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Rex-Kinobetreiber Mustafa El Mesaoudi und Regisseur Lars Montag (v.li.n.re.)
Foto: David Fleschen

Dem Kleinbürgeridyll ein Schnippchen geschlagen

09. Mai 2017

Lars Montag präsentierte am 6.5. „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ im Rex – Foyer 05/17

Wuppertal 6.5. – In unsteten Zeiten ist die Suche nach dem Glück manchmal schräg und die Tonlage gerät schnell ins politische Inkorrekte. Wer die deutsche Gegenwart im Jahr 2017 beschreiben will, kommt also kaum darum herum, selber anzuecken. Und man höre und staune: Regisseur Lars Montag macht in der Verfilmung des Helmut Krausser-Romans „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ genau das: Ohne Angst vor grotesken Misstönen zeichnet er eine wunderbar schiefe Collage menschlicher Schicksalswege, die gerade weil sie sich streng aufs Private konzentriert, auch ein politisches Stimmungsbild widergibt. Nicht ganz zufällig, erinnern Buch- und Filmtitel an die Nationalhymne.

Einsamkeit und Sex und Mitleid. Wer diesen Titel  etwas sacken lässt, der erahnt, dass wir es hier mit gesellschaftlichen Spiegeln voller Neurosen, sexueller Eskapaden und schizophrener Verirrungen zu tun haben. Es ist wohl nicht nur kokett gemeint, wenn Regisseur Lars Montag, der sein Werk gemeinsam mit seinem Cutter Marc Schubert im Wuppertaler Rex präsentierte, am Ende des Films sein Publikum halb ironisch bemitleidete: „Und das tun Sie sich am ersten schönen Frühlingsabend an?“

In der Tat: Ein bisschen leiden musste das Publikum. Allerdings weniger, weil der Film in puncto Sex and Crime recht explizit wird. Eher schon, weil die Suche nach Glück, sexueller Erfüllung und familiärer Geborgenheit einen Alltagskosmos beschreibt, der den meisten der Zuschauer ziemlich bekannt vorkommen dürfte. Zum Trost findet der Film schon nach wenigen Minuten einen markant-unterhaltsamen Ton und präsentiert dazu ungewöhnliche Bilder, die aus scheinbar banalen Begebenheiten große Wirkung beziehen.

Dabei begegnen dem Zuschauer allerhand abstruse Dinge. „Das Verrückte ist: Alles was wir im Film gezeigt haben, gibt es so wirklich,“ sagt der Regisseur bei der anschließenden Filmbesprechung. Das wären zum Beispiel:  Die Kopfhörer-Diskothek, die das Flirten im Parship-Zeitalter bis ins Nachtleben hinein kanalisiert, der 3D-Drucker, der scheinbar individuelle Begebenheiten in den Maschinen-Kitsch von Hightech-Skulpturen presst, der Waschring zum ordnungsgemäßen Desinfizieren von verdreckten Kleinhunden und selbstverständlich: immer ausgefalleneres Sexspielzeug.

Die Message dahinter ist klar: All diese Gadgets sind kaum der Königsweg zum Glück. „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ verwebt diese Kulisse allerdings so geschickt mit den Episoden seiner Protagonisten, dass das Ganze an keiner Stelle moralisierend rüber kommt.  13 von ursprünglich 30 Charakteren aus dem Krausser-Roman haben es in den Film geschafft. Der verbitterte Hobby-Imker, der frühpensionierte Studienrat, der latent rassistische Polizist, das Call-Boy-und-Call-Girl-Pärchen, die Fotokünstlerin und einige mehr.

Gedreht wurde der Film in Halle und Leipzig. Eigentlich konsequent für einen Deutschland-Film im Jahr 27 nach der Deutschen Einheit. Viel Geld floss hier schließlich in den Aufbau jener modernen Infrastruktur, die der Film so genüsslich demaskiert. „Doch die Filmförderungen waren erst einmal sehr zurückhaltend“, berichtet Lars Montag bei der anschließenden Filmbesprechung. Zu derb erschienen in den offiziellen Stellen die offen rassistische Sprache mancher Figuren. Selbst wenn diese Figuren alles andere als die Sympathieträger im Film sind.

„Eher weniger Geld als in einem Polizeiruf“ stecke in dem Projekt, sagt Montag, der normalerweise auf Fernsehkrimis spezialisiert ist und mit „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ das erste Mal für die abendfüllende Leinwand gearbeitet hat. So habe der Film letzten Endes aus der Not eine Tugend gemacht: Aus wenig Geld sei Enthusiasmus geworden, aus begrenzten Rahmenbedingungen große Improvisation. Und auch für die anfängliche Skepsis der Anwohner habe man ein Mittel gefunden. Statt des etwas anrüchigen Originaltitels wählten die Filmemacher einen Arbeitstitel, der verdächtig nach Til-Schweiger-Idylle klang: Hummeln im Bauch. „Mit diesem Titel haben wir dann auch die Drehgenehmigung in der beschaulichen Vorortsiedlung bekommen“, verrät Lars Montag und lacht. Er scheint sich zu freuen, mit „Einsamkeit und Sex und Mitleid“ der Kleinbürgeridylle ein sehenswertes Schnippchen geschlagen zu haben.

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David Fleschen

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