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Ein Roboter für alle Lebenslagen: Frank Langella in „Robot & Frank“
Presse

„Ich wollte schon immer mal eine Frau spielen“

25. Oktober 2012

Frank Langella über „Robot & Frank“, den technischen Fortschritt und unerfüllte Rollenwünsche – Roter Teppich 11/12

Frank Langella ist ein Urgestein der amerikanischen Theaterszene. Im Laufe seiner Bühnenkarriere wurde der 1938 in New Jersey geborene Mime dreimal mit dem Tony und fünfmal mit dem Drama Desk Award ausgezeichnet. Auch in Filmen wie John Badhams „Dracula“, „Die neun Pforten“, „Superman Returns“ oder „Unknown Identity“ konnte er sein Talent ausspielen. Für seine Interpretation des Richard Nixon erhielt er in „Frost/Nixon“ 2009 eine Oscar-Nominierung. Nun ist er in „Robot & Frank“ als ehemaliger Einbrecher auf der Leinwand zu sehen, dem ein Roboter als Hilfe zur Seite gestellt wird.

engels: Mister Langella, Ihr Charakter „Frank“ kann nach Ansicht seines Sohnes nicht mehr für sich selbst sorgen. Haben Sie sich schon Gedanken über die Zeit gemacht, in der Sie in Ihrem Leben einmal professionelle Hilfe benötigen könnten?
Frank Langella: Ja, darauf habe ich mich tatsächlich schon vorbereitet. Das wird wahrscheinlich erst in hundert Jahren der Fall sein, aber ich denke, dass es wichtig ist, sich darüber frühzeitig Gedanken zu machen. Ich habe schon mit meinen Kindern und Menschen, die mir nahe stehen, darüber gesprochen, habe mein Testament aufgesetzt und medizinische Vorbereitungen getroffen. Sollte die Zeit kommen, in der ich das in Anspruch nehmen muss, habe ich auch schon geplant, wie das dann auszusehen hat. Das sollte eigentlich jeder tun. Eine Menge Menschen drücken sich davor, weil es ihnen Angst bereitet. Man muss aber das Unvermeidliche akzeptieren und hoffen, dass es einem gut geht, aber falls nicht, auch darauf vorbereitet sein. Ich möchte wirklich nicht, dass sich meine Kinder darum kümmern müssen, ich möchte, dass das Profis übernehmen. Dann können meine Kinder zwar bei mir sein, müssen sich aber nicht verpflichtet fühlen, all die unangenehmen Dinge zu übernehmen, die mit älteren Menschen anfallen können.

Der Gedächtnisverlust ist ein Thema des Films und wird in unserer heutigen Zeit ein immer drängenderes Problem. Hilft Ihnen die Schauspielerei, ein gutes Gedächtnis zu bewahren?
Auf jeden Fall, das ist eine gute Frage! Ich glaube, wenn von einem verlangt wird, Dinge zu tun, dann tut man sie häufiger und letztendlich besser. Wenn man nicht jeden Teil seines Körpers, der noch funktioniert, so oft es geht benutzt, wird man früher oder später die Fähigkeit dazu verlieren. Ich glaube, dass auch Muskeln ein Gedächtnis haben, dass es wichtig ist, Übungen zu wiederholen und dass der Körper auf das reagiert, was man von ihm fordert. Deswegen muss ich große Rollen in Filmen und besonders im Theater spielen. Um diese gigantischen Monologe behalten zu können, muss ich mein Gedächtnis ständig trainieren. In meinem nächsten Film, „Grace of Monaco“, den wir in Nizza drehen, muss ich mir einen drei- oder vierseitigen Monolog merken, und das ist wahrlich ein gutes Training für das Gedächtnis.

War die Stimme des Roboters während der Dreharbeiten schon gegenwärtig oder mussten Sie da Selbstgespräche führen?
Zumindest Peter Sarsgaards Stimme (in der Originalversion die Stimme des Roboters; die Red.) war nicht gegenwärtig. Seine Stimme hat man sechs Monate nach dem Abschluss der Dreharbeiten aufgenommen. Ich finde, er ist ideal dafür. Während der Dreharbeiten kam die Stimme von unterschiedlichen Menschen, je nachdem, wer gerade in der Nähe war, wenn wir die Stimme brauchten. Die Stimme der jungen Dame, die im Roboteranzug steckte, konnte man nicht hören, weil sie zu stark gedämpft wurde. Deswegen hat mal der Regisseur, mal ein Regieassistent oder ein anderer Schauspieler, der gerade nichts zu tun hatte, die Stimme für mich aus dem Off eingesprochen.

