engels: Herr Rüttgers, Fanprojekte gibt es seit über 30 Jahren. Hat sich die Idee überlebt?
Jens Rüttgers: Solange es Fußball gibt, zieht es Jugendliche in die Stadien. Dementsprechend sind Fanprojekte immer wichtig. Für Sozialarbeiter ist es einfacher, Jugendliche dort abzuholen, wo sie sind, als auf die Straße zu gehen und sie zu suchen. Wir haben sofort ein Thema, über das wir mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen können, Vertrauen aufbauen können. Deshalb boomen Fanprojekte. Seit Anfang März gibt es sogar ein Fanprojekt in Freiburg. Bundesweit gibt es 56 Fanprojekte.
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Welche Probleme machen denn die Fans in Wuppertal?
Bei der An- und Abreise zu Auswärtsspielen geraten die Fans immer wieder in Konflikte mit Ordnungsdiensten und Polizei. Unsere Aufgabe ist es, dann zu vermitteln. Vor Kurzem waren wir in Bergisch Gladbach. Der Verein hatte angekündigt, dass unsere Fans auf die Tribüne dürfen. Als die Fans ankamen, teilte uns die Polizeiführung mit, dass die Fans nicht auf die Tribüne gelassen werden. Den Fans wurde kein Grund mitgeteilt. So kam es beim Eingang des Stadions zu kleinen Rangeleien. Es hatte wohl in den Wochen zuvor Probleme mit anderen Fangruppen gegeben. Als die Verantwortlichen sahen, wie viele Fans von Wuppertal angereist waren, wollten sie denen nur Stehplätze geben. Wir haben dann versucht, die Situation zu beruhigen. Das ist uns dann auch gut gelungen.
Stichwort Ultras. Sind das besonders garstige Fans?
Aus sozialpädagogischer Sicht hat diese jugendliche Subkultur, die ursprünglich aus Italien kommt, sehr viele positive Eigenschaften. Sie unterstützen den Verein im Stadion mit Choreographien. Sie treffen sich auch hier in den Räumen des Fanprojektes Wuppertal und bereiten sich auf die Spiele vor. Die Gruppe ist sehr heterogen. Der Wirtschaftswissenschaftler, der Maurer, der 13jährige Jugendliche, der Hartz IV-Bezieher, sie alle sind gemeinsam aktiv. Keiner wird da ausgegrenzt. Man hilft sich gegenseitig in Alltagssituationen. Die Ultras setzen sich auch mit der Vereinspolitik auseinander. Sie unterstützen den Verein, verteilen zum Beispiel ehrenamtlich im gesamten Stadtgebiet die Heimspielplakate.
Begehen Fußballfans nicht auch Straftaten?
Es gibt natürlich Auseinandersetzungen mit anderen Fangruppen. Da werden sich gegenseitig schon mal Schals geklaut. Das ist so ähnlich wie bei den Pfadfindern, wo sich die Fahnen geklaut wurden. Das sind Rituale.
Hat die Gewalt in den letzten Jahren zugenommen?
Eher nicht. Das Thema wird in den Medien nur mehr aufgebauscht als früher.
Wie ist das Verhältnis zwischen Fußballfans und Vereinsführung?
Die Jugendlichen suchen oft das Gespräch mit dem Verein. Von Seiten des Vorstandes werden diese Angebote selten angenommen. Im Verein wechselten in letzter Zeit oft die Ansprechpartner.
Gibt es in Wuppertal auch Nazis unter den Fußballfans?
Natürlich wird es unter den Fans auch Menschen mit rechtem Gedankengut geben. Wir sind aber sehr froh, dass es in unserer Stadt keine offen auftretenden Nazis gibt.
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