
Rund 13,3 Millionen Menschen in Deutschland waren im Jahr 2025 armutsgefährdet. Darunter etwa 2,2 Millionen Kinder und Jugendliche. In Wuppertal ist etwa jedes dritte Kind von Armut betroffen, so steht es im Kinder- und Jugendförderplan der Stadt. Susanne Bossy, Vorsitzende von Kindertal e.V., schildert, welche Unterstützung Familien benötigen, welchen Beitrag der Verein leistet und wo Hilfe an Grenzen stößt.
Vor mehr als zwanzig Jahren wurde der Verein von den Wohlfahrtsverbänden Caritas und Diakonie gegründet, um Kinder und Jugendliche in Not zu unterstützen. Jährlich gehen hier mehr als 2.000 Einzelanträge ein. Besonders häufig wenden sich Alleinerziehende an den Verein – sie gehören zu den am stärksten von Armut gefährdeten Gruppen. Häufig geht es um „Kleidung, Kinderbetten, Matratzen, Schul- und Erholungsmaßnahmen. Das sind so die Renner bei uns“, sagt Bossy.
Viele Alleinerziehende
Kindertal zahlt kein Geld aus. Stattdessen übernimmt der Verein die Kosten für die jeweilige Anschaffung oder Maßnahme, sofern die finanzielle Not glaubhaft gemacht wird. Es ist als einmalige Hilfe gedacht: „Jedes Kind in Wuppertal soll einmal gefördert werden.“ Daneben fördert Kindertal soziale Projekte, die Freizeit- und Ferienangebote bereitstellen. „Mit den geförderten Projekten erreichen wir zusätzlich zu den Kindern mit Einzelanträgen noch weit mehr Kinder“, so Bossy.
In der Regel gehe es nicht um äußerste Notlagen. Vielmehr fehle es an Kleidung, Möbeln oder der Möglichkeit, an Erholungs- und Freizeitangeboten teilzunehmen. Als Beispiel nennt Susanne Bossy die Teilnahme an einem Trainingslager, die Eltern ihrem Sohn nicht ermöglichen konnten. „Wenn man in unserem Land nicht bei seinem eigenen Verein das Trainingswochenende bezahlen kann, dann ist das Armut in unserer Gesellschaft“, sagt Bossy.
Gefährdete Zukunft
Dass Kinder auf solche Dinge verzichten müssen, könne Folgen für ihr soziales Leben haben. „Kinder, die keine Matratze oder kein Bett haben, trauen sich nicht, Freunde einzuladen. Das schiebt Kinder an den Rand“, erklärt Bossy. Wenn sich Kinder immer wieder ausgegrenzt fühlten, gefährde dies ihre gesellschaftliche Teilhabe und ihren weiteren Werdegang.
Die staatlichen Hilfen seien zwar knapp, aber in der Regel auskömmlich, so Bossy. Das Bildungs- und Teilhabepaket (BuT) ermöglicht Kindern und Jugendlichen aus Familien, die bestimmte Sozialleistungen beziehen, beispielsweise die Teilnahme an Klassenfahrten. Dennoch gebe es blinde Flecken: Familien, die mit ihrem Einkommen knapp über den jeweiligen Grenzen liegen, könnten aus den Unterstützungsangeboten herausfallen, obwohl sie sich die entsprechenden Ausgaben ebenfalls nicht leisten können. Wenn Kindern dadurch das verwehrt bleibt, was für viele Gleichaltrige selbstverständlich ist, spricht man von sozialer Deprivation.
Es reicht nicht
Die Unterstützung könne Familien zwar bei konkreten Ausgaben entlasten, allein reiche sie jedoch nicht aus, um Kinderarmut nachhaltig zu verringern, betont Bossy. „Bildung ist das A und O gegen Armut“, erklärt sie, gefragt nach langfristigen Lösungen. „Unser Land muss viel mehr Geld in Bildung investieren.“ Dazu gehörten mehr Bildungs- und Betreuungsangebote sowie kreative Freizeitangebote, die Kinder fördern und Familien zugleich entlasten könnten. Auch in die Schulsozialarbeit müsse mehr investiert werden. Die Unterstützung von Vereinen wie Kindertal bleibe vorerst unverzichtbar.
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Wohnträume
Intro – Das große Versagen
Die Demokratie endet mit einem Wimmern
Teil 1: Leitartikel – Politik muss begreifen: Die Bevölkerung ist systemrelevant
„Deutschland ist ungleicher geworden“
Teil 1: Interview – Soziologin Bettina Kohlrausch über Armut, Existenzängste und Sozialstaat
Von Vorwand zu Vorwand
Teil 2: Leitartikel – Politik ist nicht getrieben, sie lässt sich einspannen
„Für die Parteien steht viel auf dem Spiel“
Teil 2: Interview – Politologin Dorothée de Nève über Identität und Konsens in der Politik
Helfen statt Ausgrenzen
Teil 2: Lokale Initiativen – Das Interkulturelle Zentrum in Köln-Nippes
Die Natur nimmt sich Zeit – die wir nicht haben
Teil 3: Leitartikel – Über Naturschutz, Wirtschaft und politische Kurzsichtigkeit
„Die Einschläge kommen näher“
Teil 3: Interview – Politologe Reinhard Loske über Naturschutz und wirtschaftliche Interessen
„Fellnasen“ im Wohnzimmer
Teil 3: Lokale Initiativen – Bochumerin hilft ehrenamtlich Fledermäusen
Neues Vertrauen
Digitale Bürgerbeteiligung – Europa-Vorbild Spanien
Ist die Welt erst ruiniert …
Gut erzählt ist auch Ungerechtigkeit eine spannende Geschichte – Glosse
Was Karten verraten
Teil 1: Lokale Initiativen – Bildungsforscher Michael Morawski über Gaming und Geographiedidaktik
Spielen gegen Radikalisierung
Teil 2: Lokale Initiativen – Das Kölner Videospiel-Studio Zweisiedlerkrebs
Im Rausch der Autobahn
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Videospielstudio Z-Software in Lünen
Integration unter Druck
Teil 1: Lokale Initiativen – Der Jugendmigrationsdienst Wuppertal begleitet Menschen durch ein widersprüchliches System
Bildung für die diverse Gesellschaft
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Kölner Stadtverband der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Gegen die Menschenverachtung
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Fritz-Bauer-Forum in Bochum
Nicht sprachlos in den Ruhestand
Teil 1: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal
Entspannt unterwegs
Teil 2: Lokale Initiativen – Köln: KVB-Kampagne für mehr Freundlichkeit
Gut erzählte Wahrheit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Kugelfisch Kommunikation in Essen
Der ganze Mensch
Teil 1: Lokale Initiativen – Die GESA Gruppe in Wuppertal hilft bei der Rückkehr ins Arbeitsleben
Mehr als Existenzsicherung
Teil 2: Lokale Initiativen – Die Attac-AG „Genug für alle“ aus Bonn
Geschenkte Freizeit
Teil 3: Lokale Initiativen – Die Agentur Wake Up Communications Düsseldorf