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Der junge Tschaikowski um 1874
Foto: gemeinfrei

Die Sucht nach dem Lebensglück

26. Juni 2019

Peter Tschaikowskis Oper „Pique Dame“ – Opernzeit 07/19

Die Gier nach Anerkennung, gesellschaftlichem Status und Wohlstand als vermeintliche Garanten des Glücks verblenden den Glückssuchenden und stürzen ihn ins Unglück. In Alexander Puschkins Novelle „Pique Dame“aus dem Jahr 1833, die der Oper zugrunde liegt, steht der deutschstämmige German im Mittelpunkt. Er lebt in bescheidenen Verhältnissen im mondänen St. Petersburg und sehnt sich nach gesellschaftlichem Aufstieg. Mit Gewalt will er von der alten Gräfin, die in ihrer Jugend der Spielleidenschaft verfallen war, das Kartengeheimnis in Erfahrung bringen, das im Glücksspiel Sieg und Wohlstand verheißt. Die Bedrohte erleidet einen Herzanfall, ohne ihr Geheimnis Preis zu geben und macht den Glückssuchenden zum Mörder. Eines Nachts erscheint ihm die Verstorbene im Rausch und nennt drei Karten, von denen er sich Reichtum und Glück erhofft. Am Ende verliert er alles: das bescheidene, väterliche Erbe, seinen Gewinn und seinen Verstand. Puschkin, selbst ein leidenschaftlicher Spieler, beschreibt in einem ironisierenden, gnadenlosen Ton die Zerrüttung des Spielsüchtigen und seine skrupellose Destruktivität – ein Meisterwerk des kalten Zorns (Dostojewski).

Die Leitung des Petersburger Mariinsky-Theaters beauftragt Tschaikowski abweichend von der literarischen Vorlage ein aufwendiges Kostümdrama mit spektakulären Bühneneffekten und Elementen der französischen Grand Opéra zu schreiben. Der Handlungsverlauf der Novelle wird um ein Vielfaches erweitert und grundlegend geändert: Die Handlung spielt nicht mehr im 19., sondern im späten 18. Jahrhundert des Ancien Régime, um historische Tanzeinlagen und Versatzstücke der Grand Opéra einfügen zu können, einschließlich eines kurzen Auftritts von Katharina der Großen. Die tragische Liebesgeschichte zwischen German und Lisa bekommt eine starke Gewichtung und endet im Selbstmord beider. Die Figur des Fürsten Jelezki als standesgemäßer, jedoch ungeliebter Verlobter Lisas kommt als Kontrahent Germans hinzu. Die Gräfin lenkt als dämonisch-phantastische Gestalt auch nach ihrem Tod noch die Geschicke des Protagonisten. Aus Puschkins Novelle, die sich auf Germans selbstzerstörerische Zwangshandlungen fokussiert, wird somit eine Liebestragödie mit stark melodramatischen Zügen.

Tschaikowski arbeitet wie ein Besessener an der Vertonung während eines Aufenthalts in Florenz Anfang 1890. In nur 44 Tagen – zwischen dem 30. Januar und dem 14. März – entsteht die ganze Oper in einem wahrhaften Schaffensrausch. Über die Qualität der Komposition ist der Komponist nie im Zweifel und bezeichnet es als sein „Chef d’oeuvre“, – ein Urteil, das auch die Nachwelt mit ihm teilt. Die Musik weist stilistisch eine ungewöhnliche Bandbreite auf: Mozart-Parodien, Zitate aus der französischen Opéra Comique des 18. Jahrhunderts, Anklänge an Bizets Carmen und nachempfundene Folklore finden sich in der Partitur ebenso wie eine weitgespannte lyrische Emphase in den Arien. Germans Getriebensein und Zerrissenheit kommt in einer hochexpressiven spätromantischen Musiksprache zum Ausdruck, in der der Komponist sein eigenes Wesen gespiegelt sieht. Nur drei Jahre später stirbt Tschaikowski unter ungeklärten Umständen – die Frage, ob es sich um einen Freitod handelt, ist bis heute ungeklärt.

Wo zu sehen in NRW?

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf | 6., 11., 14.7. | 0211 89 25 211

Kerstin Maria Pöhler

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