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Werwölfe an der Macht – was soll schon passieren?
Foto: Kien / Adobe Stock

Staatsmacht Schicht im Schacht

22. Dezember 2023

Mögen Körperflüssigkeiten den Parlamentarismus retten – Glosse

Das war’s. Schluss. Aus. Ende. Das Experiment Demokratie ist gescheitert. Irgendwann ist ja auch mal gut. Was der Sozialismus mit der Sowjetunion und Kuba gemacht hat, haben wir gesehen. Die Demokratie hat ein bisschen länger gehalten. Aber was haben Reisefreiheit, Redefreiheit, die freie Wahl des Arbeitsplatzes, freie Presse und freie Meinungsäußerung uns gebracht? Den freien Fall.

Ein Mosaik (un-)demokratischer Geschichte, ohne den geringsten Anspruch auf Vollständigkeit: US-Amerikaner, die Monster-Trucks und Andrew Tate für die Speerspitzen von Technologie bzw. Zivilisation halten, wählten einen Immobiliendödel an die Macht, der das Feingefühl des einen und das diplomatische Geschick des anderen in sich vereint. Während die Franzosen mit ihren einst Herrschern kurzen Prozess gemacht haben, trauen die Briten der Demokratie nicht ganz und leben in Bigamie mit ihr und der Monarchie. Die Franzosen indes führten mit der Demokratie gleichzeitig die Idee des politischen Terrors ein und stürzten im Anschluss Europa in ein Chaos. Auf dem anschließenden Wiener Kongress versuchte man, so viel Abstand zur Demokratie zu nehmen wie möglich. Die Italiener haben die vielleicht zweitlängste demokratische Tradition Europas. Und sie bis heute nicht verstanden. Gerade steht das Justizsystem vor dem Kollaps, Medienmogule an der Staatsspitze machten Bunga Bunga, hier tummeln sich Senatoren, die neun Mal die Fraktion gewechselt haben, teilweise mehrmals während einer Legislaturperiode – in der ohnehin knapp 40 Prozent aller Parlamentarier den Wendehals gemacht haben. Die Partei Bibeltreuer Christen. Das Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz (RflEttÜAÜG). Hitler.

Wäre Demokratie ein Produkt ...

Ohnehin krakeelt heute jeder seine Meinung in die digitale Welt. Hier wird von drohendem Bürgerkrieg gesprochen, dort von der Sehnsucht nach einem starken Mann (ein politischer Ödipuskomplex?). Die da oben scheren sich nicht um uns. Sie machen nur Regenbogenpolitik, statt mal ernste Probleme anzugehen. Sie tun zu viel für die Wirtschaft, statt Minderheitenrechte zu stärken. Ich baue mir meinen Bunker, da bin ich König. Ich wandere aus. Ich guck einfach keine Nachrichten mehr. Ich mache mir Sorgen um die Zukunft, darum mache ich Poetry-Slam. Ich. Ich. Ich. Doch Demokratie braucht ein Wir. Wir sehen aber nur: Sie ist obsolet geworden, die Demokratie. Wäre sie ein Produkt, man hätte sie wegen Konstruktionsmängeln, mangelnder Betriebssicherheit, schlechten Bewertungen und viel zu hohen Kosten im Unterhalt längst vom Markt genommen.

Politiker sind Wählern eh fern

Doch was sind die Alternativen? Deutschland ist zwar eine Autonation, aber Autokratie – nee, das ist abgedroschen. Und das fänden unsere Nachbarstaaten nicht so doll (außer Österreich vielleicht). Theokratie? Ich glaube nicht. Meritokratie? „Leistung soll sich wieder lohnen“ ist ein beliebter Wahlkampfslogan. Doch die Conditio humana macht schnell, dass die einzigen Meriten, die es braucht, Sympathie, Geld oder ein Verwandtschaftsverhältnis sind. Es ist alles schon dagewesen und nichts hat sich bewährt.

