Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
22 23 24 25 26 27 28
29 30 31 1 2 3 4

12.574 Beiträge zu
3.798 Filmen im Forum

Moritz Neuhoff, chromatic decolor, 2022, Acryl auf Leinwand 230 x 300 cm, Schenkung Renate und Eberhard Robke Stiftung Kunst- und Museumsverein im Von der Heydt-Museum Wuppertal, © VG Bild-Kunst, Bonn 2024
Foto: Dirk Wüstenhagen

Nicht nichts

10. Juni 2024

100 Jahre Abstraktion im Wuppertaler Von der Heydt-Museum – kunst & gut 06/24

„Nicht viel zu sehen“ – der Titel der Ausstellung ist natürlich Understatement, ein neckischer Kuratorenscherz. Das Gegenteil ist der Fall. Sämtliche Räume und Kabinette der oberen Museumsetage sind reichlich gefüllt mit Werken aus der eigenen Sammlung, rund 90 Bilder und Skulpturen von 70 Künstlern und Künstlerinnen. Hier entfaltet sich ein überraschend facettenreicher Parcours rund um Kunst, die auf ganz unterschiedliche Weise nichts Sicht- und Greifbares aus der realen Welt abbilden will. 100 Jahre Abstraktion: von der klassischen Moderne (Kandinsky, Klee, Albers u. a.) über Konkrete Kunst, Informel, surrealistische Traumbilder und Monochromie bis hin zu ganz aktuellen Tendenzen.

Tatsächlich ist richtig viel zu entdecken, nicht nur in der gesamten Ausstellung, sondern auch auf den einzelnen Werken. Selbst Jean Fautriers informelles Gemälde, das zum Ausstellungstitel inspirierte, „Not much to look at“ von 1959, hat was drauf: elliptische Pinselschwünge auf hellem Hintergrund – zwar ohne Gegenstandsbezug, doch grafisch und malerisch spannend und kraftvoll. Und Energie zu visualisieren ist schließlich nicht nichts. Die Ausstellung setzt sich u.a. mit Rhythmik, Dynamik von Farbe und Form, Helligkeit und Dunkelheit sowie Farbräumen auf Bildflächen auseinander. Außerdem behandelt sie die Fragen danach, was Bilder überhaupt sind und was Malerei kann. Kunst-Fastfood ist das nicht, sondern ein ästhetisch vielfältiger Genuss. Vergleichendes Sehen und Einfühlung in Schaffensprozesse schärfen hierbei die Wahrnehmung ungemein. Hilfreich ist, neben Wandtexten und detaillierteren Werk-Infos in der App, dass die Museumskuratorin Beate Eickhoff sich für eine thematische, nicht streng chronologische Hängung entschieden hat und ältere Arbeiten mit aktuellen Werken kombiniert, wo sie Ähnlichkeiten sah. 

Der Auftakt zeigt Größe. Der erste, hohe Raum versammelt Monumentalformate aus allen Jahrzehnten: etwa eine feurig rote, tachistische Farbexplosion von George Mathieu (1957) und eine gestisch expressiv besprayte, knallbunte Riesenleinwand von Katharina Grosse (2014), die aufgrund ihrer Größe bislang selten zu sehen waren, neben erstmals präsentierten Neuerwerbungen u. a. von Moritz Neuhoff, der Malschichten und Strukturen verwebt (2022), und überdimensionalen Regenwaldfotografien von Hans-Christian Schink, die an malerische „All-over“-Strukturen von Pollock erinnern. Malerei prägte den fotografischen Blick. Und selbst wenn – Überraschung! – in vermeintlich ungegenständlichen Bildern doch Dinge oder Figuren auftauchen, hier Laub und Bäume, in den weiteren Räumen mal Räder, Dosen, Hände, ein Adler, so sind die nicht als Abbildungen zu lesen, sondern ästhetischer Ausdruck von Ideen, Traumbildern, Empfindungen. Befreite Malerei! Für solche Aspekte schärft sich der Blick auf dem Rundweg von den Anfängen in den 1920er Jahren bis hin zu zeitgenössischer Farbmalerei, die im lichtdurchfluteten Oberlichtsaal am Ende des Parcours mit voller Leuchtkraft zur Geltung kommt. Im Vergleich der künstlerischen Positionen und Entwicklungen wird offensichtlich: Die Erfindung der Abstraktion hat den Blick auf Kunst verändert – und die Geschichte geht weiter. 

Nicht viel zu sehen. Wege der Abstraktion 1920 bis heute | bis 1.9. | Von der Heydt-Museum, Wuppertal | 0202 563 62 31

Claudia Heinrich

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Deadpool & Wolverine

Lesen Sie dazu auch:

Öffnung der Schatztruhe
Hauptwerke der Von der Heydt-Sammlung

Mit fremden Federn
Lothar Baumgarten im Von der Heydt-Museum – kunst & gut 05/24

Zu Gast beim Fremden
Lothar Baumgarten im Von der Heydt-Museum

„Er hat sehr feinsinnige Arbeiten erschaffen“
Kunsthistorikerin Anna Storm über die Ausstellung zu Lothar Baumgarten im VdH-Museum – Interview 03/24

Formen mit Bedeutung
Abstraktion in der Von der Heydt Sammlung

Unergründliche Dingwelt
Erinna König im Wuppertaler Von der Heydt-Museum – kunst & gut 01/24

„Abstrakte Kunst ist keine Reproduktion der Wirklichkeit“
Kuratorin Beate Eickhoff über „Nicht viel zu sehen“ im VdH-Museum – Interview 01/24

Großmeister im Dialog
Picasso und Beckmann im Von der Heydt-Museum – kunst & gut 11/23

„Picasso und Beckmann standen im Zentrum der Debatte über Malerei“
Direktor Roland Mönig über die neue Ausstellung im Von der Heydt-Museum – Sammlung 09/23

Bella Figura
„Figur!“ im Skulpturenpark Waldfrieden – kunst & gut 07/23

Poetische Energie
Franziska Holstein im Von der Heydt-Museum – kunst & gut 05/23

Todfeinde der Malerei
„Eine neue Kunst. Fotografie und Impressionismus“ in Wuppertal
 – kunst & gut 11/22

Kunst.

Hier erscheint die Aufforderung!