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Julia von Dobeneck
Foto: Fotostudio Neukölln

„Versöhnung kann nur zwischenmenschlich stattfinden“

21. Dezember 2017

Konfliktmanagerin Julia von Dobeneck über Konfliktbewältigung zwischen Volksgruppen – Thema 01/18 Versöhnung

engels: Frau von Dobeneck, was ist Konfliktmanagement?
Julia von Dobeneck: Konfliktmanagement ist eine Herangehensweise, die Konfliktparteien dabei unterstützt, Lösungen zu finden. Das heißt, Konfliktmanagement – oder Mediation – organisiert das Verfahren der Lösungsfindung, schlägt aber selbst keine Lösungen vor, die müssen von den Konfliktparteien selbst kommen. Es geht also vor allem um die Lenkung des Verfahrens.

Seit wann gibt es das Institut für Konfliktmanagement?
Das Institut wurde 2007 an der Europa-Universität Viadrina gegründet. Das Institut verfolgt den Ansatz des „Scholar-Practitioners“, den man vor allem aus den USA kennt: der verbindet Forschung und Lehre mit eigener praktischer Tätigkeit. Das bedeutet, alle Angehörigen des Instituts sind auch Mediatoren und als solche tätig gewesen oder auch weiterhin tätig.

Wie sind Sie zum Institut gekommen?
Mein beruflicher Weg ist für einen Wissenschaftler eher ungewöhnlich (nicht aber für das Institut für Konfliktmanagement der Viadrina!), weil ich den umgekehrten Weg gegangen bin. Ich bin Mediatorin und war vorher mehrere Jahre für eine Organisation tätig, die Mediations- und Dialog-Projekte auf dem Balkan umgesetzt hat. Ich komme also aus der Praxis und bin in die Wissenschaft gewechselt – meiner Beobachtung nach ist es üblicherweise so, dass man eine klassische wissenschaftliche Laufbahn verfolgt und nebenbei praktisch tätig ist oder irgendwann in die Praxis geht.

Wie sah ihr Engagement auf dem Balkan aus?
Das waren Projekte im Kosovo, z.B. im Südkosovo, die durch das Auswärtige Amt, die Schweizer Botschaft und die Norwegische Botschaft gefördert wurden. Wir haben uns beispielsweise bemüht, Gemeinden mit unterschiedlichen ethnischen Mehr-/und Minderheitsverhältnissen in den Dialog zu bringen. Es ging um ganz unterschiedliche Themen, wie zum Beispiel die wirtschaftliche Entwicklung in der Region, oder eine gute Infrastruktur für Binnenvertriebene, die in Nachbargemeinden geflüchtet sind, aber in ihre ursprünglichen Gemeinden zurückkehren wollen. Da muss vor allem über die Bedingungen verhandelt werden, die eine Rückkehr ermöglichen. Ein anderes Projekt war in Mitrovica im Norden des Kosovo, die Stadt, die in einen hauptsächlich von Kosovo-Serben bewohnten Norden und einen von mehrheitlich Kosovo-Albanern bewohnten Süden geteilt ist, und vor allem durch die verbarrikadierte Brücke zu trauriger Berühmtheit gelangt ist. Dort haben wir auf beiden Seiten Mediatoren ausgebildet und eine Infrastruktur für diese aufgebaut.

Der Balkankonflikt ist rund 20 Jahre her. Es wächst eine Generation heran, die die Ereignisse nicht miterlebt hat.
Das ist richtig, und nach meiner persönlichen Erfahrung gibt es viele in dieser Generation, die sich um ein gutes Miteinander bemühen. Nichtsdestotrotz gibt es auch weiterhin viele Hürden, die zu bewältigen sind – gerade im Kosovo, aber auch in Bosnien, wo die Aufteilung in die verschiedenen Ethnien noch sehr fest geschrieben ist und vor allem auch politisch weiterhin gepflegt wird.

Gibt es ein Bemühen um Annäherung, das aus den Volksgruppen selbst kommt oder wird es vor allem von außen an sie herangetragen?
Das ist eine sehr große Frage, die sich gar nicht so allgemein beantworten lässt. Natürlich gibt es viele Akteure in der Zivilgesellschaft, aber auch in der Politik, die aktiv und z.T. erfolgreich um ein gutes Miteinander bemüht sind, außerdem NGOs, die an gemeinsamen Projekten arbeiten, das gibt es. Dann gibt es aber auch die, die auf politischer Ebene gegen solche Bemühungen arbeiten und dann gibt es eben auch Familien, die sehr viele Verluste hatten, und in denen die Erinnerungen weitergetragen werden. Für die ist eine Zusammenarbeit immer noch nicht denkbar.

