Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
17 18 19 20 21 22 23
24 25 26 27 28 29 30

12.570 Beiträge zu
3.796 Filmen im Forum

„Krabat“ im Zwielicht von Patrick Fuchs
Foto: Bettina Stöß

Liebe ist unausrottbar

28. Juni 2022

„Krabat“ am Musiktheater im Revier – Oper in NRW 07/22

Liebe macht blind. Oder doch hellsichtig? In Otfried Preußlers Roman „Krabat“ ist es eher spontane Zuwendung in einer akuten Notlage, die bei dem Waisenjungen Krabat die Erkenntnis anstößt, dass mit der Mühle seines Meisters irgendetwas nicht stimmt. Und dass die Magie, die das Räderwerk laufen lässt, keine menschenfreundliche, lebensfördernde Macht ist. Sondern Jahr für Jahr ihren dunklen Tribut fordert.

Im Grunde ist es ein einfaches Märchen, das Coppelius und Himmelfahrt Scores (Peter Häublein, Roman Vinuesa, Jan Dvořák) sich vorgenommen haben. Sie knüpfen an den Erfolg von „Klein Zaches, genannt Zinnober“, einer „Steampunk-Oper“ nach E.T.A. Hoffmann an, die 2015 und bei der Wiederaufnahme 2018 am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen bejubelt wurde. 2019 war das Nachfolgeprojekt geplant, da starb der geniale „Klein Zaches“-Darsteller Rüdiger Frank. Und dann verhinderte die Pandemie die Premiere …

Um ein Haar hätte die Uraufführung wieder nicht stattgefunden: Aber Regisseur Manuel Schmitt spielte für den erkrankten Joachim G. Maaß selbst den „Meister“; Heribert Feckler lieh ihm dazu die Stimme. Schmitt lässt die Lehrlinge in der Mühle als Herde grauer Arbeitssklaven auftreten. Das Schleppen der Säcke sieht eher nach Schikane aus. Nach und nach lernt der Zuschauer gemeinsam mit Krabat die Mittel totalitärer Macht kennen: Die vermeintliche Elite einer „geheimen Bruderschaft“ soll zusammenschweißen, das Unterdrücken sexuellen Begehrens dient als Herrschafts- und Kontrollmittel, innerhalb der Gruppe darf es keine Solidarität geben: „Keiner hilft keinem“.

Dass sich Nächstenliebe nicht ausrotten lässt und Krabat mit seiner von Bele Kumberger bewegend gestalteten Helferin Kantorka die Mühle zusammenbrechen lässt, ist die tröstliche Botschaft des Stücks. Bei Schmitt stehen die von der Magie der Macht befreiten Müllergesellen jedoch im Leeren: Was kommt, ist offen, sie müssen für sich oder gemeinsam ihren Weg ins selbst gestaltete Leben finden.

In den düsteren Räumen Julius Theodor Semmelmanns mit dem Schatten eines riesigen Mühlrads und einem zentralen Star-Wars-Tunnel spielen die Musiker von Coppelius mit Klarinetten, Cello, Kontrabass und Schlagzeug atmosphärisch treffende Musik. Peter Kattermann führt im Hintergrund die Neue Philharmonie Westfalen durch mal minimalistische, mal ätherische Klänge. Bastille (Sebastian Schiller) ist ein beeindruckend präsenter Krabat, Graf Lindorf erinnert als Lyschko an die sadistischen Schergen totalitärer Systeme. Max Coppella lässt sich als Michal die Menschlichkeit nicht austreiben und stärkt damit den Mut Krabats zum Widerstand. Gesanglich sind die Mitglieder von Coppelius auf unterschiedlichem Niveau; so ist bei Martin Petschan als Juro – wegen eines gebrochenen Fußes im Rollstuhl – der Abstand zwischen der vokalen und der charakterstarken darstellerischen Gestaltung doch erheblich.

Dass sich die drei Stunden am Ende doch ziehen, liegt wohl auch an dem dramatisch flach gehaltenen Libretto Ulf Schmidts und der kontrastlosen Story. Dennoch großer Jubel für ein ambitioniertes Experiment – und nicht nur die Steampunk-Gemeinde dürfte ihre Freude haben.

Krabat | WA 2., 3., 8., 22., 23.10., 11.11. | Musiktheater im Revier, Gelsenkirchen | 0209 409 72 00

Werner Häußner

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen? Als unabhängiges und kostenloses Medium sind wir auf die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser angewiesen. Wenn Sie uns und unsere Arbeit finanziell mit einem freiwilligen Betrag unterstützen möchten, dann erfahren Sie über den nebenstehenden Button mehr.

Neue Kinofilme

The Bikeriders

Lesen Sie dazu auch:

Opern-Vielfalt am Rhein
„Nabucco“ eröffnet in Düsseldorf die Spielzeit 2024/25 – Oper in NRW 06/24

„Kritische Auseinandersetzung mit der Kolonialzeit“
Kapellmeister Hermes Helfricht über Werner Egks „Columbus“ an der Oper Bonn – Oper in NRW 06/24

Welt ohne Liebe
„Lady Macbeth von Mzensk“ am Theater Hagen – Oper in NRW 05/24

Ethel Smyth und Arnold Schönberg verzahnt
„Erwartung / Der Wald“ im Wuppertaler Opernhaus – Auftritt 05/24

Die Gefahren der Liebe
„Die Krönung der Poppea“ an der Oper Köln – Oper in NRW 05/24

Absurde Südfrucht-Fabel
„Die Liebe zu den drei Orangen“ an der Oper Bonn – Oper in NRW 04/24

„Es geht nicht mehr um den romantischen Naturort“
Manuel Schmitt inszeniert „Erwartung / Der Wald“ an der Oper Wuppertal – Premiere 04/24

Grund des Vergessens: Rassismus
Oper von Joseph Bologne am Aalto-Theater Essen – Oper in NRW 03/24

Verpasstes Glück
„Eugen Onegin“ in Bonn und Düsseldorf – Oper in NRW 02/24

Täuschung und Wirklichkeit
Ein märchenhafter Opern-Doppelabend in Gelsenkirchen – Oper in NRW 02/24

„Wir hoffen, dass die Geschichte neu wahrgenommen wird“
Regisseurin Julia Burbach inszeniert „Alcina“ an der Oper Wuppertal – Premiere 02/24

Unterschätzte Komponistin?
„Der schwarze Berg“ an der Oper Dortmund – Oper in NRW 01/24

Oper.

Hier erscheint die Aufforderung!