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"My Move My Place" von Jo Parkes und Julia Franken
Foto: Tanzrauschen e.V.

Nähe, Skepsis, Spannung

14. November 2019

Festival Tanzrauschen: Filmpremiere „My Move My Place“ – Festival 11/19

Ein Mann und eine junge Frau nebeneinander. Zögernde Bewegungen: Sie nähern sich an, weichen sich aus, testen an, was ihr Verhältnis ist oder sein könnte. Einmal schnappt sie sich beherzt seine Nase. Eine der Sequenzen aus dem Dancescreen-Workshop, Teil von Tanzrauschen, der vor dem Festival schon in der börse zu sehen war.

 

Jo Parkes, die schon für „Letters from Wuppertal“ 2015 verantwortlich zeichnete, hatte wieder die Leitung übernommen. „Du wirst in Wuppertal sowieso geliebt“, bescheinigte ihr am Vorführabend Kerstin Hamburg liebevoll, Chefin von Tanzrauschen. Als documentary dance maker, wie Parkes sich sieht, stützt sie sich gern auf biografisches Material ihrer nicht-professionellen Akteure. Diesmal bat sie diese um Lieblingsorte, jeder machte Vorschläge, und schließlich standen die Locations fest. Im August wurde gedreht, daraus entstand der Film: mit Schneiden, Komponieren der Szenen hin zum Resultat, Unterlegen mit Musik.

 

Drei Orte insgesamt wurden ausgewählt und bespielt: Eine Stelle an der Wupper mit ihrem Flussbett, das Mirker Freibad und sein Gelände, die Holsteiner Treppe zwischen Gathe und Ostersbaum. Wenn so auch drei der Teilnehmenden ihre Lieblingsorte gewissermaßen allen vorgaben, bietet der Film nicht einfach Porträts dieser Orte, sondern macht sie zum Schauplatz. Natürlich erkennen viele Wuppertaler die beliebten Stufen Richtung Platz der Republik, genannt Regenbogentreppe und neben ihrer Vielfarbigkeit besonders auffällig durch die Schriftzüge: „Begeisterung“, „Besonnenheit“, „Zur Wehr setzen“ und vieles mehr. Was die hier gedrehten Filmteile daraus machen, setzt weniger den Ort in Szene – vielmehr den freien Zugriff darauf.

 

Da liegt eine Tänzerin reglos auf dem Treppengeländer, zwei andere bilden eine Figur in stiller Akrobatik. Ähnlich im Freibad Mirke: Das leere Becken wird zur Bühne, die TänzerInnen nutzen sie und formen Bilder. In intensiven Sequenzen steht da etwa eine junge Frau im Mittelpunkt mit Bewegungen zwischen Kampf und Leidenschaft. Auch als Ganzes agieren die Teilnehmenden immer wieder, so als sie an besagter Treppe unter der oberen Stufenkante auftauchen und mit aufgespannten Schirmen schließlich ein Panorama bilden. Und nicht zuletzt an der Wupper zeigt sich: Neben starken Bewegungen kann auch Nicht-Bewegung sehr wirkungsvoll sein – zum Beispiel wenn wie zum Kontrast die Schwebebahn vorbeirauscht.

 

Bei eingangs erwähnter Szene kommt ein Merkmal der zwei Akteure hinzu, das gerade die diesjährigen Parkes-Produktion prägt: der Altersunterschied. Der Mann ist deutlich älter, die anfängliche Spannung auch dadurch geprägt. An verschiedenen Stellen ist das Alter heute von Bedeutung, wird die Distanz der Lebensstationen bewusst in den Fokus gerückt. Das gilt übrigens nicht nur fürs Endergebnis auf der Leinwand: An der realen Situation der Zusammenarbeit hatte seinen Anteil, dass hier Wildfremde aufeinander trafen, die zum Teil Jahrzehnte trennte. „Zuerst war ich skeptisch: Die ganzen Senioren.“ Das sagt im Film eine junge Teilnehmerin aus dem Off.

 

Und doch: Im Grunde, scheint es, geht es ums Annähern, und das ist ja ein Prozess, der auch unter Gleichaltrigen stattfindet und so nur besonders augenfällig ist. So spielt der Film Nähe, Skepsis, Spannung, Vertrauen in verschiedenen Varianten durch. Stilisiert und forciert, aber doch auch als Ausdruck tatsächlicher Distanz, die für den Film erst zu überwinden war.

 

Die Szenen wirken jede für sich formvollendet. Dass viel Arbeit dahinter steht, sollte man da schon erahnen, doch gerade Perfektion lässt die Mühen für Zuschauer schnell vergessen. Umso sinnvoller, am Ende etwas vom Aufwand zu hören: Eine Sequenz von ein paar Minuten erfordert natürlich viel mehr Zeit zur Entstehung. Die Kamerafrau, war zu hören, bat zuweilen hartnäckig um Wiederholung und Korrektur. Was am Ende so filigran aussieht, wollte vielfach hart erkämpft sein und stieß auch schon mal auf Naturgewalten: „Ich wusste nicht, dass die Wupper so eine Strömung hat!“, verbuchte eine Akteurin. Noch mehr als Treppe oder Badgelände wird ein Fluss als Spielort vielleicht am störrischsten bewusst machen, wie sehr Tanz auch eine physische Angelegenheit ist. Gut, das angesichts der Schönheit auf der Leinwand nicht zu vergessen.

 

Der Film ist derzeit ständig im Treppenhaus der börse zu sehen und beim Festival dann erneut. Die Gelegenheit zu nutzen lohnt sich sehr.

 

Tanzrauschen | 21. - 24.11. | Rex Wuppertal | tanzrauschen.de

Martin Hagemeyer

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