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Hans Deutzmann
Foto: privat

„Arbeitslose haben einen ungünstigeren Gesundheitszustand“

08. Februar 2019

Sozialarbeiter und Yogalehrer Hans Deutzmann im Gespräch – Spezial 02/19

engels: Herr Deutzmann, als Inhaber und Leiter der Tripada Akademie bieten Sie auch Kurse für Langzeitarbeitslose und Erziehende an. Welchen Belastungen und Gesundheitsrisiken sind diese Gruppen ausgesetzt?

Hans Deutzmann: Wissenschaftliche Studien zeigen: Anhaltende Arbeitslosigkeit stellt einen erheblichen gesundheitlichen Risikofaktor dar. Arbeitslose Männer und Frauen haben einen ungünstigeren Gesundheitszustand und leben weniger gesundheitsbewusst als berufstätige Männer und Frauen. Psychische Belastungen stehen hier sicher ganz vorne. Aber Arbeitslose rauchen auch mehr und haben aus finanziellen Gründen schlechtere Wohnsituationen, bewegen sich weniger, treiben weniger Sport und ernähren sich schlechter. Sie leiden vermehrt an psychischen Erkrankungen und Verhaltensstörungen und erhalten mehr Arzneimittelverordnungen. Die Einschätzung der eigenen gesundheitlichen Situation verschlechtert sich mit der Dauer der Arbeitslosigkeit.

Bei vielen Beschäftigten sieht die gesundheitliche Situation doch sicher ähnlich aus. Besteht ein gravierender Unterschied?

Den gibt es tatsächlich. Ein oder mehrere Jahre lang arbeitslose Männer geben beispielsweise bis vier Mal so häufig einen weniger guten oder schlechten Gesundheitszustand an wie berufstätige Männer ohne Zeiten von Arbeitslosigkeit. Nicht selten entsteht ein negativer Kreislauf, denn der berufliche Wiedereinstieg ist für gesundheitlich eingeschränkte Erwerbslose deutlich erschwert. Gesundheitliche Einschränkungen sind ein Hemmnis bei der Arbeitssuche und (Re-)Integration in den Arbeitsmarkt. Auswertungen von aktuellen Krankenkassendaten belegen, dass die Inanspruchnahme stationärer Leistungen unter Arbeitslosen deutlich erhöht ist: Arbeitslose Männer verbringen mehr als doppelt so viele Tage im Krankenhaus wie berufstätige Männer. Auch das Risiko der Sterblichkeit erhöht sich kontinuierlich in Abhängigkeit von der vorausgehenden Arbeitslosigkeitsdauer. Anhand der für den vorliegenden Bericht vorgenommenen Analyse von Krankenkassendaten konnten auch die Auswirkungen von Arbeitslosigkeit auf das Risiko einer schwerwiegenden Erkrankung untersucht werden. Es fanden sich dabei Hinweise darauf, dass diese ursächliche Auswirkungen auf die Entwicklung schwerwiegender Erkrankungen hat. Gleichzeitig erreichen gesundheitsfördernde Angebote der Primärprävention in ihrer bisherigen Ausgestaltung diesen Personenkreis nur schwer.

Ihr Angebot erfolgt in Kooperation mit dem Jobcenter. Oft ist von harten Sanktionen gegenüber Langzeitarbeitslosen zu lesen. Sorgt nicht bereits das Jobcenter-System für psychische wie physische Dauerbelastungen bei Arbeitslosen?

Die Agenda 2010 und ihre Folgen wie auch Hartz 4 werden von mir kritisch beurteilt. Sie betreffen nicht nur Arbeitslose, sondern haben generell bei Arbeitnehmern eine allgemeine Angst vor dem sozialen Absturz erzeugt und damit die Lebenslagen von Menschen weithin verunsichert. Wir sehen ja auch in der Gesamtbevölkerung eine stete Zunahme von psychosomatischen, also stressbedingten Erkrankungen. Es wurde ein großer Niedriglohnsektor geschaffen, bei dem das Arbeitseinkommen kaum mehr für den Lebensunterhalt reicht. Die Mieten sind in vielen Städten schon für Normalverdiener kaum bezahlbar. Auch nach langjähriger Beitragszahlung kann im Falle der Arbeitslosigkeit schon nach kurzer Zeit das soziale Aus eintreten. Auch die drohende Altersarmut für viele Menschen wegen ungenügender Renten sind hier als Faktor zu nennen. Ich bin kein Experte für die Tätigkeit der Jobcenter, aber nach den Berichten von Arbeitslosen werden sehr viele Maßnahmen als nicht zielführend für eine erfolgreiche Vermittlung in Arbeit gesehen. Gesundheitsförderung ist jedoch vollkommen freiwillig und die Kosten werden zu 100 Prozent übernommen. Hier ist die Regelung sehr positiv, was aber nicht immer von den Kunden verstanden wird. Hier wird für ein hochwertiges Angebot auf freiwilliger Basis eine volle Kostenübernahme geboten.

