Eine Fallgeschichte
Bekenntnisse eines Simenon-Süchtigen
Es ist an der Zeit, ein Geständnis abzulegen, einfach um auch anderen möglichen Betroffenen zu helfen. Bei mir begann es in den Siebziger Jahren. Diese eleganten Taschenbücher mit den Zeichnungen von Pablo Picasso, vornehm in Beige gehalten, waren völlig ungewöhnlich für Kriminalromane. Später platzierte der Diogenes Verlag dann Fotos auf die Cover, bei deren Auswahl man sich mitunter fragen durfte, ob die Leute, die sie ausgesucht hatten, auch die Texte kannten. Es sind keine Krimis, diese Non-Maigrets, wie man sie auch bezeichnet, es gibt keine Ermittlungen und keinen Blick in die Polizeimaschinerie. Im Grunde sind es Geschichten, die sich auf irgendeine Weise immer um das Phänomen der Liebe drehen.
Ich schlug die erste Seite auf und dachte, was ist das denn, das ist ja besser als jeder Kinofilm? Tatsächlich haben sich viele Regisseure an Simenons Romanen versucht, es scheint so, als müssten die Bilder nur vom Buch auf die Leinwand übertragen werden, so klar sind sie entworfen. Aber letztlich funktionieren sie doch anders, die Romane mit ihrer elektrisierenden Atmosphäre, die der Belgier mit nur wenigen Worten zu erzeugen verstand. Er war der Meister der Romananfänge, zwei, drei Sätze und man ist auf die Schicksalsbahn eines Menschen geraten, von der man nicht mehr frei kommt. Den Eintritt in das Universum Simenon erlebte ich mit „Der Schnee war schmutzig“, der Geschichte eines Kriminellen, der sich in ein Mädchen verliebt und alles für es tut, um seinem Leben Sinn zu verleihen. Albert Camus wäre stolz gewesen, hätte er einen solchen Roman schreiben können. Er ist vergriffen. Diogenes hat ihn wie auch „Das Fenster der Rouets“ und eine Reihe anderer faszinierender Titel nicht in seine neue Präsentation von 50 ausgesuchten Romanen aufgenommen, die jetzt noch einmal geschmackvoll im Format gebundener Taschenbücher Monat für Monat erscheinen. Trotzdem sind etliche Meisterwerke dabei. So hätte ich nicht gedacht, dass es mich noch einmal packen würde, aber als ich jetzt „Das Haus am Kanal“ in Händen hielt, setzte das Fieber wieder ein. Tagsüber freue ich mich darauf, spätabends noch ein paar Seiten in den frischen, klug durchgesehenen Übersetzungen lesen zu können. Vor dem Wochenende schaue ich, ob noch genug „Stoff“ bis Montag vorhanden ist. Die Sucht ist wieder ausgebrochen, und vielleicht ist es ja möglich, andere mit ihr anzustecken. Auf der ersten Seite von „Das Haus am Kanal“ sieht man ein junges Mädchen im Gewühl eines großen Bahnhofs, es bewegt seinen Körper anders als die anderen, leicht zögerlich, es sucht jemanden. Wir werden Zeugen seines Schicksals. Es hat den Vater, einen Arzt, in Brüssel verloren und muss zu den Verwandten, Gutsbesitzern aus der Nähe von Maastricht, ziehen. Ein Roman voller Dramatik, Psychologie, großartigen Beschreibungen der Winterlandschaft, raffinierter Erotik.
Simenon kennt die Männer ebenso gut wie die Frauen. Hier beschreibt er die Welt aus dem Blick einer 16Jährigen, er kennt aber auch das Leben der Rentnerinnen („Die Witwe Couderc“), der Ehefrauen („Die Wahrheit über Bébé Donge“), er schrieb über sexuellen Missbrauch („Betty“), als es den Begriff noch nicht gab. Er kennt die Liebespaare, die blutjungen („Die Selbstmörder“) und die reifen („Ankunft Allerheiligen“) und die, bei denen zwei einander verfallen, dazu musste er nur seine eigene Geschichte in „Drei Zimmer in Manhattan“ aufschreiben. Bei den Mittellosen

am Straßenrand ist er ebenso zu Hause wie bei den kleinen Leuten, den vermögenden Bürgern oder dem Präsidenten der Republik. Er führt uns durch Paris, die Provence, die Normandie, die USA, Afrika und den Nahen Osten, jede Landschaft entsteht sofort als überzeugende Realität vor unserem inneren Auge. Wer genug von den Rennern des Weihnachtsgeschäfts wie Ken Folletts „Sturz der Titanen“ hat, und Geschmack am erregenden Atem des wirklichen Lebens gewinnen will, der kann es riskieren, einen dieser kleinen Romane in die Hand zu nehmen. Das wird dann allerdings der Eintritt in den Archipel Simenon nach sich ziehen, und der gibt einen über Jahrzehnte nicht mehr frei. Manche bleiben ihm immer verfallen.
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