„Nie akzeptieren werde ich Beschneidung von Frauen. Das ist Verstümmelung, das hat mit Religion nichts zu tun“, betont Arif Izgi. Arif Izgi wurde 1958 in der Türkei in einem Dorf, 100 Kilometer von Izmir entfernt, geboren. Heute ist er Vorsitzender des Wuppertaler Integrationsausschusses. Bei kaum einem Thema kochen die Gemüter derart hoch wie bei der Beschneidung: religiöser Initiationsritus, seelische Verletzung oder körperliche Entstellung? Das lässt auch Arif Izgi nicht kalt: „Wenn es wirklich gesundheitsschädigend wäre, dann würden auch Körperfunktionen beeinträchtigt.“ Genau das sieht das Landgericht Köln als gegeben: Es hält Beschneidungen für eine schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit und erklärt 5000 Jahre Kulturgeschichte für gesetzeswidrig. Für muslimische Gemeinden gehört die Beschneidung von Jungen zur religiösen Praxis. Für den zu beschneidenden Jungen ist es ein besonderer Tag: Seine Kleidung besteht aus einer weißen Hose und Jacke, er trägt eine Schärpe, einen roten oder blauen Schulterumhang oder eine Schleife, sowie eine Krone. Die Beschneidungsfeier findet im eigenen Haus, in einem öffentlichen Raum oder im Garten und meist im Sommer statt. „Zimmer und Bett sind schön dekoriert, die Kinder tragen Kostüme. Die Erwachsenen möchten ihnen eine Freude machen.“ Der Beschnittene bekommt Geschenke wie Geld, Schmuck oder Spielzeug.
Die soziale Einheit übt unterschwellig Druck aus und fungiert als Kontrollinstanz
Die Gäste essen gemeinsam, lesen aus dem Koran und musizieren. Die genaue Gestaltung der Feier richtet sich nach den finanziellen Möglichkeiten der Familie und nach den Ritualen und Traditionen des Ortes. Ein gelernter Beschneider, ein sogenannterSünneti, der von Dorf zu Dorf reist, kommt ins Haus und führt das Ritual durch. „Für die Jungen ist es sehr unangenehm. Sie haben Schmerzen“, räumt Arif Izgi ein. „Die medizinische Versorgung auf dem Land ist schlecht.“ Doch die Bräuche wandeln sich: Nicht immer werde die Beschneidung heute noch mit einem Festakt zelebriert. In den größeren türkischen Städten findet sie oftmals unter Betäubung und in einem Krankenhaus statt. Auf den Dörfern sei dies noch anders. Erst mit der Beschneidung werde ein Junge vollwertiges Mitglied der religiösen Gemeinschaft. Die soziale Einheit übe unterschwellig Druck aus und fungiere als Kontrollinstanz.
Für Arif Izgi hängt Religion auch mit gegenseitigem Respekt zusammen: „Es ist gut, dass es Glaubensfreiheit gibt. Die Menschen sollen sich mit Toleranz und Achtung begegnen.“ Das Urteil des Kölner Landgerichts lehnt er ab und warnt vor einem „Beschneidungstourismus“. Er ist sich sicher, dass sich viele Muslime nicht an dieses Urteil halten. „Muslime, die ihren Glauben ausleben wollen, werden auch weiter beschneiden“, so Arif Izgi. Sie dürften nicht dazu gezwungen werden, sich illegal beschneiden zu lassen. „Das ist der falsche Weg.“
Weitere Artikel zum Thema in unseren Partnermagazinen:
www.choices.de/cut-cut-cut
www.trailer-ruhr.de/eine-zweischneidige-debatte
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

„Der Eingriff ist letztlich eine Verstümmelung“
Stefan Wirth über die medizinische Dimension religiös motivierter Beschneidung – Thema 10/12 Beschneidung
„Sie wollen ihren Kindern etwas Gutes tun“
Werner Kleine über die religiöse Dimension der Beschneidung – Thema 10/12 Beschneidung
Wird jüdisches Leben in diesem Land infrage gestellt?
Ulrike Schrader von der „Alten Synagoge“ wendet sich gegen ein Beschneidungsverbot – Thema 10/12 Beschneidung
Der Zipfel des Wahnsinns
Ein Versuch der Annäherung an einen unlösbaren Konflikt – THEMA 10/12 BESCHNEIDUNG
Deckmantel Gefühl
Intro – Guter Umgang
Alles Lüge!
Teil 1: Leitartikel – Duz-Kultur und falsches Wir-Gefühl verschleiern Interessenkonflikte auf der Arbeit
„Das Gefühl, dass hier Nähe entsteht“
Teil 1: Interview – Psychologin Lara Luisa Eder über persönlichen Umgang auf der Arbeit
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Benimm dich!
Teil 2: Leitartikel – Eine Gesellschaft kann nur frei sein, wenn sich ihre Mitglieder an Regeln halten
„Heute sind die Menschen eher bei sich“
Teil 2: Interview – Kommunikationspsychologin Christine Flaßbeck über Sprache im Wandel
Entspannt unterwegs
Teil 2: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Dubidu
Teil 3: Leitartikel – Reiz und Risiken niederschwelliger Verständigung
„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“
Teil 3: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen
Gut erzählte Wahrheit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Öffentlichkeit muss man lernen
Medienbildung als demokratische Aufgabe – Europa-Vorbild Frankreich
Kant war lowkey deep
Career Offboarding Experience: Abschied von der Komplexität – Glosse
Lohn der Angst
Intro – Nach der Arbeit
Sanktionen schaffen keine Stellen
Teil 1: Leitartikel – Politik und Wirtschaft lassen Arbeitslose oft im Stich
„Eine gewisse Unsicherheit und Versagensängste“
Teil 1: Interview – Experte Matthias Auer über den Arbeitsmarkt für Jung-Akademiker
Der ganze Mensch
Teil 1: Lokale Initiativen – Die GESA Gruppe in Wuppertal hilft bei der Rückkehr ins Arbeitsleben
Erst das Vergnügen
Teil 2: Leitartikel – Industriearbeit ist ein Auslaufmodell
„Das BGE würde eher schaden als nützen“
Teil 2: Interview – Philosoph und Ökonom Birger Priddat über die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens
Mehr als Existenzsicherung
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Attac-AG „Genug für alle“ aus Bonn
Klassenkampf von oben
Teil 3: Leitartikel – CDU und SPD wenden sich gemeinsam gegen arbeitende Menschen
„Je länger ein Arbeitstag dauert, desto unproduktiver wird er“
Teil 3: Interview – Gewerkschafter Stephan Krull über kürzere Arbeitszeiten und gesellschaftliche Teilhabe