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Anja Eder
Foto: Michael Römer

„Räumen wir Gärten wie Wohnungen auf, kann nichts Lebendiges entstehen“

29. März 2018

Anja Eder über Wildbienen und insektenfreundliche Gärten – Thema 04/18 Bienenglück

engels: Frau Eder, welche Situationen faszinieren Sie als Fotografin?
Anja Eder: Faszinierend in der Makrofotografie ist, dass man in eine sonst unsichtbare Welt eintaucht. Wenn man Bienen mit bloßem Auge sieht, dann erkennt man die Unterschiede nicht so genau. Die Makrofotografie zeigt einem eben die ganzen Details. Man holt das Objekt näher heran, vergrößert das Motiv wie unter der Lupe und erkennt so viele Feinheiten. Es gibt 560 verschiedene Wildbienenarten im deutschsprachigen Raum, einige davon habe ich vor die Kamera bekommen.

Ich wusste nicht, dass Bienen sich zum Schlafen festbeißen. Machen das alle Arten?
Nein, alle machen das nicht, aber einige. Man muss ganz früh morgens, oder so gegen 18, 19 Uhr, nach den Bienen Ausschau halten um sie schlafend zu entdecken. In den Glockenblumen, also gerade in der Pfirsichblättrigen Glockenblume, die etwas höher steht, schlafen ganz bestimmte Wildbienenarten. Dann sind sie da zu zweit, zu dritt oder auch alleine und verbringen die Nacht in den Blüten.

Welche Bienenarten verirren sich in heimische Gärten?
Das hängt vom Blütenangebot ab. Viele Wildbienen sind hochspezialisiert, fliegen nur ganz bestimmte Blüten an. Diese Bienen lockt man mit ihren „Lieblingsblüten“ in den eigenen Garten. Beide sind ja abhängig voneinander – die Blüte von der Biene und die Biene von der Blüte. Manche Bienenarten sind Generalisten und fliegen alle Blühpflanzen an. Dazu zählen zum Beispiel Honigbienen, Hummeln oder auch einige Mauerbienenarten. Sie sind nicht wählerisch und haben so höhere Überlebenschancen.

Wie gestalte ich meinen Garten bienenfreundlich?
In der Regel durch unsere heimischen Wildpflanzen. Diese sollten wir sowieso bevorzugt in die Gärten holen, weil sie nicht nur für unsere Insekten, sondern auch für alle anderen heimischen Tiere wichtig sind. Was man sich merken kann: Man sollte eigentlich alle Exoten verbannen. Sie beanspruchen Raum, den wir für unsere natürliche Vielfalt besser nutzen sollten. Sie sehen zwar schön aus, bieten aber meist keine Nahrung.

Welche Blumen oder Pflanzen brauche ich dafür?
Jedes Gänseblümchen hilft, wenn’s im Rasen bleibt. Auch Löwenzahn ist eine wunderbare Pflanze, die ganz, ganz viel Pollen und Nektar bietet. Oder Klee, der ist hervorragend für Hummeln; sie lieben Kleeblüten. Und wenn man jetzt den wilden Klee nicht haben will, dann kann man zum Beispiel auf Inkarnatklee zurückgreifen. Der ist auch wunderschön. Ihn kann man auch als Stauden-Pflanze in einen Kübel pflanzen. Die Glockenblume, also die Campanula, deckt auch sehr viel ab, denn ganz viele Bienen sind auf sie spezialisiert. Von ihr gibt es viele verschiedene Arten. Die Pfirsichblättrige Glockenblume zum Beispiel, das ist eine hochständige Blütenart, die relativ lange und mehrfach blüht. Wenn man Campanula als Bodendecker wählt, dann bieten die über unzählige Blüten ein sehr hohes Angebot für die Insekten. Sie blühen bis in den Spätsommer hinein. Darüber hinaus blühen sie auch im Schatten, also sind sie sehr gut einzusetzen, egal, wie der Garten aufgebaut ist.

Auch heimische Gartenpflanzen sind pestizidbelastet. Was kann ich dagegen tun?
Man könnte generell das Saatgut der Anbieter vermeiden, von denen man weiß, dass sie Monopole bilden. Und man kann versuchen, biologisches Saatgut zu kaufen. Alternativ kann man dazu im Internet schauen. Dort gibt es sehr viele Anbieter, die nach Region, also z.B. speziell für NRW geeignetes Saatgut anbieten. Damit könnte zum Beispiel ein Blumentopf oder ein Balkonkasten bestückt werden oder man macht eine kleine Fläche im Garten frei und pflanzt eben genau diese Mischungen. Es gibt sogar Samen für eine Schattenblumenwiese. Manche Anbieter sind hoch spezialisiert auf solche Anfragen. In den Mischungen sind dann genau die Pflanzen enthalten, die unterschiedlichste Insekten brauchen: also Bienen, Schmetterlinge, Käfer.

