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Marcel Helbig
Foto: David Ausserhofer

„Schule ist eine feminisierte Institution“

30. Mai 2018

Soziologe Marcel Helbig über Schüler, Schülerinnen und Männer in Lehrberufen – Thema 06/18 Vaterlos

engels: Herr Helbig, oft ist von einer Geschlechterungleichheit im deutschen Bildungssystem die Rede. Was sagen Sie?
Marcel Helbig: Ob es die gibt oder ob es die nicht gibt? Geschlechterungleichheit im Bildungssystem gibt es auf verschiedenen Ebenen. Zum Beispiel, wer am Ende das Abitur schafft; bei Mädchen ist das häufiger der Fall. Das hat auch damit zu tun, dass sie häufiger auf das Gymnasium übergehen. Allerdings scheitern die Jungs im Gymnasialverlauf auch häufiger. Sie kriegen die schlechteren Noten, haben die schlechteren Kompetenzen im Lesen und der Orthografie; sie sind also insgesamt verbal schlechter. Im Gegensatz dazu haben Mädchen meist niedrigere Kompetenzen im Bereich Mathematik, aber auch in einigen Naturwissenschaften, vor allem der Physik. Die Unterschiede in den verbalen Kompetenzen sind viel eher festzustellen als die in den naturwissenschaftlichen oder mathematischen, da diese sich erst noch prägen.

Warum haben Mädchen im Schnitt bessere Noten?
Die haben die Mädchen nicht erst seit heute, sondern schon immer. Es gibt zwei frühe Studien aus den 1850er Jahren, Großbritannien, und 1890er Jahren, USA, in denen herauskam, dass Mädchen, wenn sie die gleichen Aufgaben erhalten, bessere Noten bekommen. Es gibt also Hinweise darauf, dass sie sich mehr anstrengen, wenn es um schulische Aufgaben geht. Das wurde damals anders genannt. Dazu gibt es einen schönen Artikel, der von der gesunden Faulheit der Jungen spricht, da sie sich nicht bei jeder Aufgabe den Kopf zermartern. Während man das früher bei Mädchen problematisiert hat, ist das heute in puncto Faulheit bei Jungen der Fall. Das ist der Hauptgrund, weshalb sie die schlechteren Noten bekommen: Sie bereiten sich weniger vor, ihnen ist das alles nicht so wichtig. In der Peer-Group kommt Lernen und Hausaufgaben machen nicht so gut an, weil man als Streber gilt und das uncool ist. Es ist kein Problem für einen Jungen, gut in der Schule zu sein, aber daran muss das Anstrengungslose nach außen gekehrt werden, nach dem Motto „Ich hab‘ ne eins, aber überhaupt nicht dafür gelernt“.

Das heißt gegenüber damals hat sich nur die Interpretation verändert?
Die Form der Interpretation und das Wichtigste: die Schulabschlüsse. Jetzt machen mehr Mädchen Abitur. Es ist total egal, welche Kompetenzen die Mädchen oder die Jungen haben oder wie sie im Jahre 1910 benotet wurden. Das eigentliche Problem ist,  dass am Ende nur die Jungen das Abitur geschafft haben und die Mädchen nicht. Irgendwann hat sich das gewandelt. In Westdeutschland haben die Mädchen die Jungen ab den Jahren 1980-85 beim Abitur überholt. In der DDR war das sogar eher der Fall, gegen Ende der 60er Jahre. Ein weltweiter Trend, den man beinah in allen westlichen Industriestaaten sehen kann. Nur der Zeitpunkt, an dem die Mädchen die Jungen überholt haben, unterscheidet sich ein bisschen. Und ab diesem Zeitpunkt wurden all die Dinge, die wir schon seit 100 Jahren wissen, ganz anders problematisiert. Auf einmal stach das schwache Geschlecht die Jungen aus.

Wie können wir Schule für Jungen hip machen?
Wir laufen in der Diskussion an der völlig falschen Stelle los, nämlich unter der Prämisse zu argumentieren, dass es irgendwann mal anders war. Dass Schule ein Ort war, in dem Jungen sich wohl gefühlt haben. Ich würde sagen, sie haben sich da nie wohler gefühlt als die Mädchen. Schule ist eine feminisierte Institution. Das liegt nicht an den Frauen, die in manchen Bundesländern ohne Ende die Grundschulen bevölkern. Im Osten haben wir 93 Prozent weibliche Grundschullehrer. Die Institution selbst ist schon immer auf die weiblichen Bedürfnisse – in dicken Anführungszeichen – ausgerichtet. Von daher werden Mädchen in der Schule eher abgeholt als die Jungen. Es wäre auch absurd zu glauben, dass der Rohrstock der 50er Jahre nun besser geeignet wäre, die Jungen zur Schule zu motivieren. Den Spiegel muss man auch vorhalten: Was ist die Pädagogik aus den 50er, 60er Jahren? Und dann kann man fragen: Passt das denn zu den heutigen Argumentationen wie „Jungen sind so viel raumgreifender, sie müssen sich viel mehr bewegen und ihre Bedürfnisse ausleben“. Die konnten ihre Bedürfnisse nie ausleben und mir ist auch unklar, wie das heute der Fall sein soll.

