Das Wuppertaler Museum hat im März seine exquisite Klassikersammlung unter dem Motto „Zeiten und Räume“ neu arrangiert und im ersten Obergeschoss ausgebreitet. Wer dem Rundgang folgt, findet sich in Raum 1 in Flandern und den Niederlanden des 16./17. Jh. wieder. Mittendrin, vor Stillleben mit Käse, Früchten und Wildschweinkopf, steht auf einem niedrigen Podest ein Fremdkörper: eine kleine, fein gedeckte Tafel mit weißem Tischtuch und Porzellantellern mit Stoffserviette. Doch anstelle des Bestecks liegen hier bunte Papageienfedern und Stachelschweinborsten …
„Vom Ursprung der Tischsitten“ nannte Lothar Baumgarten 1971 seine Installation, die den Auftakt zu seiner Retrospektive in Raum 2 setzt. Eine Vitrine mit Publikationen des 2018 verstorbenen Künstlers verweist auf seine zentralen Themen: Kultur vs. Natur, der Amazonas und ethnologische Fragestellungen. „Land of the Spotted Eagle“ mit Werken aus der Sammlung Schirmer lenkt den europäischen Blick auf das Fremde, Exotische: topaktuell zum Kolonialismusdiskurs, doch teilweise schon über fünf Jahrzehnte alt.
Um es gleich vorwegzunehmen: Man muss sich einlesen! Der Katalog und die Ausstellungs-App liefern begleitende Informationen zu Künstler und Werk. Baumgartens Arbeiten – etwa die fast belanglosen Schwarz-Weiß-Fotomotive aus dem Regenwald und von indigenen Menschen, die der Künstler mit typografisch gestalteten fremdartigen Begriffen kombiniert – wirken zunächst so unzugänglich wie die fremdartigen Kulturen, die sie behandeln. Vieles entstammt Baumgartens Feldforschung im Amazonas (1978/79 in Venezuela), wo der 1944 in Rheinsberg geborene Ethnologen-Sohn eineinhalb Jahre mit den Yanomani lebte. Der renommierte viermalige Documenta-Teilnehmer, Gewinner des Goldenen Löwen der Venedig-Biennale 1984 und Professor an der Universität der Künste Berlin macht es einem nicht leicht mit seiner anspruchsvollen, oft spröden, verkopften Kunst voller Symbolik, die es zu entschlüsseln gilt. Am eingängigsten und poetischsten sind noch seine Werke aus gefundenen Federn. Beschriftet und an die Wand gepinnt, stehen zarte Adlerfedern für etwas Gefährdetes, Verlorenes. Die Fotografie „Kultur – Natur“ (1971) zeigt eine rote Ara-Feder, die unter dem Parkett schlummerte und aufgedeckt wird.
Unsicher bleibt, ob mitunter wohl auch Humor im Spiel war, etwa, wenn Baumgarten ein Grünkohl-Foto als „Amazonas-Kosmos“ tituliert oder einen Indigenen mit seitlich abstehenden Federn in den Ohren ablichtet. „Moskitos“ nannte er 1969 die Rosinenbrötchen, in die er rechts und links eine Taubenfeder steckte. Fünf dieser simplen Objekte brummeln zurzeit in einer Vitrine direkt vor den edlen Impressionisten. Darf man schmunzeln? Die vier Baumgarten-Interventionen in die Sammlungspräsentation sind geglückt: Das zarte „Federdreieck“ korrespondiert hervorragend mit der kubistischen „Lesenden“ von Schmidt-Rottluff und Kirchners „Frauen auf der Straße“ in Federmänteln. Im letzten Sammlungsraum stehen Sockelskulpturen von u.a. Rodin, Arp und Giacometti aus massiven Materialien; daneben erhebt sich Baumgartens aus einer Sternenkarte geschnittene Vogelsilhouette von einem Weidenzweig hoch in die Lüfte.
Lothar Baumgarten: Land of the Spotted Eagle. Werke aus der Sammlung Lothar Schirmer | bis 1.9. | Von der Heydt-Museum, Wuppertal | 0202 563-6231
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