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Zur Abwechslung mal als Vorleser: Roderich Trapp
Foto: Martin Hagemeyer

Presse kann auch komisch

04. November 2019

Lesung von Rundschau Chefredakteur Roderich Trapp

Am Ende hatten alle was davon: Das Ronsdorf Carrée quoll über, denn Roderich Trapp stand auf dem Programm. Etlichen der gut und gerne hundert Fans half das nahe Eiscafé mit Stühlen aus, damit sie nicht im Stehen lauschen mussten. Der Autor der beliebten Satire-Glosse in der Wuppertaler Rundschau las dann just am Schluss von Teil eins auch eine mit Eisbezug und ermunterte, sich dort in der Pause entsprechend einzudecken. Eine Hand wäscht die andere. Fast schon bergischer Klüngel.

Dass alle etwas davon haben, ist aber auch typisch für ebenjene humorigen Trapp-Texte, die seit Jahren fester Bestandteil der Rundschau sind. Sie heißt „Nach Toreschluss“, mit nur einem „s“ zu schreiben, weil ihr Vorgänger nach einem damals kleinen Jungen namens Tore benannt war. Über tausend sind inzwischen zusammengekommen. Regelmäßig erreichen den Verlag begeisterte Leserzuschriften, die aktuelle Themen humorvoll auf den Punkt gebracht sehen. Mit seinen Kostproben aus dem reichen Fundus gab Trapp, seit Juli überdies Redaktionsleiter des Blatts, nicht nur eine amüsante Auswahl, sondern auch einen Eindruck vom Erfolgsrezept. „Nach Toreschluss“ ist lokal, zuweilen überdreht – vor allem aber: einvernehmlich.

„Dat gippt keinen!“, ist ein Satz, bei dem bergisches Idiom und bergische Skepsis zusammen kommen. Eine der heute präsentierten Glossen widmete sich ausführlich dieser Formel und gab gleich eine Litanei von Fällen, in denen dieser knurrige Volksmund diversen Projektplänen keine Chance gab: Die Ansiedlung von Ikea? Der Döppersberg? Nordbahntrasse? „Gibt keinen.“ Das breite Lachen quer durchs Carrée ließ keinen Zweifel: Man kannte das und konnte es auch selber komisch finden. Es, also eigentlich auch: sich.

Mit der Betrachtung regionaler Eigenarten betreibt „Nach Toreschluss“ im Tal im Grunde Ähnliches wie etwa Konrad Beikircher fürs Rheinische. Wobei in Wuppertal auch das Kabarett-Dreiergespann „Talfahrt“ in diese Kerbe schlägt – das freilich stets vor Publikum, was für Zeitungsjournalisten sonst bekanntlich nicht die typische Situation ist. Journalismus generell mag aber nicht die schlechteste Basis dafür sein, zu beobachten und dann prägnant zu interpretieren. Heute etwa zum Alltagsgruß „Tach!“, gern gefolgt vom Allzweck-Konter „Muss.“ – Trapp hört darin: „Die Unabänderlichkeit des Wuppertaler Ist-Zustandes.“

Aus dem weiten Feld bergischer Besonderheiten konnten auch Kulinaria mit Wiedererkennung rechnen: Darunter die „Kottenbutter“, von deren Mettwurst standardmäßig „ein Drittel zwischen den Zähnen hängen bleibt“ – hörbar teilten auch Zuschauer diese Erfahrung . Oder die bergische Brezel mit ihrer ganz eigenen Konsistenz; angeblich stammt ihr Rezept von einem Soldaten Napoleons, der ihn gastfreundlichen Bergern aus Dankbarkeit verraten habe. Nach einem Schwenk zu ähnlich staubigen Dresdner Teigwaren setzte Trapp zur rührenden Entstehungslegende schräg obendrauf: „Nach seiner Heilung soll der Soldat übrigens Richtung Osten weiter geritten sein.“

Tollheiten unserer Zeit sind ein anderes Feld, das Trapp gekonnt beackert. Plastische Chirurgie etwa: ein grassierendes Wohlstandsproblem, das demnach heute viele Menschen ernstlich umtreibt und ärztlichen Beistand suchen lässt: sich auf Selfies unattraktiv zu finden. Klar wurde da: Auch der Autor selbst kann Selbstironie: „Dass ich von Natur aus über einen ziemlich runden Kappes verfüge, führt bei mir dazu, dass ich auf Selfies aussehe, als hätte mir jemand eine Fahrradpumpe ins Ohr gesteckt und meine Runkel auf fünf ATÜ aufgeblasen.“ Freilich fielen hier auch ein paar allzu durchschnittliche Witzchen: Über Brownies und Muffins zu klagen oder zum x-ten Mal Fleischalternativen humoristisch zu verwursten, das klang arg nach beifälligem Bürgerspaß und damit eher harm- bis belanglos.

Vielleicht nicht nur heute gehören zu den besten Glossen aus des Meisters Fundgrube: Texte, in denen der Appell ans Heimische zusammen kam mit besagtem Spott über Moden und dann noch mit einer weiteren Zutat, in der Trapp immer wieder mal glänzt: punktuellem Unfug. Franzose Brezel. Hyaluron, das neue Wundermittel gegen Falten: „Ausweislich der TV-Animation von ähnlich glättender Wirkung wie die aktuell am Döppersberg tätigen Dampfwalzen.“ Oder nach manch kluger Reflexion über Schwurbeligkeiten wie „zeitnah“ und „Minuswachstum“ die Unart auch beim WSV zu finden: Deren Gedruckse über „finanziell und zeitlich zu ambitionierte Ausgaben“ heiße auf gut deutsch: „Unser Konzept ist so großartig, dass wir jetzt pleite sind.“

Geradezu atmosphärisch dann eine Kostbarkeit aus dem Trapp'schen Oeuvre, die die sonst übliche Form seiner Glossen sprengte: Ein „Tatort“ in Wuppertal. „Mordbahntrasse.“ Kleine Nadelstiche mischen sich hier in die Beschreibung des Ortes, an dem Kommissar Kottenströter einen zunächst obskuren Informanten trifft – an der Geschäftsbrücke am Hauptbahnhof, die mangels Geschäften (ein Running Gag des Abends) dann nur noch „Geschäftslücke“ heiße: „Ein finsterer Schatten... der klassizistischen Säule“ – es ist OB Andreas Mucke, dann Ex-OB, er wurde abgewählt, weil im ersten Tal-Tatort nur moppernde Menschen herumliefen. „Es war die Rache der Fledermäuse!“, ächzt der und gibt nebenbei wieder ein Beispiel für die Zugänglichkeit des Trapp'schen Humors – waren doch Sorgen um die Flattertiere ein beliebter Aufreger rund um den Trassenumbau. Veröffentlicht wurde diese Glosse vor einigen Monaten anlässlich der Meldung, dass Dortmunds OB den „Tatort“ in seiner Stadt nicht mochte. Dass Trapp diesen Bezug heute herausließ und der Text trotzdem funktionierte, mochte, wie manch weiteres, heute zeigen: Nicht immer taugt Journalismus nur fürs gedruckte Tagesgeschäft.

Martin Hagemeyer

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