Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 1 2 3
4 5 6 7 8 9 10

12.551 Beiträge zu
3.784 Filmen im Forum

Mauerbruchstücke aus dem Bunker der Firma Krupp, Zweiter Weltkri: Rainer Rothenberg
Foto: Rainer Rothenberg

Unter unseren Füßen

12. Februar 2024

Archäologie der Moderne im Ruhr Museum – kunst & gut 02/24

Die Archäologie geht mit der Zeit. Nur Schätze verschollener Kulturen ausbuddeln, das war einmal. Mittlerweile beackert man auch jüngere Forschungsfelder. Das Industriezeitalter beispielsweise. Die Archäologie der Moderne schaut in den Boden unter unseren Füßen und entdeckt dort beim Haus- und Straßenbau verborgene Mauerreste oder Dinge im Weltkriegsschutt. Ausgrabungsfunde aus den letzten zwei Jahrhunderten bergen faszinierende Erkenntnisse über das wechselvolle Leben an Rhein und Ruhr, die in keinem Geschichtsbuch stehen. Um solche Relikte, deren Erforschung und Entschlüsselung geht es in der Galerieausstellung im Ruhr Museum: um jüngste Geschichte und Geschichten – aus der Stadt Essen, dem Ruhrgebiet und u.a. der rheinländischen Braunkohleregion. 

Zugegeben: In der Ausstellungshalle glänzt kein Goldschatz. Wenig fürs Auge. Ernüchtert schaut es auf gleichförmige Vitrinen einer konservativen Präsentation: 81 Exponate, thematisch gruppiert in acht Kapiteln. Systematisch spröde. Die einzige Reminiszenz an zeitgemäßes Ausstellungsdesign sind ein paar digitale Bilderrahmen mit Fundortfotos. Unter Glas liegen Schlackebrocken, Scherben, Porzellanpuppenköpfe, ein rostiger Nachttopf aus einem Zwangsarbeiterlager, Leitungsrohre aus Holz, Schuhsohlenreste, der Propeller eines über der Essener Margarethenhöhe abgestürzten Kampfbombers neben einer völlig ramponierten Reiseschreibmaschine. Vieles existiert nur noch in Fragmenten, beschädigt, korrodiert, für Laien kaum zu identifizieren, doch höchst wertvoll für Wissenschaft und Kulturgeschichte. 

Die Ausstellungsbereiche Industrie, Infrastruktur, Geschichte, Umwelt, Mensch, Nationalsozialismus und Krieg orientieren sich an den Forschungsschwerpunkten. Ein großes Thema ist Müll: In historischem Abfall finden Stadtarchäologen die zuverlässigsten Zeitzeugen. Absichtslos Weggeworfenes erzählt am ehrlichsten über Lebensumstände, objektiver als historische Dokumente und Erlebnisberichte. Da die Fundstücke nicht für sich sprechen, ist ansprechende Vermittlung gefragt.

Die Ausstellung besuchen, bedeutet: Exponate betrachten, rätseln, Erklärungen lesen, mit Vorwissen abgleichen und neu verknüpfen. Archäologen arbeiten ähnlich. Mit detektivischem Gespür können sie sogar nach Jahrzehnten oder Jahrhunderten noch Verbrechen aufklären. Zum Beispiel das Schicksal des kanadischen Heckschützen Thomas D. Scott, der sich aus seinem über Erkrath abgeschossenen Halifax-Bomber zwar noch mit Fallschirm retten konnte, aber gefasst und umgebracht wurde. Etliche verrottete Metallteile, Tankanzeigen und eine unscheinbare Gurtschnalle halfen, den Flieger zu identifizieren, und veranlassten die Recherche nach der Besatzung. Ohne erläuternde Texte weiß man das alles nicht.

Die Ausstellung möchte mit einer facettenreichen Auswahl aus ihrem Fundus die jüngste Vergangenheit ins Bewusstsein rücken, Schlaglichter werfen und Neugier wecken auf mehr – ein Großteil der Hinterlassenschaften schlummert schließlich noch verborgen im Boden. Aber die Faszination für die junge und spannende Disziplin Archäologie der Moderne sollte man besser schon mitbringen. 

Jüngste Zeiten. Archäologie der Moderne an Rhein und Ruhr | bis 7.4. | Ruhr Museum auf Zollverein, Essen | 0201 24 68 14 44

Claudia Heinrich

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

Dune 2

Lesen Sie dazu auch:

Ende eines Jahrhunderts
George Minne und Léon Spilliaert in Neuss – Kunst in NRW 01/24

Kunst und Umgebung
„Produktive Räume“ in Haus Lange Haus Esters in Krefeld – Kunst in NRW 08/23

Leben ins Museum
Neue Sammlungspräsentation des MO im Dortmunder U – kunst & gut 06/23

Draußen, immer
Ein Skulpturenprojekt in Monheim – Kunst in NRW 02/23

Forschungsstation Zivilisation
Andrea Zittel im Haus Esters Krefeld – Kunst in NRW 12/22

Antennen in die Zukunft
„The Camera of Disaster“ in Mönchengladbach – Kunst in NRW 09/22

Wenn der Zucker macht, was er will
Markus Heinzelmann über„Die Kraft des Staunens / The Power of Wonder“ – Sammlung 05/22

Regeln der Kunst
Die Sammlung des Josef Albers Museum Quadrat Bottrop zu Gast in Hagen – kunst & gut 01/22

Viel farbiger Strom im Keller
„Faszination Licht“ im Zentrum für internationale Lichtkunst – kunst & gut 12/21

Bilanz einer Reise
Albrecht Dürer im Suermondt-Ludwig-Museum Aachen – Kunst in NRW 10/21

„Wir leben in dystopischen Zeiten“
„Willkommen im Paradies“ im NRW-Forum Düsseldorf – Sammlung 09/21

Menschen in Räumen
Tim Eitel in der Neuen Galerie Gladbeck – Kunst in NRW 04/21

Kunst.

Hier erscheint die Aufforderung!