Ein besonderes Interesse an dem Elternhaus von Friedrich Engels hatten Gäste aus China – im Gegensatz zu vielen Wuppertalern – schon immer: „Sie haben ein großes Traditionsbewusstsein. Für sie ist Engels einer der großen Heroen, der die Grundlagen des modernen China geschaffen hat“, erklärt Dr. Eberhard Illner, Leiter des Historischen Zentrums Wuppertal und damit auch zuständig für das Engels-Haus, das zum Barmener Museum für Frühindustrialisierung gehört. Kamen früher allerdings vor allem Delegationen von Parteifunktionären nach Barmen, so hat sich hier einiges geändert: „Seit fünf bis acht Jahren kommen zunehmend hochgebildete Besucher, Ärzte, Künstler, die ein sehr ernsthaftes Interesse an Engels haben“, resümiert der Historiker. Zwei bis drei chinesische Delegationen mit rund fünf bis 15 Personen führt Illner pro Woche durch das Museum. „Manchmal kommen auch unangemeldet Busse, und dann stehen plötzlich 50 Personen vor der Tür.“ Organisation ist in solchen Fällen gefragt, denn derzeit dürfen höchstens zehn Personen in die erste Etage des renovierungsbedürftigen Engels-Hauses. „Wir teilen die Gruppen dann auf und führen die einen durch das Museum für frühe Industrialisierung, während die anderen das Engels-Haus besichtigen“, erläutert der Museumsleiter. Erstaunlich an dem Interesse aus Fernost, das von Jahr zu Jahr mehr Besucher nach Wuppertal führt, ist für Illner vor allem die Genauigkeit und die Intensität, mit der die Chinesen sich im Museum umschauen: „Deutsche Politiker nehmen sich für einen Besuch höchstens eine Viertelstunde. Chinesische Politiker planen zwei Stunden ein und wollen alles sehr genau wissen“.
Die Chinesen kommen als Pilger und gehen als Besucher
Dabei entwickeln sich oft interessante Gespräche: „Die chinesischen Besucher kennen Engels aus der Schule. Immerhin ist Engels für sie ein Klassiker, der die Grundlagen der chinesischen Unabhängigkeit und damit auch der nationalen Identität Chinas geschaffen hat. Sie kommen als Pilger und wollen Reliquien sehen.“ Eher als historische Persönlichkeit, der in seinen Büchern seine persönlichen Erfahrungen und Beobachtungen in der frühen Zeit der Industrialisierung verarbeitete, sieht dagegen Illner den großen Sohn der Stadt. „Wir zeigen Engels in seinem historischen Kontext und vermitteln den chinesischen Besuchern ein völlig anderes Bild der Person“, erzählt er. „Das sind meist ältere, philosophisch gebildete Menschen. Sie kommen als Pilger und gehen als Besucher mit einem historischen Interesse.“ Seit Ma Kai, Generalsekretär des Staatsrats der Volksrepublik China zum 190. Geburtstag Engels' zu Besuch war, ist das Interesse der Chinesen noch einmal gestiegen: „Seither sind wir sehr beliebt in der chinesischen Szene und nutzen diese kulturelle Komponente auch für wirtschaftliche Kontakte. Engels ist ein Standortfaktor, der das chinesische Interesse belebt.“
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