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Roland Mönig
Foto: Lisa Jureczko

„Man spürt in diesem Moment, wie unersetzlich Kultur ist“

01. Mai 2020

Roland Mönig – neuer Direktor des Von der Heydt-Museums – Interview 05/20

engels: Dr. Mönig, Museumsdirektor zu werden in einem vorläufiggeschlossenen Museum ist keine schöne Vorstellung, oder?

Dr. Roland Mönig: Man lernt im Moment was „in der Ruhe liegt die Kraft“ bedeutet. Mehr Ruhe geht nicht, das Museum ist geschlossen. Ein Großteil der Mitarbeiter ist, auch um ihre Gesundheit und Sicherheit zu gewährleisten, im Homeoffice. Für mich ist es ein sehr langsamer, ein sehr stiller Einstieg.

Hat man denn nun mehr Zeit für das Depot oder plant man bereits die erste Ausstellung nach der Pandemie?

Wir planen immer mehrere Schritte im Voraus, anders lassen sich ja Museen nicht betreiben. Es gibt immer eine vorlaufende Planung, die über Jahre hinweg geht. Aber die Corona-Pandemie zwingt uns momentan zu einer Menge Umplanungen. Eine wunderbare Ausstellung über Hannsjörg Voth, den bedeutenden deutschen Land-Art-Künstler, ist eigentlich schon fertig, hätte an den Tagen, als bei uns alles dicht gemacht wurde, eröffnet werden sollen. Die groß angelegte Sammlungspräsentation, eine Art Tour d' Horizon durch das, was das Von der Heydt-Museum kann und bietet, konnte gar nicht erst aufgebaut werden. Und eine dritte Ausstellung, die die Sammlung des Hauses mit der Sammlung der Stadtsparkasse Wuppertal gekreuzt hätte, muss auch verschoben werden. Das heißt, es gibt eine Menge Projekte, an denen wir schon arbeiten, und wir müssen versuchen, uns neu zu sortieren. Das geht aber dem gesamten Museumsbetrieb Land auf, Land ab so und gilt auch für viele Museen im internationalen Verbund, mit denen wir arbeiten.

Geht man denn jetzt wenigstens mal alleine durch die heiligen Hallen?

Ja, genau das habe ich gestern getan. Und damit versucht, Witterung aufzunehmen, denn für mich ist immer ganz entscheidend, wie sich ein Haus anfühlt, was es sich seiner Architektur nach darstellt, was es für einen Charakter hat. Denn damit muss man ja arbeiten und ist Teil der Identität, die man verstehen muss, wenn man das Haus entwickeln will. Das war gestern ein schönes Erlebnis, zum ersten Mal auch in die Depots einzutauchen. Und dort zu sehen, was es alles gibt.

Dass man Theater schließt, kann ich verstehen, bei Museen bin ich mir da angesichts von Supermarktbesuchen nicht so ganz sicher. Da ließe ich sich doch eigentlich Abstand ganz einfach erzeugen. Wäre das nicht eine Möglichkeit für nach Ostern?

Diese Frage ist bei mir schlecht adressiert. Wir lernen im Moment uns auf die Expertisen von Wissenschaftlern und Medizinern zu verlassen, uns auf die Krisenstäbe zu verlassen, die wiederum auf diese Ratschläge hören. Ich glaube, es ist gut, wenn wir die Spielregeln, die ausgegeben werden, beherzigen und uns daran halten und nicht versuchen, uns neue Spielregeln zu machen.

Was denken Sie, wie kann man mit einer kontaktlosen Zeit die Bevölkerung mit Kunst und Kultur versorgen? Ist die letzte Ausfahrt da die virtuelle Welt?

Das ist eine Ausfahrt und möglicherweise gerade die einzige, die wir haben, um bei der Metapher zu bleiben. Die Datenautobahn bietet ja eine Menge Möglichkeiten. Und darüber haben wir auch im ausgedünnten Team und in sehr großer Runde mit den nötigen Sicherheitsabständen ausführlich nachgedacht. Wir wollen jetzt mehr im Bereich Social Media anbieten und auch einige Angebote auf die Website stellen. Damit die Menschen den Geschmack der Kunst bewahren und damit auch eine Vorfreunde auf den Moment entstehen kann, in dem das Museum wieder aufgeht. Denn eins muss man sich ganz klar vor Augen halten: Auch wenn man jetzt viel auf der digitalen Seite machen kann, sehr viel digital werben und das Bewusstsein wachhalten kann – worum es immer geht, ist das analoge Erlebnis. Konkret etwas an einem Ort zu erleben, mit dem Körper da zu sein. Das gilt neben Theater und Kino auch für das Museum und das lässt sich nicht ersetzen. Ich glaube, man spürt gerade in diesem Moment wie unersetzlich Kultur ist, dass Kultur in einem ganz elementaren Sinn tatsächlich systemrelevant ist für unsere Gesellschaft.

In solchen Krisen geht es immer auch ums Geld. Wie verhält sich die Stadt Wuppertal?

Da sehe ich momentan kein Anlass zur Besorgnis. Nach dem, was ich an Signalen bekomme, steht die Stadt ganz im Gegenteil voll hinter dem Museum und stärkt es. Wir werden alle viele Veränderungen erleben und wir werden sicher viele Dinge neu und anders denken müssen. Vielleicht ist das auch mal gut so, wenn man vieles neu und anders denkt. Ich sehe mich da in einer guten Position und gestärkt – auch durch einen Kunst- und Museumsverein, insbesondere auch durch die Bürgerschaft, die hier in Wuppertal eine ganz entscheidende Rolle spielt. Da sind auf allen Ebenen ein Wunsch und ein Wille, das Museum zu haben und zu halten.

Das heißt, die Einwohner reagieren positiv. Wird auch die Internet-Seite mehr genutzt?

Noch kenne ich zu wenige Einwohner, um da präzise zu antworten. Ich bin ja erst drei Tage hier. Aber was ich ganz toll und reizend finde, ist, dass man in dieser Stadt so schnell so viele Kontakte aufbauen kann. Wir hätten ja diese Woche Pressekonferenz und Eröffnung gehabt und das ist immer eine explosionsartige Entwicklung von Begegnungen und Kontakten. Stattdessen kommen immer wieder kleine Emails: Herzlich willkommen, wir freuen uns, dass Sie da sind. Das sind so Signale, dass die Menschen wirklich teilnehmen und dass sie auch wissen wollen, wie es weitergeht und dass sie gespannt sind.

Und wer kriegt das Toilettenpapier aus den jetzt geschlossenen Toiletten des Hauses?

Das ist ein Haushaltsposten, an dem wir im Moment sparen, und von dem wir dann später profitieren können.

Das Interview fand Anfang April statt.

INTERVIEW: PETER ORTMANN

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