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„Barkouf ou un chien au pouvoir“
Foto: Klara Beck

Hunde an die Macht!

25. September 2019

Jacques Offenbachs „Barkouf ou un chien au pouvoir“ – Opernzeit 10/19

Hier wird der Hund zum Herrscher gemacht: Nachdem das Volk innerhalb eines Jahres zehn unfähige Gouverneure aus dem Fenster geworfen hat, soll der Vierbeiner Barkouf die Autorität des Staates wiederherstellen. Doch es kommt ganz anders...

Das orientalische Lahore ist fiktiver Ort der Handlung und verweist auf die politischen Zustände in Paris zur Zeit des Zweiten Kaiserreichs unter Napoleon III: Der Großmogul, ein Autokrat par excellence, ist in Bedrängnis. Er meint einen strategischen Schachzug zu begehen, als er in Zeiten des politischen Aufruhrs einen Hund zum Vizekönig macht, damit dieser die Autorität des Staates wiederherstellt. Das Gebell des Vierbeiners „übersetzt“ eine „Hundeflüsterin“, die jedoch mit zum Tode verurteilten Anarchisten befreundet ist, wovon der Großmogul natürlich nichts ahnt. Schon bald kommt es zu unerwarteten Steuersenkungen, der Abschaffung der Todesstrafe und Amnestien zum Wohle des Volkes und, nach allerlei Irrungen und Wirrungen, schließlich auch zum Happy End der zentralen Liebesgeschichte.

Nach dem überwältigenden Erfolg von „Orphée aux Enfers“,die Offenbach die französische Staatsbürgerschaft einbrachte, erhält er 1859 mit dem Kompositionsauftrag für „Barkouf“ zum ersten Mal ein Engagement an der altehrwürdigen Opéra Comique in Paris. In den feineren Kreisen gilt Offenbach jedoch immer noch als obszön und anstößig, weshalb ihn der Intendant mit der Vertonung eines Librettos des allgemein anerkannten Eugène Scribe beauftragt. Nichts desto trotz verlangt die Pariser Zensurbehörde eine Überarbeitung der scharfen Parodie patriarchaler Herrschaftsformen, bis der Text schließlich in stark abgemilderter Form vertont werden darf. Offenbach mischt in der Partitur den musikalischen Stil der Buffa- und Seria-Oper, so dass Burleske und Drama ineinander greifen und grotesk-komische Tableaus im Stile Rossinis mit lyrisch-sentimentalen Szenen abwechseln.

Aufgrund von Intrigen und Vorverurteilungen während der Probenzeit ist die Premiere am 24. Dezember 1860 ein programmierter Misserfolg bevor sie über die Bühne geht. Trotz der positiven Reaktion des Publikums wird das Stück bereits nach wenigen Vorstellungen abgesetzt und von der Kritik verrissen. Eine bürgerliche Pressekampagne verurteilt Offenbachs Musik als eine „Invasion aus Deutschland“, da in Paris die Proben zum „Tannhäuser“ des umstrittenen Richard Wagner begonnen haben. Hector Berlioz wirft Offenbach sogar vor, „der Wind, der durch Deutschland weht“, habe seinen stümperhaften Kompositionsstil geprägt. Das Stück verschwindet in den Notenarchiven und scheint endgültig verloren als beim großen Brand der Opéra Comique 1887 das ganze eingelagerte Notenmaterial in Flammen aufgeht.

130 Jahre später findet der Musikwissenschaftler Jean-Christophe Keck, in einem bis dahin unzugänglichen Archiv der Familie Offenbach, das handgeschriebene Barkouf-Particell und spürt an einer amerikanischen Universität die Orchesterfassung auf, die dort unter einem falschen Namen archiviert war. Zu Offenbachs 200. Geburtstagsjubiläum wird das Werk zum zweiten Mal aus der Taufe gehoben. Man darf gespannt sein, denn der Stoff hat als Parodie auf die Inkompetenz von Machthabern nichts an seiner Aktualität verloren.

Wo zu sehen in NRW?

Oper Köln im Staatenhaus | 12.(P), 17., 20., 23., 27., 30.10., 1., 3.11. | 0221 22 12 84 00

Kerstin Maria Pöhler

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