Begeistert Sie der technische Fortschritt?
Begeistern ist hier sicherlich das falsche Wort. Ich werde davon eingeschüchtert und akzeptiere die Unausweichlichkeit dieser Entwicklungen. Ich glaube nicht, dass wir nun wieder zurückgehen könnten. Es gibt etliche Gründe, warum die Menschen ihr Leben einfacher machen wollen. Letztendlich glaube ich aber, dass die Technologie den eigenen Lebensgeist erstickt und auch den Ehrgeiz, etwas selbständig für sich zu leisten. Ich glaube nicht, dass es besonders gut ist, zu viele Dinge abgenommen zu bekommen. Wenn man nicht selbst die Straße runtergeht, um sich eine Zeitung zu holen, wieder zurückgeht und sich hinsetzt, um sie zu lesen, hat man viel weniger körperliche Betätigung. Man muss nur noch den Knopf drücken und hat am Ende lediglich einen sehr muskulösen Zeigefinger.

Wie halten Sie es mit modernen Kommunikationsmöglichkeiten – nutzen Sie Facebook oder Twitter?
Nein, mit Facebook oder Twitter habe ich gar nichts am Hut. Ich versuche auch, so wenig wie möglich ins Internet zu gehen, obwohl mich meine Kinder dazu gebracht haben, das Simsen und den Umgang mit dem iPhone und Emails zu erlernen. Diese Dinge sind auch in der Geschäftswelt sehr nützlich. Ich kann meinem Agenten in New York City um 5 Uhr morgens eine Email schreiben und bekomme einige Stunden später eine Antwort darauf. Das ist schon toll, aber ich versuche, diese Dinge weniger zu nutzen, wenn es um private, emotionalere Mitteilungen geht. Ich schreibe Freunden lieber einen Brief oder versuche, sie telefonisch zu erreichen. Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als schöne, handgeschriebene Briefe mit der Post kamen. Man freute sich darauf, sich hinzusetzen und diese in Ruhe zu lesen. Und manchmal freute man sich auch darauf, sie zu riechen. Wenn sie von einer Frau parfümiert worden waren, bedeutete einem das als junger Mensch unglaublich viel. Menschen machen das heute nicht mehr. Außerdem kann man in einer Email sehr leicht missverstanden werden.

Gibt es andere Werte von früher, die Sie schätzen – ihre Figur „Frank“ ist beispielsweise ein leidenschaftlicher Leser...
Wir haben doch unsere fünf Sinne, oder? Sehen, riechen, hören, tasten und schmecken – ein Buch zu fühlen, es auf seinem Nachttisch liegen zu haben und in die Hände zu nehmen, ist doch toll. Das mag nun furchtbar sentimental oder altmodisch klingen, aber es gibt doch nichts, was die menschliche Berührung ersetzen kann. Mir bereitet selbst ein Lesezeichen Vergnügen, wenn ich mein Buch wieder in die Hand nehme, die Seite umblättere und weiterlese. Ein Kindle ist praktisch, wenn man auf Reisen ist, beispielsweise im Flugzeug, wenn man nicht all die schweren Bücher mitschleppen muss. Aber ich freue mich mehr darauf, dass mich ein richtiges Buch erwartet, wenn ich wieder nach Hause komme.

Der Frank im Film glaubt, dass er zu viel gearbeitet hat und deswegen nicht oft genug für seine Kinder da war. Ging es Ihnen ähnlich?
Ja, ganz bestimmt. Als meine Kinder noch Babys waren, war das noch nicht ganz so schlimm. Da habe ich die meiste Zeit Theater gespielt. Da war ich tagsüber zuhause und bin arbeiten gegangen, wenn sie ins Bett mussten. Aber als sie dann so zehn, zwölf Jahre alt wurden, habe ich begonnen, eine Menge Filme zu drehen. Dabei bin ich in der ganzen Welt herumgekommen und habe große Phasen ihres Heranwachsens verpasst, weil ich teilweise monatelang nicht zu Hause war. Man kann die Zeit aber nicht zurückdrehen, deswegen ist es sinnlos, das zu bereuen.

Rollen wie in „Deep Space Nine“ oder „Masters of the Universe“ haben Sie angeblich Ihren Kindern zuliebe angenommen. Nach welchen Kriterien suchen Sie sich Ihre Rollen heutzutage aus, nachdem Ihre Kinder erwachsen sind?
Es gab sicherlich Ausnahmen, weil die Privatschulen der Kinder finanziert werden mussten – aber meistens habe ich meine Rollen aufgrund des Drehbuchs und der Konzeption meiner Figur angenommen. Ab und zu habe ich mal Rollen gespielt, die rein kommerziellen Überlegungen entsprachen, aber das hat am Ende meistens nicht richtig funktioniert. Im letzten Jahrzehnt meiner Karriere hatte ich wirklich eine grandiose Rolle nach der anderen, allesamt faszinierend und interessant. Jetzt spiele ich gerade den Priester von Grace Kelly und Fürst Rainier, ein gleichermaßen interessanter wie komplizierter Mann, der versucht, ihre Ehe zusammenzuhalten. Eine bessere Rolle wie in „Robot & Frank“ kann man sich nicht vorstellen. Dann gab es da meine Figuren in „Starting Out in the Evening“, „Wall Street 2“ oder „Good Night, and Good Luck.“ – ich hatte im vergangenen Jahrzehnt wirklich sehr viel Glück mit meinen Rollen.

