Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
6 7 8 9 10 11 12
13 14 15 16 17 18 19

12.455 Beiträge zu
3.714 Filmen im Forum

John Cranko 1967
Foto: Kilian Hannes

Ballettwunder trifft Patriarchat

27. Oktober 2021

Tanz-Adaption einer umstrittenen Shakespeare-Komödie – Tanz am Rhein 11/21

Wollen oder nicht wollen, das ist gar keine Frage in diesem Shakespeare-Stück. Denn „Der Widerspenstigen Zähmung“ beginnt mit hastigen Heiratsanträgen, väterlichen Vetos und männlichem Besitzergreifen. Erst verguckt sich Lucentio in Bianca, die jüngere der beiden Töchter Baptistas. Lucentio will sie zum Traualtar schleppen. Das Familienoberhaupt besteht jedoch darauf, dass erst Katharina, die ältere der beiden Töchter, ins Brautkleid schlüpft, die wiederum mit ihrem Singledasein zufrieden ist.

Für Lucentio ergeben sich nun zwei Probleme, die er im Laufe des Stücks lösen will: Zunächst mausert er sich zum toxischen Wedding-Planner, um Katharina einen Gatten zuzuspielen – nach dem Shakespeare-Motto: „Will you, nill you, I will marry you“. Und schließlich tauchen auch noch Rivalen auf, die ebenso um die Gunst von Bianca buhlen. Shakespeare spinnt daraus einen prototypischen Screwball-Comedy-Plot, der in der gebrochenen „Widerspenstigkeit“ (lies: Selbstbestimmung) der Töchter mündet. Das währt bis Katharina in der Schlussrede einen bedingungslosen Gehorsam gegenüber dem Mann predigt. Untermauert von Lucentio: „Sie ist mein Gut, mein Hab und Gut, sie ist mein Haus, mein Hausrat, mein Feld, meine Scheune, mein Pferd, mein Ochse, mein Esel, mein Ding“.

Es ist also keine Überraschung, dass insbesondere feministische Literaturwissenschaftler dieses Shakespeare-Stück kritisierten. Seinen schrillen Geschlechterkampf adaptierte in den späten 1960er Jahren schließlich John Cranko. Der britische Choreograph übernahm 1961 die Leitung des Stuttgarter Balletts, wo er sich von abstrakten Ballettabenden verabschiedete. Stattdessen erneuerte Cranko das Handlungsballett, indem er klassische Stoffe von Shakespeare bis Puschkin in tänzerische Bewegungen verflüssigte.

Die 1969 uraufgeführte Fassung nach der Musik des Barockkomponisten Domenico Scarlatti, die Kurt-Heinz Stolze in elegante Klavier-Sonaten übersetzte, gilt seither als Klassiker. Nach einem USA-Gastspiel der Cranko-Compagnie sprachen Kritiker der New York Times von einem „Stuttgarter Ballettwunder“. An dieses wagt sich nun dieCompagnie des Aalto-Balletts mit den Essener Philharmonikern.Dieses Ensemble verspricht einen Ballett-Abend, der sich von den verkrusteten, misogynen Dialogen der Shakespeare-Vorlage freitanzt.

Der Widerspenstigen Zähmung | 30.10., 6.11. 19 Uhr, 17., 18., 26.11. 19.30 Uhr, 28.11. 18 Uhr | Aalto-Theater Essen | 0201 81 22 241

Benjamin Trilling

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

House of Gucci

Lesen Sie dazu auch:

Denken mit dem Knie
„A Universal Opinion” in der TanzFaktur – Tanz in NRW 11/21

Das Ringen mit dem Bild
Mira 10 zeigt weibliche Ikonen – Tanz am Rhein 10/21

Der Körper weiß mehr
Die Metabolisten zeigen, wie der Körper denkt – Tanz am Rhein 09/21

Jenseits der Vergänglichkeit
„Cascade“ von Meg Stuart auf PACT Zollverein – Tanz an der Ruhr 09/21

Dekolonisierung der Körper
Amanda Piñas „Danza y Frontera“ bei der Ruhrtriennale – Tanz an der Ruhr 08/21

Jesus in High Heels
Sommerakademie an der TanzFaktur Köln – Tanz in NRW 07/21

Tanz allüberall
Festival tanz nrw für Ende April geplant – Festival 03/21

Tanz.

Hier erscheint die Aufforderung!