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Regisseur Andreas Fischer (links) und sein Kameramann Panagiotis Costoglou
Foto: David Fleschen

Trauma einer ganzen Generation

30. April 2016

Andreas Fischer präsentierte „Töchter ohne Väter“ im Bürgerbahnhof Vohwinkel – Foyer 04/16

Wuppertal 28. April: Es ist ein Thema, das eine ganze Generation geprägt hat: Fast ein Drittel aller Kinder, die zwischen 1939 und 1945 in Deutschland geboren wurden, wuchsen ohne Vater auf. Die Väter starben an der Front oder kehrten nie aus der Kriegsgefangenschaft heim. Heute wird darüber nicht mehr viel gesprochen. Lange Zeit lebte in Deutschland zudem der Mythos der „Stunde Null“, demzufolge der Zweite Weltkrieg mit all seinen persönlichen Schicksalsschlägen und Schuldaufladungen irgendwo in einer abstrakten Vergangenheit verortet wurde – nur möglichst weit weg von Realität der Gegenwart.

„Doch die Langzeitfolgen des Kriegs reichen viel weiter“, sagt der Regisseur Andreas Fischer, der 1961, also lange nach Kriegsende, geboren wurde und dennoch die Zerrissenheit, die der Krieg in seiner Familie hinterlassen hatte, am eigenen Leib gespürt hat. Aus dieser persönlichen Erfahrung heraus hat er vor zehn Jahren den 3sat-Film „Söhne ohne Väter“ gedreht, in der die Söhne von Kriegsgefallenen über ihr Leben ohne Vater berichteten. Fast ein Jahrzehnt hat es dann noch einmal gedauert, bis Fischer das Projekt mit neun vaterlos aufgewachsenen Töchtern wiederholte. Eine Woche nach dem Kinostart von „Töchter ohne Väter“ präsentierte der Regisseur seinen Film nun gemeinsam mit seinem Wuppertaler Kameramann Panagiotis Costoglou im Bürgerbahnhof Vohwinkel.

„Als ich das Projekt begonnen habe, hatte ich zunächst vermutet, dass die Schicksale der vaterlosen Frauen vielleicht harmloser wären, als die der Männer“, sagt Fischer zu Beginn. „Obwohl der Verlust des Ehemanns und Vaters ein unvorstellbares Schicksal ist, dachte ich, die Frauen hätte sich damit irgendwie arrangiert und ihr Schicksal wie eine WG gemeistert.“ Doch die Gespräche mit den Töchtern der Kriegswitwen zeigten etwas anderes.

Vor ein paar Wochen lief im ZDF der vielbeachtete Dreiteiler „Ku‘Damm 56“, der eben jene vaterlos aufgewachsenen Töchter der Nachkriegszeit zum Thema hatte. Wer sich bei diesem Film über die scheinbar übertrieben kaltblütige Darstellung der Mutter gewundert hatte, erfährt in „Töchter ohne Väter“, dass die emotionale Verbissenheit der Kriegswitwen durchaus charakteristisch für jene Epoche war. Überhaupt handelt Fischers Film genauso von den Müttern der Protagonistinnen, von jenen Frauen also, die im Alter von höchstens 30 Jahren den häufig einzigen Partner überhaupt verloren – und dann den Rest ihres Lebens alleine verbrachten.

Man kann nur erahnen, was dieses Schicksal für die Frauen, die wenige Jahre vorher noch auf glücklichen Hochzeits- und Urlaubsfotos zu sehen waren, bedeutete. Alle Interviewpartnerinnen berichten jedenfalls von einer Mischung aus großer Sorge für die Töchter, die es einmal besser haben sollten als sie selbst, und einer von Hilflosigkeit bestimmten emotionalen Kälte. Da ist die Mutter, die die Lieblingspuppe ihrer Tochter verbrennt, weil sie diese an den Vater erinnert, eine andere, die ihrer Tochter einreden will, sie sei unattraktiv für Männer, wohl weil sie einen weiteren Verlust fürchtet, und wieder eine andere, die mit ihrer Tochter bis ins hohe Erwachsenenalter regelmäßig Urlaubsreisen unternimmt, weil die Zeit nicht vorbeigehen soll. Über den Vater zu sprechen, ist dagegen in allen Familien tabu. Nichts soll an die Vergangenheit erinnern.

Gleichzeitig portraitiert „Töchter ohne Väter“ durchweg starke Frauen, die es trotz – oder gerade aufgrund – ihres Schicksals  geschafft haben, ihren eigenen, emanzipierten Weg im Leben zu finden.

Fischers Film ist schlicht gehalten. Zu sehen sind neben Interviewszenen einzig die Standfotos aus den Familienalben der Interviewpartnerinnen. Es gibt weder Off-Kommentare noch Musik noch Spielszenen. Das ist im Zeitalter der zügig  getakteten History-Dokus ungewohnt und am Anfang etwas mühselig für den Betrachter. Der Film findet aber schnell seinen Rhythmus und  bewegt die Zuschauer durch viele emotionale Szenen. Dann etwa, wenn eine der interviewten Frauen von den beiden Postkarten erzählt, die ihr Vater aus der russischen Kriegsgefangenschaft schrieb. Auf beide Karten ist fein säuberlich eine Geburtstagstorte gezeichnet. Die Geburtstagsgrüße an seine beiden Töchter waren die letzten Lebenszeichen des Vaters.

Die Zuschauer in Vohwinkel, viele stammen selber aus der Generation Jahrgang 39-45, verfolgen den Film sichtlich bewegt. Sie stellen bei der anschließenden Filmdokumentation nicht nur viele Fragen, sondern brennen auch darauf, von ihren eigenen Kriegserfahrungen zu berichten. „Ich finde es bemerkenswert, welch unterschiedliche Lebensschicksale in der Nachkriegszeit aufeinandertrafen und wie schwer der Dialog zwischen den Generationen dadurch war“, sagt Andreas Fischer.

Es ist ein Dialog, der erst in den letzten Jahren in Gang gekommen ist. Noch vor wenigen Jahren fand der Regisseur, so berichtet er, schlicht keine Interviewpartnerinnen, die über ihre schmerzliche Vergangenheit erzählen wollten. Dass sich dies nun geändert hat, liegt auch daran, dass in Russland in den letzten Jahren zehntausende von Massengräbern toter Soldaten identifiziert werden konnten. Die Hinterbliebenen hatten auf einmal einen festen Ort für ihre Trauer. „Praktisch ist es ja eigentlich völlig egal, ob der Vater irgendwo an einem Feldweg oder auf einem Massengrab begraben liegt“, sagt Fischer. „Doch für die Töchter war das unglaublich wichtig. Sie hatten dadurch endlich die Möglichkeit, endgültig mit ihrer Geschichte abzuschließen und ihren Frieden mit ihrem toten Vater zu schließen.“

Eine große Frage berührt der Film dann allerdings nur am Rande: Die Frage nach der Schuld der Väter. Nur eine der neun interviewten Frauen deutet die Verbrechen an, an der ihr Vater beteiligt war. Als Eisenbahnkommandeur schickte er auch Züge nach Auschwitz. Der eigene Vater als Handlanger im Holocaust – dem größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte? Bei dieser Frage antwortet die Tochter nur mit einem leisen „Ja“. Mehr nicht. Es gibt Fragen, die sind auch nach mehr als 70 Jahren zu gewaltig, um diese abschließend zu verarbeiten.

David Fleschen

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