Auf jeden Fall – und „Frost/Nixon“ nicht zu vergessen...
Ach du liebe Güte, ja, wie konnte ich diese kleine Rolle nur übersehen (lacht)...

...für die Sie eine Oscar-Nominierung erhalten haben. Glauben Sie, dass das Ihre Karriere wieder angekurbelt hat?
Ja. Aber ich glaube, dass das Ganze vor ungefähr 15 Jahren mit dem Film „Dave“ seinen Anfang nahm, damals begannen meine Charakterjahre. Die Tage der Hauptrollen hatten ein Ende, darüber bin ich sehr froh. Ich musste nicht mehr auf jede Kleinigkeit achten und in jeglicher Hinsicht in Schuss bleiben. Seit „Dave“ habe ich fünfzehn oder zwanzig Filme gedreht, bei denen ich immer einen interessanten und unterschiedlichen Charakter spielen durfte.

Der Beginn Ihrer internationalen Karriere ist mit Ihrer Rolle in „Dracula“ verknüpft, in dem Sie eine sehr erotische Interpretation der Geschichte ablieferten. Was denken Sie über das derzeitige Vampir-Revival?
Ich habe von keinem der Filme auch nur eine Sekunde gesehen. Das Genre interessiert mich nicht besonders. Mehr als ein paar Szenenfotos in Magazinen habe ich davon nicht gesehen. „Dracula“ ist eine zeitlose Figur, der wird nie verschwinden. Es wird immer wieder Neuinterpretationen, Remakes und Aufpolierungen des Stoffes geben. Vampire sind einfach faszinierende Kreaturen, und das Interesse an ihnen scheint einfach nicht abzuebben. Soweit ich das beurteilen kann, geht es im aktuellen Vampir-Revival um wirklich sehr junge Vampire und die Faszination, die sie auf junge Männer und Frauen ausüben. So wie ich und meine Kollegen Lugosi oder Christopher Lee die Figur angelegt haben, zielte das eher auf ein reiferes und älteres Publikum.

Glauben Sie, dass „Dracula“ ihre etwas zwielichtigeren Rollen bedingt hat, die Sie in den Jahren danach im Film gespielt haben?
Nein, das denke ich nicht. „Dracula“ war für mich eine einmalige Angelegenheit. Ich war auch mit Argusaugen darauf bedacht, ihn nur ein einziges Mal zu spielen. Und trotzdem bleibt diese Rolle so gut wie nie unerwähnt in Artikeln oder Interviews über mich. Das liegt daran, dass er so eine kraftvolle Figur ist, die sich in den Gedächtnissen der Menschen einfach einbrennt. Nein, ich nehme die Rollen, so wie sie kommen. Ich glaube nicht, dass „Dracula“ meine weiteren Rollen in irgendeiner Weise beeinflusst hat, abgesehen davon, dass ich dem Vampirgenre danach komplett aus dem Weg gegangen bin.

Gibt es noch eine bestimmte Rolle, die Sie gerne einmal spielen würden?
Ja, eine Frau. Ich wollte schon immer mal eine weibliche Rolle spielen. Ich habe nun ein Stück gefunden, das ich in ein oder zwei Jahren vielleicht in Angriff nehmen könnte. Glücklicherweise habe ich derzeit einen ziemlich vollen Terminkalender mit etlichen weiteren Filmrollen. Aber ich hatte immer das Verlangen, zu sehen, ob ich eine glaubwürdige Frauenrolle übernehmen kann, ohne dass es lächerlich oder überzogen wirkt. Nun habe ich die passende Geschichte und einen guten Autor gefunden, warten wir also ab, was sich daraus entwickelt. Schwierig dürfte nur werden, Stöckelschuhe für mich zu finden, denn ich habe Schuhgröße 48½!

Das wäre dann aber für ein Theaterstück, nicht für einen Film, richtig?
Klar, auf jeden Fall fürs Theater! Ich glaube kaum, dass man mich so in einer Nahaufnahme sehen will. So etwas schaut man sich besser aus der Entfernung an.

Interview: Frank Brenner

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