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Vor allem Selbstbestimmung und Freizeit motivieren zu einem vorzeitigen Ruhestand, erklärt Hans Martin Hasselhorn
Foto: Pressestelle der BUW

Nicht sprachlos in den Ruhestand

28. Mai 2026

Teil 1: Lokale Initiativen – Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal

Arbeit kann zugleich effizient und human sein. Auf dieser Annahme baut die Forschung von Hans Martin Hasselhorn auf. Seit mehr als zehn Jahren leitet er das Fachgebiet Arbeitswissenschaft an der Uni Wuppertal. Die Seminare seines Lehrstuhls sollen angehende Sicherheitsingenieure unter anderem dazu befähigen, eine Gefährdungsbeurteilung durchzuführen, die Paragraf 5 des Arbeitsschutzgesetzes für alle Betriebe verbindlich festgelegt. Ziel ist es, gesundheitliche Risiken am Arbeitsplatz zu erkennen und zu beseitigen. Dazu ist ein interdisziplinärer Ansatz nötig. Denn neben Risiken etwa durch gefährliche Substanzen oder ungesunde Bewegungen birgt der Arbeitsplatz auch psychische Gefahren – durch schlechte Führung, emotionale Belastungen oder ein ungünstiges Arbeitsklima.

Arbeit als Identität

Trotz Arbeitsschutz hat Erwerbsarbeit in Deutschland einen schlechten Ruf. Wie Hasselhorn beobachtet, nehmen viele Beschäftigte sie als Zwang wahr. Anders sehe es beispielsweise in Schweden aus. Das skandinavische Land blickt auf eine lange sozialdemokratische Geschichte zurück. „Arbeit ist hier Teil der persönlichen Identität“, erzählt Hasselhorn, der selbst mehrere Jahre in Schweden gelebt hat.

Das schwedische Erfolgsrezept lautet Betriebsdemokratie. In nahezu jeder Branche gibt es Personalvertretungen, die zudem stärker in Anspruch genommen werden als ihre deutschen Pendants. Nehmen Beschäftigte das Arbeitsklima als schlecht wahr, wird interveniert. Ähnliches könnte laut Hasselhorn auch in Deutschland funktionieren. Aus aktuellen Studien seines Lehrstuhls geht hervor, dass einem Großteil der Beschäftigten die eigene Arbeit viel bedeutet. Deutsche sind also nicht faul – es sind die Arbeitsbedingungen, die für das Imageproblem der Arbeit verantwortlich sind.

Einen Kern der Forschung Hasselhorns bildet die Studie „leben in der Arbeit (lidA)“, die seit 2011 Babyboomer auf dem Weg in den Ruhestand begleitet und anhand von persönlichen Interviews der „Kultur des Frühausstiegs“ nachgeht. Das beschäftigt auch den Bundestag: Die schwarz-rote Regierung erwägt, die demografischen Herausforderungen durch eine Verschiebung des Renteneintrittsalters zu lösen. Hier trete jedoch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen in den Hintergrund, bemängelt Hasselhorn: „Heutzutage gehen die allermeisten Menschen vorzeitig in den Ruhestand, weil sie es sich leisten können und die Regelungen dies erlauben.“ Um diese Menschen länger im Erwerbsleben zu halten, müsse „man sie dazu bringen, dass sie dies auch wirklich wollen“.

Sprachlosigkeit überwinden

Aktuell liege Frühausstiegen vor allem der Wunsch nach mehr Selbstbestimmung und Freizeit zugrunde. Geld ausschließlich in die Gesundheit zu investieren, hält Hasselhorn deshalb für wenig sinnvoll. Stattdessen seien Arbeitsfähigkeit und Motivation zu fördern. Vor allem müssten Arbeitnehmer und Arbeitgeber aufeinander zugehen. „Der Renteneintritt wird oftmals privat besprochen“, beobachtet Hasselhorn. Meist zu spät würden Beschäftigte von ihren Chefs den Satz „Wir brauchen dich“ hören – wenn die Entscheidung zum Ausstieg schon gefallen ist.

In dem vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales mitfinanzierten Projekt „ÜbergangsWeise“ suchen Hasselhorn und sein Team nach Möglichkeiten, um diese Sprachlosigkeit zu überwinden. „Wir empfehlen, dass man den Beschäftigten spätestens mit 55 Jahren sogenannte Zukunftsgespräche anbietet“, so Hasselhorn. „Hier ist eine gegenseitig wertschätzende und offene Kommunikation Voraussetzung dafür, dass aus den letzten Arbeitsjahren nicht nur ein Übergang, sondern wertvolle Lebensjahre werden – vielleicht auch länger als ursprünglich geplant.“

Tim Weber

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