Es wird also Zeit für eine komplett neue Regierungsform. Daher stellen wir nun einige Kratien vor, die es so noch nicht gegeben hat. Sie wurden in erster Linie entwickelt, indem das Konfix -kratie (altgriech. κράτος, krátos: Kraft, Macht, Herrschaft) mit anderen Wörtern und Wortbestandteilen griechischen Ursprungs kombiniert wird, die dem Autor gerade in den Sinn gekommen sind.

Telekratie, die Fernherrschaft: Die Pandemie hat es gezeigt: Die meisten Dinge lassen sich auch aus der Ferne über Zoom klären. Viele Fernbeziehungen halten nur so lange, bis man beschließt, schließlich doch zusammenzuziehen. Warum schickt man nicht also alle Politiker auf ein Archipel, wo sie es warm haben, jeder hat seine Finca. Beim Sonnenuntergang am Pool und einem guten Sekt in der Hand fragt man sich dann: Was brauch’ ich mehr? Zack, fertig: Korruption bekämpft. Oder man lässt jeweils die Menschen aus einem Land über ein anderes herrschen. Das stimuliert Neugier, was die Motivation fördert, und verhindert ebenfalls Korruption durch fehlende Beziehungen. Vorteil: Viele Politiker sind eh weit entfernt von der Lebenswelt ihrer Wähler; die Umstellung wäre nicht so groß.

Dendrokratie, die Baumherrschaft: In dem, milde gesagt, misanthropischen Lied „Das Zeitalter der Bäume“ von Samsas Traum heißt es: „So lasst uns jetzt die Stimmen heben / Der letzte Stamm wird auch die Menschheit überleben.“ Dass ein baumbasiertes Beratungsgremium funktioniert, wissen wir aus „Herr der Ringe“. Und dass Bäume tatsächlich kommunizieren, hat uns der Förster Peter Wohlleben gelehrt. Sie sehen: Diese Herrschaftsform ist mit reichlich Quellen unterfüttert. Nachteil: Bis so ein Rat der Bäume einen Beschluss gefasst hat, vergeht einige Zeit. Trost: Das dauert oft auch nicht länger als in derzeitigen Demokratien.

Lykanthropokratie, die Werwolfsherrschaft: Anstatt dass der Herrscher qua Abstammung (unfair!), Beliebtheit (ist doch keine Grundlage!), Argumenten (ha ha, wer’s glaubt!) oder Fähigkeiten (wer bestimmt die?) ernannt wird, erhebe man einfach diejenigen zu Souveränen, die ein zweifelsfrei feststellbares Merkmal aufweisen: die Lykanthropie. Wer Werwolf ist, soll nicht länger marginalisiert werden, sondern im Gegenteil Privilegien erhalten – klappt mit anderen Minderheiten doch auch. Nachteil: Alle 28 Tage ruhen die Staatsgeschäfte.

Hämokratie, die Herrschaft des Blutes: Eine Staatsform wie ein brutales Fantasyepos. Nicht gerecht, nicht beständig, aber spannend bis zum Ende. Verspricht zumindest der Name.

Urokratie, die Herrschaft des Urins: Schluss mit verkopften Debatten und faulen Kompromissen. Diese Herrschaftsform macht Politik endlich wieder intuitiv. Wer kennt es nicht, dieses Gefühl der Vorahnung, diesen Eindruck, in einem drin rumore es, diese Gewissheit, dass man Entscheidungen am besten aus dem Bauch heraus treffe? Bei dieser Form der direkten Demokratie kann ein Bürger oder eine Bürgerin jederzeit vor das Rathaus treten und sagen, wie die Politik seiner bzw. ihrer Meinung nach laufen soll. Als Begründung und Argumentation ist „Ich habe das im Urin“ vollkommen hinreichend. Alle Bürgerinnen und Bürger dürfen dann ebenfalls in sich hineinfühlen. Die heruntergekommenen öffentlichen Toiletten neben dem Rathaus erfüllen nun endlich wieder einen Zweck zum Wohl aller: als Wahlkabinen. Der Entscheid wird durch Volumen in Litern bestimmt.

 

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Marek Firlej

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