Bereits vor knapp einem Jahr erschienen erste Pressemeldungen, dass die Volksrepublik China unserer Stadt ein Engels-Denkmal schenken wolle. Einige Monate zuvor schon hatte der Generalsekretär des Staatsrats, Ma Kai, zum 190. Geburtstag des berühmtesten Sohnes von Barmen das Engels-Haus besucht. Einerseits war der ranghohe Regierungsvertreter von der Fülle der Informationen, die er dort erhielt, beeindruckt. Andererseits wird ihn der Zustand des Hauses, das wegen baulicher Mängel seit längerer Zeit für größere Besuchergruppen gesperrt ist, wohl dazu animiert haben, großzügige materielle Hilfe in Aussicht zu stellen. Der bereits florierende Tourismus nach Wuppertal soll weitere Impulse durch ein extra auf chinesische Bedürfnisse zugeschnittenes Marketing erhalten. Dazu gehört auch ein neues, repräsentatives Engels-Denkmal. Die Umsetzung dieses Denkmals, so berichtete uns jüngst der Leiter des Historischen Zentrums Wuppertal Eberhard Illner, werde zügig vorangetrieben.
Während die knapp 350.000 Einwohner zählende Stadt in dem gut 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Land auf reges Interesse stößt, weiß man hierzulande aber oft erschreckend wenig über China. Unser Verhältnis zum Reich der Mitte wird durch zwei Polaritäten bestimmt. Wen kümmert es, wenn in China ein Sack Reis umfällt. Und: der Flügelschlag eines Schmetterlings in Peking kann am anderen Ende der Welt einen Orkan auslösen. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich wie so oft in der Mitte. Das bevölkerungsreichste Land der Welt taugte schon immer gleichzeitig als Objekt von Romantisierungen und als Feindbild und Angstgegner. Nachdem die westlichen Meinungsmacher vor der „gelben Gefahr“ warnten, gingen sie zum nahegelegenen China-Restaurant und genossen die kulinarischen Genüsse des exotisch anmutenden Landes. Während aber vor Jahrzehnten noch eher die militärische Bedrohung aus dem Osten und dem fernen Osten die westliche Welt in Angst und Schrecken versetzte, gilt inzwischen die geballte Wirtschaftsmacht Chinas als gefährlich für unseren Wohlstand. Tatsächlich hofieren viele europäische Politiker die Regierung in Peking. Die Kanzlerin reiste im vergangenen Monat mit einer hochrangigen Delegation nach China. Man hofft auf üppige Finanzspritzen aus dem Land des fast unbegrenzten Handelsüberschusses, um dem krisengeschüttelten Euro wieder auf die Beine zu helfen. Jahrzehntelang war China als Billiglohnland willkommener Handelspartner. Allerdings achtete die chinesische Führung darauf, dass nicht der ganze Gewinn aus dem Land wieder abgezogen wurde, wie dies die Industrieländer mit anderen Entwicklungs- und Schwellenländern praktizierten. So konnte China wie zuvor die rohstoffreichen arabischen Länder immense Reichtümer aufhäufen. Kriselnde Konzerne und demnächst vielleicht sogar kriselnde Staaten werden von chinesischen Kapitalgebern schlicht aufgekauft. Auch diese Szenarien tragen natürlich nicht dazu bei, ein entspanntes Verhältnis zum fernöstlichen China zu entwickeln.
Auch wenn Marx, Engels, Lenin, Stalin und Mao inzwischen eher in Museen zu bewundern sind, so bleiben die beiden Denker aus Deutschland für China doch wichtig. Dabei gilt es zunächst, und das sagen unisono alle unsere chinakundigen Gesprächspartner aus Wuppertal, die für uns fremde Kultur und Mentalität zu verstehen. Das Land von Konfuzius und Mao kann nicht mit unseren Maßstäben, die von Christentum und Humanismus geprägt sind, beurteilt werden. Aus chinesischer Sicht wiederum stellt das kleine Europa mit seinen vielen Sprachen, Grenzen und Währungen ein unübersichtliches Gewimmel dar. Gemeinsamer Nenner von Deutschland und China sind neben sich tatsächlich manchmal ergänzenden wirtschaftlichen Interessen zwei Persönlichkeiten. Eine der beiden wurde in Trier geboren, die andere in Barmen. Die von Karl Marx und Friedrich Engels entworfene Philosophie beeinflusste maßgeblich die Entwicklung Chinas seit über 70 Jahren. Auch wenn das Motiv der fünf nebeneinander abgebildeten Persönlichkeiten Marx, Engels, Lenin, Stalin, Mao inzwischen eher in Museen zu bewundern ist und das Straßenbild in chinesischen Metropolen mehr und mehr von kommerzieller Werbung geprägt ist, so bleiben die beiden Denker aus Deutschland für Chinas Selbstverständnis doch wichtig.
Von dem Interesse Chinas an der vergleichsweise winzigen bergischen Stadt profitiert übrigens die heimische Wirtschaft. Gerade hochrangige chinesische Entscheidungsträger aus Politik und Wirtschaft finden den Weg nach Wuppertal und speziell zum Engels-Haus. Auf diesem Hintergrund erscheint eine Instandsetzung der maroden Bausubstanz, eine zeitgemäße und aufwändigere Präsentation der Inhalte und ein auch chinesische Bedürfnisse berücksichtigendes Stadtmarketing als dringend gebotene Investition in die Zukunft. Dabei könnte unsere Stadt durchaus auch mit Pfunden wuchern. Nicht erst seit dem wirtschaftlichen Erfolg der Familie Engels gilt die Region als Wiege der Industrialisierung Deutschlands. Noch heute ist das „Tal der Tüftler“ bekannt für kleine, aber wichtige Innovationen. Zwar ist Wuppertal nicht mit einer weltbekannten Marke verbunden, wie dies Städten wie Leverkusen, Wolfsburg oder Zuffenhausen gelingt. Trotzdem wären viele Markenprodukte ohne Komponenten aus Wuppertal nicht funktionsfähig. Auch eine weitere Idee, die von hier stammt, könnte für chinesische Besucher von Interesse sein. Friedrich Engels setzte sich in seinem Werk für soziale Gerechtigkeit ein.
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