
59 Prozent der Menschen in Deutschland finden laut einer Yougov-Umfrage vom März 2026 den Umgangston im öffentlichen Raum unfreundlicher als noch vor fünf Jahren. Ein Ort, der laut Umfrage großes Potenzial für raue Begegnungen birgt: der Straßenverkehr. In Köln gibt es seit zwei Jahren einen Gegentrend dazu: Mit der „Seid lieb zueinander“-Kampagne wirbt die Kölner Verkehrs-Betriebe AG (KVB) für Respekt und Freundlichkeit in den öffentlichen Verkehrsmitteln.
Kein erhobener Zeigefinger
Die Idee zur Kampagne hatte Thorsten Fassbender, Leiter der KVB-Kundenkommunikation, Anfang 2024. Damals hatte die KVB mit der Kölner Band Cat Ballou Kontakt wegen ihres 25-jährigen Bühnenjubiläums. „Wir hatten in unserer Kommunikationsstrategie schon länger ‚Respekt und Wertschätzung‘ im Fokus, aber bis dahin nicht den richtigen Ansatz gefunden, wie wir das am besten nach außen tragen können. Das Wort ‚Respekt‘ hört sich schnell hart und nach erhobenem Zeigefinger an“, sagt Fassbender. Im Kontakt mit Cat Ballou habe er sich erinnert, dass die Band ihre Fans nach Konzerten mit „Kommt gut nach Hause, seid lieb zueinander“ verabschiedet. „Da dachte ich, warum sagen wir das nicht auch den Menschen in unseren Bussen und Bahnen?“ Die Idee zur Kampagne war geboren – und die Mitglieder von Cat Ballou zur Zusammenarbeit bereit.„Die Jungs waren direkt Feuer und Flamme“, sagt Fassbender, „sie konnten sich mit dem Satz identifizieren, weil es ihrer ist“.
Mit eigenem Personal werben
Neben den Mitgliedern von Cat Ballou setzte das KVB-Team auf Personal aus den eigenen Reihen, um der Kampagne ein Gesicht zu verleihen. „Wir wollten keine Models, sondern Menschen aus dem Team“, sagt Annika Hasler, die als Teil des Marketing-Teams an der Kampagne mitgewirkt hat. Wer dazu bereit war, konnte sich freiwillig melden. „Wir haben dann überlegt, welche Sprüche passend sind und was wir sagen wollen“, so Hasler. Herausgekommen sind „Respekt sollte nie auf der Strecke bleiben“ oder „Ein ‚Danke‘ kostet nichts, ist aber unbezahlbar“.
Gesellschaftliches Problem
Anlass für die Kampagne war auch, dass es immer wieder zu Übergriffen gegen KVB-Personal komme. „Damit umzugehen, ist jeden Tag eine große Herausforderung“, sagt Fassbender. Vorallem verbale Übergriffe kämen regelmäßig vor. Fassbender sieht den rauen Umgangston nicht nur als Problem in den öffentlichen Verkehrsmitteln. „So etwas passiert Polizei, Rettungskräften,Pfleger:innen – allen, die im Fokus der Öffentlichkeit arbeiten“, sagt er. Auch in den sozialen Medien sei das ein Problem. Mit seinem Team fährt Fassbender online deshalb eine klare Linie: „Für Hasskommentare ist bei uns kein Platz.“ Daher auch der Ansatz der Kampagne: „Wer kann schon böse sein, wenn es heißt, seid lieb zueinander“, sagt Fassbender. „Wir wollten die Leute daran erinnern, sich mal wieder in den Arm zu nehmen und zu sehen, dass die Welt eigentlich ganz schön ist.“
Weniger Übergriffe
Tatsächlich sind Übergriffe auf KVB-Personal bei Fahrkartenkontrollen im Jahr 2025 um 33Prozent zurückgegangen. Fassbender betont, dass es schwierig sei, einen direkten Zusammenhang zwischen der Kampagne und dieser Zahl herzustellen. Dennoch sei es einpositiver Trend. Und: „Wir haben mit der Kampagne bisher super viele Menschen erreicht und dafür gesorgt, dass Köln über diese Themen diskutiert. Das ist richtig schön“, zieht Fassbender Fazit. Ein Ende der Kampagne ist daher vorerst nicht in Sicht.
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