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Nach seiner Verzweiflungstat: Nikolaj Coster-Waldau in „Zweite Chance“

„,Zweite Chance‘ ist noch finsterer als ‚Game of Thrones‘“

30. April 2015

Nikolaj Coster-Waldau über „Zweite Chance“, seine Träume und die Hitserie „Game of Thrones“ – Roter Teppich 05/15

Mit 24 Jahren spielte Nikolaj Coster-Waldau 1994 in seinem Kinodebüt „Nachtwache“ bereits die Hauptrolle und erlangte internationale Bekanntheit. Danach war der Däne in Arthouse-Hits wie „Stealing Rembrandt – Klauen für Anfänger“ und „Jo Nesbø’s Headhunters“, aber auch in Hollywood-Blockbustern wie „Königreich der Himmel“, „Firewall“ oder „Oblivion“ zu sehen. Als Jaime Lannister hat er sich mit „Game of Thrones“ ein neues Millionenpublikum erobert. Am 14. Mai startet mit Susanne Biers „Zweite Chance“ sein neuer Kinofilm, in dem er einen Mann verkörpert, der nach dem Tod seines Babys ein fremdes stiehlt.

engels: Herr Coster-Waldau, wenn Susanne Bier anruft, sagt man dann direkt für den Film zu oder will man trotzdem erst das Drehbuch lesen?

Nikolaj Coster-Waldau: Ich habe zuerst das Drehbuch gelesen. Ich war aufgeregt, als sie angerufen hat, aber dann habe ich erst das Drehbuch gelesen, und war noch immer sehr aufgeregt. Die Geschichte hat mich sehr bewegt. Dann habe ich sie zurückgerufen und für den Film zugesagt. Das war recht unkompliziert und einfach. Ich war zu der Zeit in New York und drehte diese alberne Komödie „Die Schadenfreundinnen“, was aber eine Menge Spaß gemacht hat, und „Zweite Chance“ hätte kaum gegensätzlicher sein können, deswegen fühlte es sich wie der perfekte nächste Schritt an.

Es gibt im Film jede Menge Grauschattierungen, fanden Sie das auch interessant?

Ja, das entspricht doch ziemlich genau dem, wie wir alle sind. Keiner von uns lässt sich in eine eindeutige Kategorie stecken. Wir sind alle eine Mischung der unterschiedlichsten Dinge, und solche Figuren zu spielen ist sehr interessant, weil es unseren menschlichen Erfahrungen so nahe kommt. Mich interessiert an der Schauspielerei, dass man Dinge erforscht, sich Gedanken darüber macht, was etwas bedeutet und warum wir uns so verhalten, wie wir uns verhalten. Das ist sehr faszinierend. Wir können sehr starke Moralvorstellungen und Überzeugungen haben, und dann tun wir trotzdem etwas, was all dem widerspricht, und uns am Ende selbst überrascht. Jeder von uns findet in seiner eigenen Vergangenheit sicherlich Dinge, die er getan hat, auf die er nicht sonderlich stolz ist, und deren Ursache nicht zu leicht zu erklären ist – man war schließlich nicht jedes Mal betrunken (lacht). Das kann man als Grauschattierungen bezeichnen, aber ich glaube, man findet das in jedem von uns.

Susanne Biers Filme sind meist sehr emotional. Können Sie weinen, wenn Sie sich einen Film anschauen?

Ich kann bei allem weinen, was ich mir anschaue, auch bei Zeichentrickfilmen. Ich bin gar nicht so hart, wie man vielleicht denken könnte (lacht).

Der Film zeigt uns, wie schwierig es ist, Eltern zu sein. Nichts bereitet einen darauf vor... Wie war es für Sie als zweifachen Familienvater?

Es war eine wundervolle und total verrückte Erfahrung für mich. Ja, die ganze Welt ändert sich nach der Geburt eines Kindes. Zumindest meine Welt, ich kann ja nicht für die Erfahrungen der anderen sprechen. Man ist danach nie wieder selbst der Mittelpunkt des Universums, und das ist für einen Schauspieler besonders schwer zu ertragen (lacht).

Sind Ihre Träume, die Sie vor 20 Jahren hatten, als Sie mit „Nachtwache“ berühmt wurden, alle in Erfüllung gegangen?

Das Lustige an Träumen ist, dass sie sich ständig ändern, oder nicht? Noch vor „Nachtwache“ war mein Traum, einmal Schauspieler zu werden und meinen Lebensunterhalt verdienen zu können. Dann träumte ich davon, als Schauspieler um die Welt zu reisen und vielleicht in England oder Hollywood zu arbeiten. Und das ist mir gelungen, denn ich hatte eine Menge Glück. Aber wie sich etwas tatsächlich entwickelt, weiß man nie, und das ist das Schöne am Leben. Wenn ich mich heute daran zurück erinnere, was ich als 20jähriger für Vorstellungen von der Welt hatte, dann ist das schon irgendwie süß. Das Komische an meinem Job ist ja auch, dass man tatsächlich in der Zeit zurückgehen und sich anschauen kann, was man damals gemacht hat. Ich habe „Nachtwache“ nun schon sehr lange nicht mehr gesehen, aber ich habe den Eindruck, mich noch immer daran zu erinnern, obwohl ich mir nicht so sicher bin, dass er mir heute noch gefallen würde (lacht).

