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Il Divo – Der Göttliche

Il Divo – Der Göttliche
I 2008, Laufzeit: 117 Min.
Regie: Paolo Sorrentino
Darsteller: Toni Servillo, Carlo Degli Esposti, Anna Bonaiuto, Paolo Graziosi, Giulio Bosetti, Michele Placido, Carlo Buccirosso, Fanny Ardant

"Il Divo – Der Göttliche" von Paolo Sorrentino 

Regisseur Paolo Sorrentin widmet sich dem politischen Leben des unnahbaren italienischen Regierungschefs Giulio Andreotti. Und das wohltuend eigensinnig.

Am 14. Januar wurde er 90: das italienische Politiker-Urgestein Giulio Andreotti. Seit 1954 an fast allen Regierungen beteiligt war der studierte Jurist allein siebenmal italienischer Regierungschef. Im Laufe seiner über 50jährigen Karriere wird er Innen-, Außen-, Finanz-, Schatz- und Verteidigungsminister. Siebenmal ist er Ministerpräsident. Seine Partei: die christlich-soziale Democrazia Cristiana, der auch Aldo Moro angehörte, Andreottis innerparteilicher Widersacher, der 1978 von der linksterroristischen Roten Brigade ermordet wird.

Es sind nicht seine politischen Leistungen, die mit Andreotti assoziiert werden, sondern die vermeintlichen Mafia-Verstrickungen. Zwei Fundamente sind es, auf denen Andreotti seinen Kritikern zufolge seine Macht aufgebaut hat: der Vatikan und die Mafia. Während seiner Amtszeit werden zahlreiche Politiker, Bankiers, Wirtschaftsbosse und Journalisten ermordet bzw. begehen Selbstmord. Mehrfach wird Andreotti aufgrund mafioser Verstrickungen angeklagt, die Erteilung von Mordaufträgen ist Teil der Anklage. Sämtliche Anklagepunkte werden am Ende entweder aufgrund von Verjährung oder aus Mangel an Beweisen fallen gelassen. Andreotti, seit 1992 Senator auf Lebenszeit, sitzt bis heute fast noch jeden Tag im Senat – und in der Kirche.

Eine mögliche Wahrheit
Andreottis dauerhafte Strategie war und ist: Schweigen. Wie soll man sich da der Wahrheit nähern? Regisseur Paolo Sorrentino nähert sich einer möglichen Wahrheit. Und die bezieht mögliche Mafia-Verstrickungen mit ein. Doch erst einmal flüchtet sich Sorrentino gezielt in Überhöhungen: Um den Mythos greifbar zu machen, versperrt sich der Regisseur im ersten Drittel seines komplexen Zweistünders jeglicher Realitätsnähe. Gewitzt, pompös und surreal gewährt er Einblicke in den Andreotti-Kosmos, führt bis ins Comichafte in dessen Machtapparat ein, montiert leinwandsprengend Zeitlupen, Credits, Gesichter, Details und schneidet dieser stilisierten Gemeinschaft Morde und explodierende Autos zwischen. Der erste Akt dieses Opus‘ ist ein Fest für die Sinne. Und mittendrin: Toni Servillo mit seiner grandiosen Verkörperung der Titelrolle.

Ein Über-Pate, gegen den Vito Corleone eine hitzköpfige Quasselstrippe ist. Servillo mimt einen über alle Maße reservierten, altwürdigen Herrn, dem seine überdimensionale Brille die Ohren im Laufe der Jahre kupiert zu haben scheint, der sich steif und schwebend zugleich und schon beinahe magisch durch seinen Regierungssitz bewegt, der sich konsequent ausschweigt und seinen Freunden ebenso wie später seinen Anklägern mit geneigtem, aber wachem Dackelblick lauscht. Servillo verleiht seiner Figur eine Aura, die den Mythos um den Politiker Andreotti noch einmal in den Schatten stellt. Willkommen im Kino, spricht die Leinwand. Und mit ihr der Regisseur, der erklärtermaßen nicht nur erzählen, sondern auch „verzaubern“ will.

Mit dem Erzählen wird es dann auch mitunter unübersichtlich: Die textlastigen Infotafeln zum Geleit am Anfang als auch die unzähligen Namen und Funktionen der vielen Charaktere, die fortwährend eingeblendet werden, überfluten den Zuschauer so überbordend, dass die Informationsdichte schon zur Farce erwächst. Nach dem opernhaften Intro konzentriert sich Sorrentino im zweiten Drittel zunehmend geerdeter auf die politischen Verstrickungen, bemüht sich, rückblickend die Zusammenhänge all der Morde, Selbstmorde und Korruptionsaffären aufzuschlüsseln. Bis sich das Drama schließlich wieder auf Andreotti einschießt und das Tempo zurücknimmt. Dann, wenn der „Göttliche“ oder, wie man ihn ebenso nennt, der „Fürst der Finsternis“ noch einmal antritt und sich vor Gericht der Anklage stellt. Dort steht dann ein Mann mit Würde. Oder ein Lügner mit Stil. Eine Eminenz, milde und unantastbar, die schließlich mit rhetorischem Geschick Kronzeugenaussagen zum Komplott verformt.

Ein eigenwilliger Overkill
Und ganz plötzlich spielen all die vielen Namen keine Rolle mehr, auf einmal scheinen offene Fragen wundersam geklärt bzw. vernachlässigungswert, und das Opus ist wieder rund. Und man war Zeuge einer erfrischend anderen Herangehensweise an eine Politikerbiografie. Eine genresprengende Biografie, mit der sich Giulio Andreotti nicht wirklich einverstanden zeigte. Das alles sei nicht eben wahrheitsgemäß, wirft der 90Jährige ein. Wiewohl er Verständnis für den Regisseur aufbringt: „Sein [Andreottis] Leben ist so ruhig, dass andernfalls wohl ein platter Film ohne jeden Pfeffer herausgekommen wäre.“ Entscheiden Sie selbst, wem Sie glauben: Sorrentino oder Andreotti. Wobei fraglich bleibt, inwieweit Sorrentino mit seinem eigenwilligen, überstilisierten Overkill überhaupt glaubwürdig sein möchte. Letzten Endes ist das aber sowieso egal. Die Wahrheit werden wir ja nie erfahren. Und das ist vielleicht auch besser so.

(Hartmut Ernst)

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