen Situationen und Szenerien. Sein umwerfendes Werk ist so unglaublich vollgepackt mit in einander verwobenenen Geschichten und menschlichen Dramen, dass man sich ungläubig fragt, wie dies überhaupt zu einem kohärenten, stimmigen Werk geformt werden konnte. Ein ununterbrochener Strom von Einfällen und surrealen Momenten reißt den Betrachter mit, lässt ihn zum Zeugen der wahren Dimension unserer Verstrickungen werden. Nicht historische Ereignisse, gesellschaftliche Umwälzungen, anonyme Makrostrukturen prägen unser Dasein, sondern kleine, höchst kontingente Nebeneinflüsse, unerheblich erscheinende Äußerungen des Zufalls, der ganze Reichtum unseres komplexen Alltagslebens. Politik, Planung, Perspektiven - das alles kann man vergessen. Das Leben ist, wenn überhaupt, geprägt einzig von der Maxime des "corriger la fortune". Die Abenteuer dieser Glücks-Strategie gipfeln in Amélies eigener Verliebtheit. Hier türmt sich vor ihr selber, die das Glück (oder Unglück) anderer Menschen so leicht und naiv herbeiführen kann, eine schier übermenschliches Unternehmen auf. Schicksal für andere zu spielen, das lässt sich vielleicht bewerkstelligen, aber das eigene Glück in die Hand zu nehmen? Für die arme, kleine Amélie ist dies das Schwierigste. Wir sitzen im Kinosessel und bangen und zittern und sehnen uns mit ihr, dass sich auch ihr eigenes Los zum Besten wende. Und spüren unmittelbar unsere eigenen Ängste und Sehnsüchte, die uns dieser wunderbare Film als das Zentrum des Universums erkennen lässt.

(Heinz Holzapfel)

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