Früher gab es diese freundlichen, lautstarken Herren im Eingangsbereich von Kaufhäusern, die mit einer Mischung aus Entertainment und schierer Verzweiflung versuchten, den Vorbeieilenden Teppichshampoos oder Gurkenhobel zu verkaufen. Inzwischen stehen in den zu Shoppingmalls aufgehübschten Einkaufszentren nur noch Flachbildschirme. Die Dramaturgie des Dargestellten ist zwar ähnlich, aber eben nur zweidimensional. Die künstlich bewegten Bilder, früher nur im Kino und später im Fernsehen zu sehen, sind inzwischen allge- genwärtig. Zur Musikberieselung in der Boutique oder im Schnellrestaurant gesellen sich großformatige Clips der aktuellen Popstars. In gehobenen Restaurationen gibt es prasselndes Kaminfeuer via Plasmabildschirm. Besonders für junge Leute ist das Medium Film aber nicht mehr nur eine Einbahnstraße. Mit modernen digitalen Videokameras, aber auch mit Fotoapparaten, Handys, Notebooks und anderen elektronischen Kleingeräten wird allüberall gefilmt. Das Kunst- stück des Skaters in der Half Pipe, das Konzert der Lieblingsband, aber auch der peinliche Leh- rer im Unterricht und der Mitschüler, der gerade verprügelt wird – alles findet auf digitalen Spei- chermedien und später im Internet seinen Platz. Das elektronische Auge ist allgegenwärtig. You Tube is watching you!
„Als wollten wir die Welt verdoppeln“, kom- mentiert der Regisseur Adolf Winkelmann diese Entwicklung. Er selbst stattete gerade das Dort- munder U mit mehreren Videoinstallationen aus. Schon von weitem sollen Besucher erkennen, dass das ehemalige Brauereigebäude am Haupt- bahnhof inzwischen ein „Zentrum für Kunst und Kreativität“ ist. Millionen von LEDs machen aus dem Betonklotz aus den Zwanziger Jahren einen riesigen, vierseitigen Fernseher. Kunst kommentiert hier die kommerzielle Bilderflut. Der Dortmunder Filmemacher möchte sein gutes altes Medium Film in die Zukunft retten, indem er es aus dem Ghetto namens Kino befreit. Gibt es solche Bewe- gungen auch südlich der Ruhr? Natürlich, und zwar nicht erst seit heute. Das Medienprojekt Wuppertal macht seit knapp 20 Jahren Filme, vornehmlich mit Jugendlichen. Damals zog man noch mit zent- nerschweren Umhängegeräten und Schulter- kameras umher und riskierte dabei Bandschei- benvorfälle. Aus der Idee eines Sozialarbeiters wurde eines der erfolgreichsten Exportprodukte des Bergischen Landes. Das Medienprojekt Wuppertal produziert inzwischen jährlich mit etwa 1.000 Jugendlichen 130 Kurzfilme.
FILME AUS WUPPERTAL ERREICHEN HUNDERTTAUSENDE VON ZUSCHAUERN
Die abendfüllenden Dokumentationen wieder- um, die inzwischen ein eigener Verlag vertreibt, sind auch für Menschen in anderen Städten interessant. Beratungsstellen und Bildungseinrichtungen aus dem ganzen Bundesgebiet be- stellen die DVDs. So erreichen die Filme über Rechtsextremismus, Sexualität, Gewalt und andere jugendrelevante Themen aus Wuppertal jährlich Hunderttausende von Zuschauern. Umso erstaunter war Geschäftsführer Andreas von Hören, dass in der Sparvorlage des Kämmerers im vergangenen Jahr auch Zuschüsse für das Medienprojekt Wuppertal zusammengestrichen wurden. Diese Pläne sind nach Protesten von jugendlichen Filmern inzwischen zumindest vorerst vom Tisch.
Natürlich gibt es im Tal auch noch andere Produzenten von informativem TV. Der WDR unter- hält in der Stadt ein Landesstudio, das täglich eine halbe Stunde im WDR-Fernsehen vom Bergischen berichtet. Das Produkt ist professionell und ausgewogen, eben öffentlich-rechtlich und ausgestattet mit unseren Rundfunkgebühren. Die Westdeutsche Zeitung bietet auf ihrer Internetpräsenz WZ TV an, dreiminütige Reportagen und Portraits im Vokabelheftformat. Oft sind den Filmen kurze Werbeblöcke vorgeschaltet. Auch hier ist die journalistische und technische Qua- lität für Kommunalberichterstattung auf einem erstaunlich hohen Niveau. Ebenfalls von Profis betrieben ist die Reihe „Schwebebahngespräche“ von Radio Wuppertal. Die Chefin vom Dienst der Lokalfunker Yvonne Peterwerth fährt mit Promis aus dem Tal über die Wupper und lässt sie erzäh- len. Das Angebot ist charmant, aber leider auf der Homepage des Senders viel zu gut versteckt. Berühmtheiten wie der Multifunktionskünstler Sascha Gutzeit oder der Von der Heydt-Museumsdirektor Gerhard Finckh saßen bei der Talkmasterin bereits auf der schwebenden Couch. Im vergangenen Monat begann die Produktion der zweiten Staffel. Die Werbeeinnahmen hierfür kommen bislang ausschließlich von den Wup- pertaler Stadtwerken, die ja auch die gesamte Kulisse zum Dreh mit ihrem einmaligen Verkehrsmittel liefern.
Inzwischen sprießen aber noch mehr TV-Ange- bote im Wuppertal. Das Internetfernsehen TALTV ist ein Projekt der Initiative Friedrichsstraße. Der Mediendesigner Tom V Kortmann zeigt auf der Seite bergischlan.de einen Ausschnitt von der Kundgebung gegen die Theaterschließung im Januar. Reportagen von und für Studierende gibt es auf der Seite engelszunge.info zu sehen. Eine Vernetzung all dieser wichtigen TV-Angebote in der Region existiert noch nicht, scheint aber dringend geboten. Und ein Angebot fehlt noch gänzlich. Auf den großen Privatsendern flimmern Stern-TV, Spiegel-TV, Focus-TV, Süddeutsche- Zeitung-TV. Wann aber machen das Landesstu- dio Wuppertal des WDR oder die Westdeutsche Zeitung mit uns zusammen engels-TV?
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