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„Das Buch Witsch“ bei KiWi (2014)Starker Opportunist
Bild: KiWi-Verlag

Starker Opportunist in schweren Zeiten

11. Dezember 2014

„Das Buch Witsch“ erzählt die politische Geschichte des Mitgründers des KiWi-Verlags – Literatur in NRW 12/14

Joseph Caspar Witsch (JCW) gilt als einer der großen Verleger der alten Bundesrepublik. Er war nicht nur ökonomisch erfolgreich, sondern prägte auch wesentlich das literarische und das (kultur)politische Leben mit. Bei Kiepenheuer & Witsch publizierten Heinrich Böll und Vicki Baum, Ignazio Silone und Don Delillo, Wolfgang Leonhard und Günter Wallraff, Manès Sperber, Saul Bellow, Julian Barnes und Gabriel Maria Márquez, Erich Maria Remarque oder Dieter Wellershof. „Umso erstaunlicher ist es“, heißt es vor diesem Hintergrund im Vorwort, „dass über den Lebensweg JCWs im Vergleich zu den sogenannten Gründerfiguren des bundesrepublikanischen Verlagswesens wenig bekannt war und ist.“ Dem soll nun der vorliegende Band abhelfen, der sich – so der Autor – „Witsch I, dem homo politicus“ widmet. Der Folgeband wird sich mit „Witsch II, dem literarischen Verleger“ beschäftigen.

Frank Möller
Frank Möller, Foto: privat
Frank Möller ist Historiker und Publizist. Von ihm erschienen u. a.: Zukunftsprojekt Westwall. Wege zu einem verantwortungsbewussten Umgang mit den Überresten der NS-Anlage, Weilerswist 2008 (hrsg. zus. m. Karola Fings); Das Buch Witsch. Das schwindelerregende Leben des Verlegers Joseph Caspar Witsch, Köln 2014, 778 S.

„Es ist nicht leicht, eine Biographie zu schreiben“, zitiert Möller gleich mehrfach Marek Hlasko, der diesen Satz JCW anlässlich dessen 60. Geburtstags zuschrieb. Eine treffende Aussage: JCW wächst in Köln auf, wechselt 1936 nach Jena und wird oberster Volksbibliothekar von Thüringen, ist Mitglied der NSDAP, baut nach Kriegsende das Bibliothekswesen in der SBZ mit auf, wird nun via SPD SED-Mitglied und trägt auch das Parteiabzeichen, geht in den Westen, als ihm in Jena NS-Verstrickungen vorgeworfen werden. Wieder am Rhein gründet er den Verlag nicht ohne Streit und wird im Kalten Krieg mit Titeln wie ‚Berliner Kreml‘ der „Hausverleger“ des Ministeriums für gesamtdeutsche Fragen und deutsche Adresse des weltweit agierenden antikommunistischen „Kongresses für kulturelle Freiheit“, der wiederum vom der CIA finanziert wird. Zu den verlegerischen Tätigkeiten gehört auch die Bereitstellung konspirativer Literatur für die DDR. JCW gilt als charmanter bis charismatischer Gesprächspartner, als kollegialer und fürsorglicher Chef, der schon als Bibliothekar vor allem die „Fachlichkeit“ im Blick hatte. Nicht erst als Verleger konnte er seine Mitarbeiter begeistern. Er ist darauf bedacht, allzu linke Ansichten aus seinem Verlagsprogramm fern zu halten, zugleich einer der ersten, die Bücher über die NS-Zeit auflegen. Das Programm ist dabei durchaus ausgewogen. Neben den Memoiren des „einzig anständigen“ NS-Generals Frido von Senger und Etterlin oder des SS- und RSHA-Mannes Walter Schellenberg (mit kritischem Kommentar versehen) werden etwa die erste umfassende Darstellung der Nürnberger Prozesse oder William L. Shirers „Aufstieg und Fall des Dritten Reiches“ publiziert. Die Reaktionen auf diesen späteren „Klassiker“ sind beim Erscheinen ambivalent bis ablehnend. Witsch kommentiert erregt: „Natürlich passt den Leuten die ganze Richtung nicht, natürlich wollen sie nicht gern hören, wer alles dafür war, alles mitgespielt hat, die Herren vermissen jetzt die Tragik …“.

Die fachhistorische Unterstützung von Witsch blieb gering. Die damalige deutsche Historikerelite war nationalkonservativ und „an einer detaillierten Analyse des NS-Systems“ nicht interessiert. Sie mochte eher ihre traditionell idealistische und nationalpolitische Sicht der Dinge verteidigen. Freilich war auch Witsch beim Blick auf die NS-Zeit nicht immer so entschieden, insbesondere, wenn es um seine eigenen Aktivitäten ging. „Es gibt Zeiten, in denen der Mensch nur überleben kann, wenn er Opportunist ist“, bilanzierte er Anfang der 1960er Jahre. „Wenn (der Mensch) moralisch handelt und wenn er den Begriff der Freiheit und den Begriff des Menschen ernst nimmt, verlangen die Umstände von ihm, sich zu benehmen wie ein Held; (ein anderer), (der) das nicht ist, verlang(t) von ihm, sich anzupassen.“ Etwa zeitgleich konstatierte er, „dass in diesem augenblicklichen Punkt der Geschichte für uns der Nationalsozialismus eine erledigte Gefahr, der Bolschewismus aber eine von Tag zu Tag zunehmende Bedrohung unserer Freiheit darstellt“. Die umfängliche Biographie (erster Teil) erzählt so manch „Schwindelerregendes“ über den bürgerlichen Verleger und entwirft zugleich ein Stück deutscher Mentalitätsgeschichte.

Frank Möller „Das Buch Witsch. Das schwindelerregende Leben des Verlegers Joseph Caspar Witsch“, 778 S., Köln 2014, Kiepenheuer & Witsch

Wolfgang Hippe

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