
Grüße aus Fukushima
Deutschland 2016, Laufzeit: 108 Min., FSK 12
Regie: Doris Dörrie
Darsteller: Rosalie Thomass, Kaori Momoi, Aya Irizuki
>> www.gruesseausfukushima.de/
Transkulturelle Tragikomödie über das Loslassen
Verbotene Liebe
„Grüße aus Fukushima“ von Doris Dörrie
Interview mit Darstellerin Rosalie Thomass
Regisseurin Doris Dörrie kehrt nach ihrem letzten großen Erfolg „Kirschblüten – Hanami“ zurück nach Japan. Auch für „Grüße aus Fukushima“ hat sie das Drehbuch selbst verfasst. Im Mittelpunkt des in schwarz-weiß gedrehten Films steht Marie. Offenbar ist sie in einer Krise und insgesamt gründlich verunsichert. Als sie, geschminkt als Clownin, in Tokio ankommt, steht dort ein Mensch in einem Anzug, weißem Hemd und einem Katzenkopf mit großen Augen – das personifizierte Fragezeichen. Am Bahnhof abgeholt wird sie von einem anderen Clown. Gemeinsam mit einer Japanerin will oder soll das Trio nach Fukushima fahren, um die überwiegend recht alten Betroffenen der Katastrophe, die immer noch in Notunterkünften leben, aufzumuntern. Doch Marie verliert daran schnell die Lust: Die Bespaßten haben keinen Spaß an ihr, sie selbst empfindet alles als sinnlos. Sie kann nicht helfen und sich damit von ihrer eigenen Misere ablenken. Eine der Frauen, Satomi (beeindruckend in ihrer ersten Filmrolle: Kaori Momoi), bringt sie dazu, in die verbotene Zone zu fahren, zu ihrem zerstörten Haus. Dort will sie dann bleiben. Satomi hat nicht nur ihr Zuhause verloren sondern auch ihre Tochter. Sie sagt: „Vermissen ist wie mit Geistern zu leben.“ Und erkennt in Marie: „Du hast jemanden verloren, du trägst einen Geist auf deinen Schultern.“ Sie war Geisha und beginnt, Marie zu unterweisen: in Achtsamkeit, Disziplin, Eleganz. Gerade Letzteres ist Marie fremd.
Rosalie Thomass ist groß und eher grobknochig, und sie füllt diese traurige Gestalt Marie wunderbar natürlich mit Leben. Diese lernt im Zusammenspiel mit der strengen Satomi mehr als die Geisha-Qualitäten, sie begreift etwas von der buddhistischen Idee des Loslassens. Besonders bei Maries nächtlichen Geisterbegegnungen unter einem fahlen Vollmond bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich mit der Vergänglichkeit und Flüchtigkeit der Existenz zu befassen. Der Culture Clash zwischen den beiden so verschiedenen Frauen sorgt auch häufig für amüsante und absurde Situationen. Tagsüber räumen die beiden das zerstörte Haus auf, dabei kann Marie die neu erlernte Technik des achtsamen Fegens mit einem japanischen Strohbesen üben.
Das Hauptthema des Verlusts zieht sich durch „Grüße aus Fukushima“ wie durch Dörries viele Arbeiten der letzten Jahre überhaupt. Auch die Beschäftigung mit der japanischen Kultur ist in ihrer Arbeit ein wiederkehrendes Motiv. Uwe Ochsenknecht und Gustav Peter Wöhler schickte sie für „Erleuchtung garantiert“ zum Meditieren ins Zen-Kloster, und sie machte eine Dokumentation über einen japanischen Koch. Hier wie dort geht es immer wieder um Achtsamkeit, und eines kann man sicher sagen: Nach diesem Film geht man mit seiner Teetasse anders um als zuvor. Und wer weiß: vielleicht ja auch mit dem ganzen Leben.
Berlinale 2016: Panorama-Publikumspreis, C.I.C.A.E. Art Cinema Award, Heiner-Carow-Preis
Bayerischer Filmpreis 2016: Beste Darstellerin, Rosalie Thomass

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