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Regisseurin Lisei Caspers und Kameramann Fabian Klein
Foto: David Fleschen

Heimat mit Hindernissen

08. März 2017

Lisei Caspers präsentierte den Dokumentarfilm „Gestrandet“ im Rex – Foyer 03/17

Einen Dokumentarfilm über Heimat hatte Lisei Caspers drehen wollen. Es war Weihnachten 2013 und die junge Regisseurin hatte durch Zufall davon erfahren, dass eine Gruppe von fünf Flüchtlingen aus Eritrea ausgerechnet in einem ostfriesischen 1000-Seelen-Dorf ganz in der Nähe ihres eigenen Heimatdorfs auf ihren Asylbescheid wartete. Eine Gegend, in die sich bisher selten Fremde verirrt hatten. Instinktiv merkte Caspers, dass hier etwas in Bewegung gekommen war. Und tatsächlich: Während sie die Flüchtlinge über die nächsten 19 Monate begleitete, änderte sich vieles.

So wenig wie sich ein guter Dokumentarfilm im Vorfeld planen lässt, so wenig konnte man damals erahnen, welche Wucht die Debatte um Flüchtlinge in dieser Zeit bekommen sollte. Der fertige Film „Gestrandet“ ist so am Ende nur am Rande eine  Auseinandersetzung mit der eigenen Heimat gworden. Vielmehr entstand ein bemerkenswertes Zeitdokument über den Dialog zwischen Alteingesessenen und Fremden. Über Enttäuschungen und Missverständnisse, aber auch über Hoffnung.

Kurz: Es geht um ein großes, vielbeachtetes Thema, dass der Film im Kleinen einfühlsam und mit viel Fingerspitzengefühl erzählt. Viel Kritikerlob, eine Nominierung beim renommierten Max-Ophüls-Preis und die baldige Ausstrahlung im Fernsehen konnte „Gestrandet“ so im vergangenen Jahr bereits für sich verbuchen.

Dennoch ist der Termin im Wuppertaler Rex Filmtheater besonders. Denn im Wuppertaler Medienprojekt hat Lisei Caspers einst ihre ersten Erfahrungen als Filmemacherin gesammelt. Und so bot das Medienprojekt nun an, den Film, der im letzten Jahr bereits in zahlreichen Kinos gelaufen ist, im Rahmen seiner regelmäßigen Filmreihe zu präsentieren. Und obwohl an diesem Abend im großen Saal des Rex gleichzeitig Josef Hader seinen neuen Film „Wilde Maus“ präsentiert, ist der kleine Saal des Hauses bis auf den letzten Platz gefüllt. Viele Freunde und Mitarbeiter des Medienprojekts sind vorbeigekommen. Zu Recht ist man dabei auch ein wenig stolz darauf, dass in letzter Zeit immer mehr ehemalige Projektteilnehmer in der Welt des Films ihre Erfolge feiern.

Aber zurück auf die Leinwand. Es geht also um die Geschichte von fünf jungen Eritreern, die irgendwo im tiefsten Ostfriesland „gestrandet“ sind. Dabei geht es gleichzeitig um die beiden ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer Christiane Norda und Helmut Wendt; zwei Persönlichkeiten, die mit ihrer Tatkraft erscheinen, als seien sie dem Bilderbuch für Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit entstiegen.

Und tatsächlich: Am Anfang scheint alles zu passen. Die norddeutsche Provinz, mit ihrer unaufgeregten Ordnung (von Kondom- und Schwimmbadautomaten über Sportvereine bis zur Windenergie ist alles organisiert) scheint auch die Anwesenheit der Eritreer gut zu verkraften. Vorbildlich erscheint ihre Aufnahme. Der Bürgermeister spricht von einem Gebot der Menschlichkeit, die Vereine applaudieren den Gästen beim Ausprobieren der heimischen Sportarten und auch die Eritreer geben ihr Bestes: Sie gehen regelmäßig zum Deutschunterricht, reagieren auf die Flachse der Anwohner mit einem Lächeln und pflastern nebenbei als 1-Euro-Jobber die neuen Parkwege der Gemeinde. „So zuverlässige Arbeiter hatten wir noch nie“, sagt ihr Chef.

