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Am Ende ihres Lebenswegs angekommen: Senta Berger als Rosalie in „Ruhm“.
Foto: Verleih

„Wir Europäer machen uns lächerlich“

23. Februar 2012

Senta Berger über „Ruhm“, Fanpost aus dem Ausland und ihre späten Charakterrollen – Roter Teppich 03/12

1941 kam Senta Berger in Wien auf die Welt. Schon als Schülerin stand sie das erste Mal vor der Kamera. Ihre mehr als fünf Jahrzehnte andauernde Karriere führte sie in den 60er Jahren bis nach Hollywood („Sierra Charriba“, „Der Schatten des Giganten“), seit Mitte der 80er Jahre ist sie hierzulande einer der beliebtesten Fernsehstars („Kir Royal“, „Die schnelle Gerdi“, „Unter Verdacht“). In der Romanverfilmung „Ruhm“ spielt sie nun im Kino eine Frau mit Selbstmordabsichten.

engels: Frau Berger, was bedeutet Ruhm für Sie?
Senta Berger:
Ich glaube schon, dass man sehr genau hinschauen muss, was Ruhm ist. Es gibt ja heute den „5-Minuten-Ruhm“, den meinen Sie wahrscheinlich nicht. Dann gibt es Ruhm als Anerkennung, Ruhm als ein größeres Stück Freiheit. Damit hat man für sich selbst mehr Möglichkeiten des Auswählens, aber auch die Freiheit, Dinge, die man gut findet, anzustoßen und auf den richtigen Weg zu bringen. Ruhm kann natürlich auch sehr niederdrückend sein, wie wir an den großen amerikanischen Stars sehen. Die machen alle zwei oder drei Jahre einen Film, der nicht nur ihre Gage oder ihre Beteiligung wieder einspielen muss, sondern das komplette Produktionsbudget, das ist schon eine unendliche Verantwortung. Dazu sehen sich europäische Schauspieler vollständig außerstande, wir haben auch eine ganz andere Tradition. Als ich mit Kirk Douglas in Israel drehte, haben wir uns auch privat sehr gut verstanden und sind uns nahe gekommen. Ich erzählte ihm von meinen Anfängen beim Theater und was ich dort gespielt hatte. Da sagte er mir, dass er wahnsinnig gerne den Jago auf der Bühne spielen würde. Ich sagte ihm: „Dann mach es doch, spiele ihn. Du kannst doch sogar die ganze Produktion auf die Beine stellen!“ Da erwiderte er: „Stell Dir vor, wenn das ein Reinfall wird, stell Dir vor, was dann mit mir passiert! Dann ist es aus! Ich darf mich nicht lächerlich machen.“ Wir Europäer machen uns lächerlich! Schauen Sie sich doch Gérard Depardieu an, wie lächerlich der sich macht!

Was ist heute von Ihrem Ruhm in Hollywood geblieben? Haben Sie noch Verbindungen zu den Kollegen von damals, bekommen Sie noch viel internationale Fanpost?
Fanpost bekomme ich, das liegt hauptsächlich an den Fotos, die damals entstanden sind, die wirklich ein schönes, junges Mädchen zeigen. Manchmal bin ich so gemein, unterschreibe das Foto des schönen, jungen Mädchens und lege dann noch ein Autogrammfoto von mir heute dazu (lacht). Dann schicke ich es wieder nach Amerika oder Japan, von dort erhalte ich noch sehr viele Anfragen, kistenweise. Verbindungen zu Kollegen von damals habe ich wenige, wie sollte das auch gehen. Man schließt sehr schnell sehr intensive Freundschaften, aber es ist sehr schwer, das dann aufrecht zu erhalten. Ich habe vor kurzem Robert Wagner wiedergesehen, der zusammen mit seiner Frau München besuchte. Da waren wir zusammen Abendessen und haben von früher geredet. Aber es ist schon merkwürdig, wenn sich da zwei Menschen wiederbegegnen, die sich schon seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen haben.

Sie werden viele Filmangebote bekommen – wie lockt man Sie vor die Kamera, was muss ein Drehbuch haben, damit Sie zusagen?
Ich muss Ihnen widersprechen, ich bekomme durchaus nicht viele Drehbücher angeboten, aber doch immer wieder sehr schöne. Ich wähle diese danach aus, wie die Geschichte ist, ob ich diese miterzählen möchte und ob ich das kann. Wichtig ist mir auch, ob meine Figur darin von mir auch glaubwürdig gespielt werden kann. Wenn ein Buch gut geschrieben ist, stellen sich einem diese Fragen allerdings gar nicht, dann spielt man es einfach, wie eine Partitur vom Blatt. Das gibt es aber ganz selten.

Geht Ihnen das Thema Freitod oder Sterbehilfe auch persönlich sehr nahe, weil man Sie nach „Satte Farben vor Schwarz“ nun schon zum zweiten Mal in einer Rolle sieht, die sich damit auseinandersetzt, oder war das Zufall?
Das Thema stand überhaupt nicht im Vordergrund. Das war wirklich ein Zufall, dass „Satte Farben vor Schwarz“ ein Jahr zuvor als Kinofilm gemacht worden ist, und jetzt eben „Ruhm“. Aber ich glaube gar nicht, dass der Freitod das Prägende ist an der Episode, in der ich mitspiele. Ich glaube, die Schicksalspointe daran ist, dass mit einem Federstrich ein Leben verändert wird, und das wünschen wir uns ja alle immer mal wieder. Mit einem Federstrich etwas ungeschehen zu machen, das Leben umzuschreiben, ist ein großer Wunsch von uns allen. Das hat mich gereizt. Ich habe mir schon als Kind vorgestellt, aus meinem Märchenbuch würden die Figuren steigen, ich könnte mit ihnen sprechen und könnte ihnen sagen, wer ich bin. Das hat mich mit meiner ausufernden Phantasie schon als kleines Kind beschäftigt.