„Game of Thrones“ ist in Deutschland sehr populär, und viele Ihrer Fans werden von „Zweite Chance“ überrascht sein, da er so gänzlich anders ist...

Ich versuche, unterschiedliche Dinge zu drehen. Ich mag das, weil es einen in kreativer Hinsicht herausfordert. Man hat mir in den letzten Jahren eine Menge anderer Ritter-Rollen angeboten, aber die üben nicht die gleiche Anziehung auf mich aus. Wenn ein tolles Drehbuch dahinter gesteckt hätte, hätte ich angenommen, auch wenn ich wieder einen Ritter gespielt hätte, der mit seiner Schwester schläft. Aber so ein Drehbuch war nicht dabei. Ich vertraue bei meiner Rollenauswahl meinen Instinkten. Ich mag unterschiedliche Stoffe, und ja, ich glaube, „Zweite Chance“ ist sogar noch finsterer als „Game of Thrones“ (lacht).

Wie hat sich Ihr Leben seit „Game of Thrones“ verändert?

Es fühlt sich gar nicht so an, als ob sich mein Leben verändert hätte. Natürlich hat es sich in beruflicher Hinsicht verändert, denn es bieten sich mir seither viel mehr Möglichkeiten. Es tut nicht weh, „Game of Thrones“ zu drehen. In persönlicher Hinsicht kann ich noch keine Unterschiede feststellen. Vielleicht kann ich auf diese Frage in zehn Jahren eine zufriedenstellendere Antwort geben. Ich gehe noch immer jeden Tag persönlich einkaufen, ich lebe in Dänemark, da scheren sich die Leute nicht im Mindesten!

Was hat Sie an Ihrer Rolle in „Game of Thrones“ gereizt?

Ich wüsste nicht, was mir daran nicht hätte gefallen sollen! In der ersten Folge schläft er mit seiner Schwester und versucht dann, ein unschuldiges Kind umzubringen, das ist doch perfekt! Man hat mir erzählt, was in den ersten drei Staffeln passieren würde, deswegen kannte ich die Hintergründe meiner Figur. Jeder hat eine Vorstellung davon, wer meine Figur in dieser Welt ist, und plötzlich erfährt man seine Geschichte aus einer ganz anderen Perspektive. Man soll eben nichts nach dem äußeren Anschein beurteilen. Damit kann sich doch jeder identifizieren. Es gibt nichts Schlimmeres, als in ein Zimmer zu kommen, in dem schon alle Anwesenden eine klare Vorstellung davon zu haben glauben, wer du bist. Ich konnte mich mit JaimeLannister und seinen Erfahrungen identifizieren, und wenn man den zeitlichen Rahmen zur Verfügung hat, seine ganze Geschichte zu erzählen, ist das doch toll. Es geht in der Serie ja häufig um Themen wie Gut und Böse, aber auch um die eigene Sicht der Dinge darauf. In den Augen einiger mag jemand ein Terrorist sein, aus der Sicht anderer ist derselbe ein Freiheitskämpfer. Das ist interessant.

Haben Sie den phänomenalen Erfolg der Serie vorausgesehen?

Ich wusste es schon am ersten Tag der Dreharbeiten (lacht). Nein, natürlich nicht. Ich habe Freunden davon erzählt, dass ich einen Job in einer HBO-Serie hätte, das fanden viele schon sehr beeindruckend. Schauspielfreunde fragten mich, ob es bei einer dieser coolen Serien wie „Entourage“ sei. Als ich ihnen dann erklärte, dass es eine Serie mit Drachen und übernatürlichen Elementen sei, waren sie erstmal skeptisch. Bei „Game of Thrones“ geht es um die Menschen in dieser Welt, das ist das Interessante daran. Um sie herum gehen die verrücktesten Dinge vor sich, aber eigentlich geht es um die Menschen selbst. Das liebt das Publikum. Und das ist weltweit so erfolgreich, weil es sich in einem Paralleluniversum abspielt. Es passiert nicht in Detroit, nicht in London, sondern in Westeros, das könnte überall sein. Aber niemand konnte ahnen, wie erfolgreich die Serie werden würde.

Also kannten Sie George R.R. Martins Romane im Vorfeld nicht?

Nein, ich kannte sie nicht und wusste auch nicht, wie erfolgreich sie waren. Ich schäme mich dafür, aber ich hatte noch nichts von ihnen gehört. Die ersten drei Romane habe ich mittlerweile gelesen, aber danach aufgehört, weil sich die Fernsehserie nun zu etwas Eigenständigem entwickelt hat.

Interview: Frank Brenner

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