Doch diese heile Welt erweist sich schon bald als Illusion. Denn irgendwann zeigt sich: Die Eritreer wollen nicht als Statisten für das gute Gewissen der Einheimischen herhalten. Hinter ihnen liegt Krieg und Tod, die riskante Flucht durch die Sahara und über das Mittelmeer. Angehörige warten zu Hause auf sie. Die jungen Männer wollen richtiges Geld verdienen, das sie nach Hause schicken können. Und sie wollen wissen, wie es weitergeht. Werden sie überhaupt dauerhaft in Deutschland bleiben können? Quälend zieht sich ihr Asylverfahren in die Länge. Das macht jeden Enthusiasmus zunichte. Die Männer arbeiten nicht mehr, lernen kein Deutsch mehr, werden immer deprimierter. Und auch die ehrenamtlichen Flüchtlingshelfer aus Deutschland werden zunehmend resignierter. Die Zuschauer sehen: Hier droht etwas Grundsätzliches zu scheitern. Und zwar nicht, weil der gute Wille der Beteiligten nicht gegeben ist, sondern weil die Situation insgesamt kompliziert ist. Asylbewerber dürfen Hartz-IV-Empfängern keine Arbeit wegnehmen, heisst es jetzt. Und auch der anfangs so euphorische Bürgermeister meldet sich zu Wort. Die meisten Asylverfahren würden negativ beschieden, sagt er. Man müsse realistisch denken. Und dazu kommen dann auch noch die Meldungen aus der Zeitung: Immer mehr Flüchtlinge kommen nach Ostfriesland. 80 neue Asylplätze sollen alleine im nahen Aurich eingerichtet werden.

Wie soll das alles funktionieren? In einer letzten Verzweiflungsaktion schriebt Flüchtlingshelferin Christiane Norda einen Brief an den Bundespräsidenten: „Lieber Herr Gauck, diese Männer haben Potential. Doch sie brauchen eine Perspektive, da es sonst verfällt.“ Die Stimmung ist trist. Waren am Ende einfach alle zu naiv?

Nein, sagt zumindest Lisei Caspers in ihrem Film. Sie will am Ende ein positives Signal senden. Dazu besucht sie die Protagonisten noch einmal für eine letzte Einstellung: Eine Tanzgruppe aus Südafrika ist in der örtlichen Mehrzweckhalle zu Gast. Die Stimmung ist heiter. Inzwischen sind die Asylanträge der Eritreer positiv beschieden worden. Einer der Männer konnte seine Frau nachholen. Bald wollen sie heiraten. Die Zukunft scheint nach wie vor nicht besonders klar umrissen. Aber sie hat wieder einen positiven Grundton bekommen.

„Ist dieser Film nicht ein wenig zu sehr auf Deutschland konzentriert?“, will bei der anschließenden Filmdiskussion ein Besucher wissen. Schließlich sei das eigentlich Schreckliche doch die Diktatur in Eritrea und die Tatsache, dass auf den Fluchtrouten von Afrika bis nach Europa bis zu einem Drittel aller Menschen ums Leben komme. Lisei Caspers antwortet: Klar, diese Problematiken seien allen bewusst, aber in ihrem Film sei es nun mal um den Fokus des Fremdseins und die Annäherung in der Fremde gegangen. Auch das sei schließlich eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit dem Schicksal der Flüchtlinge.

In der Tat: Gerade weil „Gestrandet“ die ursprünglichen Fluchtgründe der Flüchtlinge nur am Rande beleuchtet, gelingt es dem Film, ihren Schicksalen durch Alltagsbeobachtungen in der Fremde menschlich sehr nahe zu kommen. So ist „Gestrandet“ am Ende irgendwie doch ein Film über Heimat geworden. Wenn auch ganz anders, als ursprünglich geplant.

David Fleschen

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