Was würden Sie denn an Ihrem Leben anders machen wollen, wenn Sie die Gelegenheit dazu hätten?
Ich würde gerne noch einmal jung sein wollen! Ich würde gerne noch einmal zurückgehen zu der Stunde, in der wir nichts voneinander wussten. Das sind doch immer die schönsten Augenblicke, wenn man noch nicht einmal den Namen des anderen weiß. Das ist schön, das würde ich gerne machen.

Würden Sie denn grundlegende Entscheidungen heute anders fällen?
Ach, das ist eine so hypothetische Frage (lacht). Man macht andere Fehler. Man macht immer wieder neue Fehler. ‚Scheitern, scheitern, besser scheitern’ hat der Tabori gesagt.

Sind Sie eher ein Mensch, der optimistisch nach vorne schaut, oder jemand, der zurückblickt und überlegt, was er hätte ändern können?
Rückwärtsgewandt im Sinne von Erinnerungen, die hochsteigen, und die ich gerne zulasse, bin ich auf jeden Fall. Aber nicht in dem Sinne, dass ich meine Entscheidungen in Frage stelle und Gewissensqualen austrage. Ich denke oft darüber nach, dass ich Menschen unrecht getan habe, und dass ich das heute erst verstehe. Dazu gehört auch mein Vater. Das ist natürlich eine sehr schmerzliche Erfahrung, die man auch mit sich herumträgt und an der man nichts mehr korrigieren kann. Mein Vater war ein sehr schwieriger Mensch, und ich war sehr ungeduldig. Ich hatte nicht das richtige Verständnis für ihn, das habe ich erst heute.

Sie haben für den Schauspielunterricht am Max-Reinhart-Seminar das Gymnasium abgebrochen. Ihr Erfolg hat Ihnen in dieser Entscheidung sicherlich recht gegeben …
Ganz zu Beginn meiner Karriere, als ich mit meinen ersten Filmen bei Artur Brauners CCC-Film doch ziemlich unglücklich war, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, das Abitur doch noch nachzumachen und dann Theaterwissenschaften, Literatur oder Germanistik zu studieren. Das hat mich schon immer interessiert, ich habe auch schon immer gerne geschrieben. Das wäre vielleicht noch eine Option gewesen, aber es ist ja nie dazu gekommen. Aber ich bin auch froh darüber, denn ich habe den idealen Beruf für mich gefunden. Das ist ein tolles Privileg, wenn man den Beruf ausübt, den man für sich gewählt hat. Das gibt es sehr selten in unserer Zeit. Und ich habe die Anlagen dazu: die Fantasie und auch ein bisschen die Abenteuerlust. Text lerne ich sehr, sehr leicht, es fällt mir irgendwie zu.

Abgesehen von diesen bescheidenen Anfängen können Sie auf eine breite Palette herausragender Rollen zurückblicken. Wie gehen Sie damit um?
In Deutschland habe ich im Grunde genommen erst in den letzten zehn Jahren die Chancen bekommen, die ich mir immer gewünscht habe. Das stimmt nicht ganz, denn es hat seit „Kir Royal“, und das liegt ja immerhin 25 Jahre zurück, immer sehr schöne Aufgaben gegeben, beispielsweise mein Lieblingskind, „Die schnelle Gerdi“, das war wirklich ein gefundenes Fressen für mich. Dramatische und schwierige Charakterrollen sind aber erst in den letzten zehn Jahren zu mir gekommen. Wahrscheinlich auch durch „Unter Verdacht“, denn ich glaube, dass mir die Eva Prohacek so ein Plateau geschenkt hat, auf dem wahrgenommen wurde, was ich dann auch in andere Rollen habe einbringen können.

Kennen Sie noch so etwas wie Lampenfieber?
Ja! Schrecklich. Das wird immer schlimmer. Da kann ich junge Kollegen leider nicht trösten. Man weiß im Laufe der Zeit einfach mehr: Man weiß, dass etwas schief gehen kann, man weiß mehr über sich. Man möchte es gerne so machen, wie man es vorbereitet hat. Man möchte es so hinbekommen, dass einem nicht die Nervosität einen Strich durch die Rechnung macht. Wenn ich Lesungen mache, ist das Lampenfieber besonders stark, denn dann bin ich ja ganz alleine auf der Bühne! Im Ensemble ist man doch aufgehobener, obwohl man dort natürlich auch alleine ist, wenn die Klappe gefallen ist.

Hat es Sie eigentlich nie gereizt, auch einmal in einem „Tatort“ mitzuspielen?
Ich mache doch einen „Tatort“, aber einen anderen (lacht). Aber ich glaube auch, diese Vermengung wäre gar nicht möglich. Ich kann nicht auf der einen Seite ein paar Mal im Jahr als Kriminalrätin auftreten [gemeint ist die Serie „Unter Verdacht“; die Red.] und dann ermordet werden (lacht).

Bei „Zettl“ haben Sie wieder mit Helmut Dietl zusammengearbeitet und mit der Mona eine Rolle aufleben lassen, die 25 Jahre alt ist …
Er hat das aufleben lassen! Es war eine kleine Sentimentalität von ihm, denn die Mona ist so eine Art Bindeglied zwischen den beiden Arbeiten, die sonst eigentlich recht wenig miteinander zu tun haben. In der Presse wurde die Produktion aus guten Gründen an „Kir Royal“ angebunden, weil das damals ein so großer Erfolg war. Aber es ist doch eine sehr viel härtere und bissigere Angelegenheit, mit der wir es bei „Zettl“ zu tun haben.

Interview: Frank Brenner

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