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Nach der pandemischen Isolation gilt dem Problem sozialer Phobien größere Aufmerksamkeit
Foto: LFK / Adobe Stock

Soziale Bakterien

26. März 2024

Den Ursprüngen sozialer Phobien auf der Spur – Europa-Vorbild: Irland

Die Hochphase der Pandemie ist längst vorbei. Gesundheitsminister Karl Lauterbach lockerte im Frühjahr 2022 die Coronamaßnahmen. Unterstützt wurde er dabei vom Virologen Christian Drosten, der junge Menschen dazu anregte, wieder zum normalen Sozialleben zurückzukehren – auch, weil es aus gesundheitlicher Perspektive wichtig sei, dass Immunität aufgebaut werde. Anfang 2023 fiel dann auch eine der letzten Maßnahmen, die Maskenpflicht in öffentlichen Verkehrsmitteln und die Pandemie wurde für beendet erklärt.

Lockdown-Folgen

Doch die Auswirkungen der Isolation wirken nach: durch Long Covid und auch durch psychologische Effekte, die das social distancing insbesondere auf Kinder und Jugendliche hatte. Der US-amerikanische Psychiater Alan Teo fand 2021 heraus, dass fünfzig Prozent der Teilnehmer:innen einer repräsentativen Stichprobe Hemmungen in Bezug auf soziale Situationen entwickelt hatten – an sich ein Indiz für Vorsicht und kein pathologischer Befund. Besorgniserregend sind jedoch die Untersuchungen zu den psychologischen Langzeitfolgen des Lockdowns. Depressionen und soziale Ängste sind verbreiteter als zuvor, zudem die zwanghafte Isolierung vor der Außenwelt, ein Phänomen, das nun als Cave-Syndrom bezeichnet wird und von dem gut drei Prozent der Menschen in Deutschland betroffen sind, wie der Generationenforscher Rüdiger Maas in einer anonymen Umfrage ermittelte.

Therapie im Darm

Doch es gibt einen Lichtblick: Eine Entdeckung aus Irland könnte neue Therapien erschließen. Wissenschaftler hatten bereits zuvor einen Zusammenhang zwischen Bakterien im Verdauungstrakt und sozialen Phobien festgestellt – das Darmmikrobiom von Menschen mit sozialer Phobie weist danach Besonderheiten auf. Es gibt nun weitere Erkenntnisse. Durch die Transplantation von Darmmikroben in Mäusen sollte der Zusammenhang zwischen den Mikroorganismen und der Sozialangst festgestellt werden. Dabei kamen kleine Elektroschocks zum Einsatz, wenn die Mäuse auf Artgenossen stießen – um herauszufinden, ob sich das Verhalten der Mäuse ändern würde und sie den Kontakt mit anderen Mäusen mieden. Tatsächlich zeigten die Tiere nach der Transplantation, anders als unbehandelte Exemplare, nicht die gewohnte Neugierde gegenüber Artgenossen – ein möglicher Beleg für die Relevanz der Magen- und Darmflora für soziale Phobien.

Solche Tierversuche bleiben aus aus ethischer Sicht gewiss diskussionswürdig. Sie eröffnen allerdings neue Therapiechancen. John Cryan, Neurowissenschaftler am University College Cork und Co-Autor der Studie, verwies auf die Rolle, die beispielsweise fermentierte Lebensmittel und Nahrungsfasern in der Zukunft für den Umgang mit sozialen Ängsten spielen könnten.

Nahrung gegen Angst 

So ergibt sich auch ein neuer Ansatz, mit dem Cave-Syndrom umzugehen. Der Wunsch nach Privatsphäre mag an sich unbedenklich sein, doch zwanghafte Isolation ist es nicht. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) ermittelte in einer europaweiten Studie, dass Kinder und Jugendliche während der Schulschließungen zu 75 Prozent häufiger Anzeichen von Depression aufwiesen als zuvor. Trotz der Notwendigkeit von regulierenden Maßnahmen während gesundheitlicher Krisen braucht es demnach auch den Mut, wieder soziale Kontakte zu wagen. Die Ergebnisse aus Irland könnten dabei helfen.

Tim Weber

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