Welche Pflanzen stellen ein Problem für die Insekten dar?
Alle gefüllten Blüten bieten keine Nahrung. Sie sind so gezüchtet, dass sie vermehrt Blütenblätter entwickeln, jedoch keinen Pollen. Dazu zählen zum Beispiel auch geschlossene Edelrosen. Wenn ich mir jetzt überlege, ich möchte eine Rose in den Garten holen, dann könnte es eher eine Wildrose sein, die geöffnete Blüten hat. Diese kann den Insekten, Schmetterlingen usw. Pollen oder auch Nektar anbieten. Die Blüten vom Rhododendron oder der Azalee bieten ebenfalls keine oder kaum Nahrung. Das ist ein Fake für die Insekten. Diese Pflanzen haben sich hier eingebürgert, obwohl sie eigentlich nach Asien gehören. Hummeln zum Beispiel fliegen die unzähligen Rhododendronblüten an, weil sie von ihnen angelockt werden. Dazu muss man wissen: Hummeln haben einen sehr hohen Energieverbrauch, ähnlich dem Kolibri. Dadurch, dass sie diese Blüten immer wieder anfliegen, aber darin nichts finden, erschöpfen sie sich mitunter zu Tode. Wenn es daneben eine pflanzliche Alternative gibt – die Insekten sind ja schlau – dann wird diese dankbar angenommen. Aber falls das Nahrungsangebot nicht ausreicht, dann wird es zum Problem.

Um den Garten winterfest zu machen, werden im Herbst häufig alte Blütenstände abgeschnitten. Was empfehlen Sie?
Ich empfehle nicht alles verblühte zum Herbst hin zu entfernen. Man sollte trockene Blütenstände bis zum nächsten Frühjahr stehen lassen, weil die Tiere die Samen der Blüte als Nahrungsquelle brauchen. Ich habe zum Beispiel die wilde Karde in meinem Garten – das ist eine sehr schöne Distel. Die vertrockneten Blüten lasse ich bis zum Frühjahr und darüber hinaus stehen. Seitdem ich sie im Garten habe, kommen zum Beispiel Distelfinken, die genau diese Samen aus den trockenen Blüten herauspicken. In trockenen Pflanzstengeln sind mitunter auch die Larven von unterschiedlichen Wildbienen versteckt. Blätterhaufen im Garten dienen dem Igel als Versteck oder Hummeln haben die Möglichkeit, darunter zu überwintern. Wenn wir die Gärten so aufräumen wie unsere Wohnungen, kann nichts Lebendiges entstehen. Das sollte eigentlich jedem klar sein. Es ist wichtig, dass man da umdenkt: wieder hin zur Natur und weg von diesen spießigen, aufgeräumten, furchtbaren Gärten.

Das heißt, den Garten besser im Frühjahr aufräumen. Was muss ich beachten?
Ja, man muss ja wieder Platz machen. Es gibt halt bestimmte Pflanzenstengel in denen Wildbienenlarven stecken. Wenn man sich da ein bisschen schlau macht, dann könnte man diese einfach beiseite stellen oder auf einen Haufen legen, ohne dass man die Behausung der Tiere vernichtet. Denn die Wildbienen – fast alle sind Solitärbienen – entwickeln sich über den Zeitraum eines Jahres hinweg. Wenn die Larven zum Beispiel im April von den Muttertieren gelegt worden sind, dann schlüpfen sie erst im nächsten April. Sie überdauern ein Jahr in ihrer kleinen Zelle, wo auch immer diese sich befindet, ob im Totholz, in einem Pflanzenstengel, in Röhrchen, in Löchern oder unter der Erde. Wenn man genau diese besiedelten Stengel entfernt bevor die Tiere schlüpfen konnten, dann entfernt man auch das Leben, das darin steckt.

Was sollte ich im Garten nicht tun?
Niemals Pestizide verwenden. Davon gibt’s überall, zum Beispiel in der Landwirtschaft schon genug. Darüber hinaus empfehle ich, in der richtigen Gärtnerei die Pflanzen zu kaufen. Es gibt in Wuppertal Gärtnereien, die ihre Pflanzen selber ziehen und keinerlei Pestizide einsetzen. Wenn man eine belastete Pflanze gekauft hat, dann kann man diese eigentlich nur entsorgen. Da viele Pestizide in die Pflanzenstruktur übergehen, werden sie nicht durch den nächsten Regen abgewaschen.

Was bedeuten Pestizide für die Bienen?
Neonicotinoide zum Beispiel wirken auf die Insekten so, dass sie ihre Orientierung verlieren. Für Wildbienen und Honigbienen gleichermaßen ist das oft das Todesurteil. Wenn die Honigbiene nicht zu ihrem Volk zurück findet, kann sie nicht überleben. Verliert die Wildbiene die Orientierung, kann sie ihre Brut nicht mehr versorgen.

Auch im Wald finden Bienen nicht genügend Nistplätze. Was können Gartenbesitzer tun?
Wenn man einen abgestorbenen Baum hat, vielleicht ein Obstgehölz, dann könnte man ihn einfach stehen lassen. Eine schöne Idee wäre, da vielleicht etwas Anderes hinein zu schicken, wie etwa eine Kletterpflanze, eine Clematis oder einen Blauregen. Totholz ist wichtig für viele verschiedene Insekten, denn sie legen ihre Larven eben in genau solche abgestorbenen Hölzer hinein. Wenn man keinen Baum hat, dann kann man sich Totholz in den Garten holen. Das heißt, man besorgt sich vielleicht ein Stück Baumstamm, zum Beispiel von einer Eiche. Es sollte nicht verschimmelt oder morsch sein. Den Stamm kann man dann einfach in den Garten stellen oder legen und er wird mit der Zeit von den Tieren auch genutzt.

Da sieht man den Garten mit ganz anderen Augen.
Wir hätten auf jeden Fall die Chance, eine ganze Menge zu tun. In unseren Gärten steckt sehr viel Potenzial. Wenn man alle Privatgärten Deutschlands zusammen zählt, hat man eine Fläche, die in etwa so groß ist wie die Gesamtfläche unserer Schutzgebiete.Bepflanzen wir sie bienenfreundlich!


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