Was können wir tun?
Zu allererst alles ein bisschen entspannter sehen. Als zweites ließe sich schauen, woran liegt es, dass die Jungen immer schlechter sind, vor allem, wenn es mit Leistungsbereitschaft und Anstrengung in der Schule zu tun hat. Das kann sich bis ins Studium reinziehen. Doch, das belegen amerikanische Studien, irgendwann macht es mal klick und dann läuft es. Für manche ist dann der Zug vielleicht schon lange abgefahren. Abi nicht geschafft und dergleichen. Jetzt kann man fragen, warum ist das so? Meine These wäre: In diesen Verhaltensweisen der Jungen spiegelt sich, was Gesellschaft für sie darstellt. Sie sehen, dass Männer in der Gesellschaft erfolgreich sind. In all den Dax-Konzernen sitzen diese netten alten Herren. In vielen Parteien sind kaum Frauen vorhanden. Merkel ist zwar eine schöne Ausnahme, aber eben auch nur eine kleine. Das suggeriert, wenn ich Mann bin, muss ich weniger leisten. Oder anders formuliert: Wenn ich Mann bin, dann habe ich eine natürliche Begabung, um in diese Positionen zu kommen. Das führt dazu, eben in diesem Anstrengen der Mädchen, den Ausweis der Nicht-Begabung zu sehen. Im Umkehrschluss bedeutet das, erst, wenn wir eine gesellschaftliche Chancengleichheit haben, vom Arbeitsmarkt bis hin zum Haushalt, dann sehen Jungen, dass auch sie etwas tun müssen. Dass das in den nächsten 30 Jahren Realität wird, sehe ich allerdings noch nicht.

Männer sind in Früherziehung und Grundschule unterrepräsentiert. Wie wirkt sich das auf Jungen aus?
Was immer wieder thematisiert wird, ist, dass die Jungen darunter leiden, dass keine Männer mehr in der Schule sind. „Darunter leiden“, was ist damit eigentlich gemeint? Im Endeffekt geht es in der Schule um Bildungserfolg – jedenfalls ist das mein Blick darauf, denn ich bin kein Erziehungswissenschaftler, sondern Soziologe. Ich sehe Kompetenzen, Noten, Übergänge auf weiterführende Schulen und erlangte Zertifikate. Dazu gibt es zig Studien, auch viel zu Deutschland, denn das Thema ist Anfang der 2000er hier richtig hochgekocht. Alle diese Studien zeigen fast ausnahmslos, dass es keinen Unterschied macht, ob ein Junge oder ein Mädchen bei einer Frau oder einem Mann unterrichtet wird. Es gibt keine vernünftige Studie, die da irgendwie einen Zusammenhang erkennen würde. Der Pädagoge würde noch hinzufügen: Viel wichtiger ist, was der Lehrer kann.

Stichwort Diversität: Sollten Männer wie Frauen in Schulen nicht trotzdem gleich repräsentiert sein?
Man kann ja so argumentieren, dass Männer und Frauen sich zu gleichen Teilen in diesen Berufen wieder finden müssten. Doch es ist verdammt schwierig daran wirklich etwas zu drehen. In der frühesten Kindheit werden Präferenzen für bestimmte Dinge gelegt, auch für das Interesse an bestimmten Berufen. Wunschvorstellungen, die noch nicht konkret sind wie: „Ich will Feuerwehrmann werden“. Aber die Geschlechtertypik wird bereits festgelegt. Das verstetigt sich, wird immer konkreter, und wenn ich die Kinder im Alter von 15 Jahren befrage, habe ich schon extrem ungleiche Berufswünsche, die sich dann wiederfinden in den jeweiligen Bildungsgängen. Deswegen ist es mitunter auch schwer, Männer überhaupt für diese Berufe zu begeistern. 15 Prozent werden wir gar nicht erreichen. Daran was zu ändern, ist nicht leicht. Innerhalb der Familie kann man sowieso relativ wenig dagegen machen. Als meine Tochter nicht mal zwei war, fragte sie ein Kind in der Kita „Wieso hat ’n die blau an? Die ist doch ’n Mädchen!“ Alles, was du bis dahin an Anti-Gender-Erziehung versucht hast, kannst du dann in die Tonne treten.

Woran machen Sie das fest?
Kitas sind einfach schlecht darin, zu erkennen, wie stark sie die Kinder in bestimmte Pfade leiten. Oder auch in puncto freie Konzepte, mit solchen neuen pädagogischen Moden reißen wir uns alles andere wieder ein. Hier können die Kinder frei wählen, was sie tun. Was wählen sie denn dann? Am Ende sind alle Mädchen im Malraum und alle Jungen im Bauraum – super.

Warum ist der Bildungssektor für Männer unattraktiv?
Jetzt versuche ich die paar wenigen Männer, die noch ein Interesse am Erzieher- oder Grundschullehrerberuf haben, da rein zu bringen. Wenn sie sehen, wie wenig da verdient wird, dann passt das Gehalt vielleicht auch nicht unbedingt zu der eigenen Geschlechtsrolle. In der ganzen Diskussion über Männer in Kitas und Grundschulen wird zudem immer nach „richtigen Männern“ gerufen – so richtige Machos am besten. Doch diese Personen kriegen wir gar nicht in den Erzieher-Beruf, da sie ganz starke Geschlechterstereotype mit ihrem Selbstverständnis verknüpfen. Das sind bestimmt nicht die, die sich am Ende mit 20 Vierjährigen hinsetzen und Backe-Backe-Kuchen spielen.


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klischee-frei.de | Vom Bundesinstitut für Berufsbildung vertretene Initiative für Geschlechtergerechtigkeit in der Berufswahl.
boys-day.de | Deutlich weniger bekannt als sein Verwandter, der Girls-Day, fokussiert der Boys Day die Aufmerksamkeit auf die Zukunftsförderung von Jungen.
neue-wege-fuer-jungs.de | Das Kompetenzzentrum Technik-Diversity-Chancengleichheit aus Bielefeld ist ein Fachportal und Netzwerk, das sich der Berufs- und Lebensplanung von Jungen verschrieben hat.

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Interview: Nina Hensch

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