Alles Besondere auf diesem Planeten begann mit vielfältigen Formen des Mythos. Einer, der diese kunstvollen Erzählungen meisterhaft auch haptisch beherrscht, ist Hannsjörg Voth. Er ist ein Künstler, der einst seine Zeichnungen in die Welt transformierte, sie dann selbst bewohnte, um wieder neue mystische Geschichten für die Welt zu generieren. Schlicht „Zu Lande und zu Wasser“ heißt die Werkschau im Wuppertaler Von der Heydt-Museum, die eigentlich eine kleine Retrospektive des Künstlers und seiner Frau, der Fotografin Ingrid Amslinger, ist. Voth bereicherte die wilden 1980er Jahre mit grandiosen Großskulpturen und spektakulären Happenings. So wird die Ausstellung in Corona-Zeiten auch eine wunderbare Reise in die Vergangenheit, wo man einst an einem Wochenende nicht nur Voths „Boot aus Stein“ im Ijsselmeer, sondern auch Wolf Vostells „Fluxus-Zug“ im Ruhrpott besuchen konnte. Beide hinterließen Anfang des Jahrzehnts tiefe Spuren in der künstlerischen Auseinandersetzung mit dem damaligen „Zeitgeist“.

Vor den spektakulären Landartprojekten hängen in Wuppertal viele Zeichnungen und Materialbilder, die Voth während seiner Aufenthalte in der Wüste erarbeitet hat. Keines davon trägt einen Titel, sie werden durch die Locations katalogisiert, in denen sie entstanden sind. Fabelwesen, Tierwesen geistern da über Büttenblätter und Transparentfolie. Einmal entdecke ich auch ein Paar Kindersocken (o.T., 1999, Asche, Kohle, Sand auf Büttenpapier), die den Weg aus der Goldenen Spirale ins Bergische Land gefunden haben und auch dort von der inneren Logik in Voths Arbeiten zeugen: der kunstvollen Klage über die Entfremdung des Menschen vom Wesen der Natur. Im zentralen Raum des Museums zeugen erst einmal abgesägte Fichtenstämme vom Vandalismus, der eines seiner frühen Projekte nach wenigen Wochen in Bayern zerstörte. Die Feldzeichen (1973-1975) waren wohl zu viel für die damalige Landbevölkerung. Mythologische Irritation ohne Wegkreuz, kein Wunder, dass da die Säge sägen wollte. Voths Großprojekte in der marokkanischen Wüste von 1980 („Himmelstreppe“) bis 2003 („Stadt des Orion“) stehen noch, auch der spektakuläre Brunnen „Goldene Spirale“ (1992-1997) in der Marha-Ebene wird von den Nomaden noch genutzt. Von allen Aktionen bleiben die großartigen dokumentarischen Bilder von Ingrid Amslinger und zahlreiche Modelle. Ich bleibe ein Fan quer durch die Jahrzehnte.
Hannsjörg Voth, Ingrid Amslinger – Zu Lande und zu Wasser | Von der Heydt-Museum, Wuppertal | bis 13.9. | 0202 563 62 31
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