Was sollte aus Ihrer Sicht getan werden, um körperlich und mental die Rückkehr in die Berufswelt vorzubereiten?

Ich kann hier nur aus der Perspektive der Gesundheitsförderung sprechen. Viele unserer Angebote tragen erheblich zum Stressabbau und einer psychischen Stabilisierung bei. Das Körpergefühl verbessert sich und damit entwickeln sich neue Kraft und Selbstvertrauen. Man kann wieder die Kontrolle über den eigenen Körper zurückgewinnen. Viele psychosomatische Leiden als können vermindert werden, von Rückenschmerzen über Schlafstörungen bis hin zu Übergewicht oder pessimistischen Denkmustern. Bewegung, Entspannung und gesundheitssportliche Aktivitäten machen Spaß. Man kann mit dem Rauchen aufhören, kommt auch unter Leute und knüpft neue soziale Kontakte, die bei Erwerbslosen auch oft vermindert sind. All das schafft auf der Ebene der individuellen Ressourcen und Kompetenzen eine verbesserte Ausgangslage.

Kommen wir zu den Erziehenden: Inwiefern sind die Risiken bei Ihnen erhöht?

Bei den Erziehenden handelt es sich nicht um ein Berufsfeld, sondern um Menschen mit kleinen Kindern, die wegen des Kindes oder der Kinder oft vorübergehend keiner Berufstätigkeit nachgehen können. Insbesondere Alleinerziehende sind hier großen Belastungen ausgesetzt, wenn keine Betreuungsplätze oder familiäre Hilfe zur Verfügung stehen. Wir haben für diese Zielgruppe 2018 spezielle Angebote am Vormittag mit Kinderbetreuung eingerichtet, damit die Kinder versorgt sind und die Mütter und Väter in der Zeit etwas für sich tun können.

Welche Maßnahmen beugen Erkrankungen vor?

Wir sind als Akademie für Gesundheit und Yoga im Bereich der primären Prävention tätig und bieten eine Vielzahl von Angeboten. Alle unsere Kurse sind von den gesetzlichen Krankenkassen über die Zentrale Prüfstelle Prävention anerkannt und tragen auf verschiedene Weise zur Gesunderhaltung bei. Hierzu gehören Kurse wie Pilates, Tai Chi, gesundheitsförderndes Yoga, Autogenes Training und Progressive Muskelentspannung, Stressbewältigung und Wirbelsäulengymnastik von entsprechenden anerkannten Fachkräften. Die Kassen fördern diese Kurse für jeden gesetzlich Versicherten mindestens zwei Mal im Jahr und übernehmen bis zu 80 Prozent der Kosten. Man hat also einen Eigenanteil zu tragen und muss außerdem in Vorleistung treten. Üblicherweise werden deshalb die Angebote von Arbeitslosen weniger in Anspruch genommen, da sie sich das nicht leisten können.

Müssen auch Langzeitarbeitslose in Vorleistung gehen und einen Anteil übernehmen?

Für alle arbeitssuchenden Personen übernehmen im Rahmen der Verzahnung von Arbeits– und Gesundheitsförderung die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten zu 100 Prozent. Es fallen also für diesen Personenkreis überhaupt keine Kosten an, auch keine Vorleistungen. Wir halten es für sehr sinnvoll, wenn Arbeitslose nicht in getrennten Angeboten unterkommen, sondern gleichberechtigt an den Kursen teilnehmen. Dies ist auch ein Aspekt sozialer Teilhabe.

Info:

Die Tripada Akademie für Gesundheit und Yoga kooperiert für das Projekt „Verzahnung von Arbeits-und Gesundheitsförderung“ mit Jobcenter, Arbeitsamt und gesetzlichen Krankenkassen. Mittlerweile wird dieses an über 170 Standorten bundesweit durchgeführt und wurde 2018 für weitere drei Jahre verlängert.

Interview: Benjamin Trilling

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