Welche Strategien werden angewandt, was hat Erfolge gezeigt?
Im Bereich Friedensmediation wird häufig ein „Multitrack-Ansatz“ verfolgt, der auf mehreren gesellschaftlichen Ebenen ansetzt. Ein Beispiel für einen Dialog auf oberster politischer Ebene ist der Belgrad-Pristina-Dialog, der 2011 begonnen wurde und durch die EU moderiert wird. Dann gibt es verschiedene Strategien auf weiteren gesellschaftlichen Ebenen, auf der von Akademikern etwa, oder der von Gemeinden oder Gemeinschaften, die zusammen gebracht werden, um über Lösungen zu sprechen. Sehr häufig geht es dabei um technisch erscheinende Fragen. Wie kann man zum Beispiel garantieren, dass Kosovo-serbische Eltern sich sicher genug fühlen, ihre Kinder ins weit entfernte oder mehrheitlich nicht-serbische Nachbardorf zur Schule zu schicken, wenn es entweder gar keinen Schulbus gibt oder dieser von der Nachbargemeinde betrieben wird?

Muss für jeden Konflikt ein eigener Weg gesucht werden, oder gibt es so etwas wie eine allgemeine Formel?
Ja und nein. Einerseits ist jeder Konflikt vollkommen unterschiedlich, und damit auch jeder Weg zu einer Lösung. Aber natürlich gibt es Methoden, die sich bewährt haben, um mit der Komplexität von Konflikten umzugehen und um die Chancen auf eine für alle tragbare Lösung zu erhöhen. Zum Beispiel ein präzise ausgearbeitetes Prozessdesign – wie garantiere ich, dass alle beteiligten Akteure, die ein Interesse am Ausgang des Konflikts haben und die Vereinbarung hinterher umsetzen müssen, angemessen am Prozess beteiligt sind? Oder: Wie stelle ich sicher, dass die tatsächlichen Interessen der Akteure herausgearbeitet sind und bei der Lösungsfindung berücksichtigt werden? Dies sind Methoden, die helfen, Konflikte zu bearbeiten und ggf. zu einer Lösung zu kommen – die aber jeweils natürlich zu vollkommen unterschiedlichen Ergebnissen führen.

Ab wann kann man sagen, ob es gelingt oder misslingt?
Auch hier hängt es davon ab, welche Ziele setze ich? Nach der UN-Definition fällt unter Mediation, Konflikte zu verhindern, zu managen oder zu lösen. Geht es darum, einen Konflikt zu verhindern, ist der Fall recht eindeutig, dann ist man erfolgreich, wenn keine Eskalation stattfindet. Auf der Konfliktmanagementebene geht es darum, Gesprächskanäle offen zu halten, so dass überhaupt weiterhin kommuniziert wird. Wenn man in Richtung Lösung denkt, dann ist man erfolgreich, wenn eine Vereinbarung wirklich umgesetzt und von allen mitgetragen wird. Oft beinhalten Vereinbarungen, die auf einen Waffenstillstand zielen, noch viele andere Themen, weil sie die Parteien sonst gar nicht an einen Tisch bekommen, – und diese gestalten sich in der Umsetzung häufig sehr herausfordernd.

Ihr Institut war in jüngerer Vergangenheit auch in der Ukraine aktiv?
Das ist richtig. Das Institut für Konfliktmanagement der Viadrina hat gerade in Kooperation mit einer ukrainischen Kollegin der Kiew-Mohyla Akademie in einem Forschungsprojekt untersucht, vor welchen Hindernissen zivilgesellschaftliche Dialoge stehen, die von Drittparteien angestoßen werden. Dabei haben wir sehr interessante Daten gewinnen können, etwa dazu, wo die meisten Dialoginitiativen stattfinden und wie inklusiv diese angelegt sind, also z.B. inwiefern Meinungen außerhalb des politischen Mainstreams einbezogen werden. In Odessa haben wir des Weiteren in 2014 und 2015 mit zur Gründung einer Plattform beigetragen, die Dialoge zu unterschiedlichen Themen innerhalb der Stadt unterstützt.

Wie ist die Lage in der Ukraine? In den Medien ist der Konflikt in den Hintergrund gerückt.
Wichtig ist es zu sehen, dass es in der Ukraine nicht nur einen Konflikt gibt, sondern diverse, auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen. Der bewaffnete Konflikt in der Ostukraine, bei dem es nach wie vor Tote gibt, weil der Waffenstillstand nicht hält, schafft es noch am ehesten hier in die Schlagzeilen. Ein weiterer, innergesellschaftlicher Konflikt dreht sich um Fragen von Modernisierung, Reformen und der Bekämpfung von Korruption. Hier gibt es unterschiedliche gesellschaftliche Strömungen, die häufig in die prowestliche und die prorussische Perspektive eingeteilt werden – was aber im Grunde viel zu kurz greift, denn es gibt mindestens noch fünf weitere Perspektiven.

Was steht der Beilegung des Konflikts im Weg?
Das ist eine schwierige Frage, wenn jemand die so eindeutig beantworten könnte, dann wäre schon viel gewonnen. In Bezug auf den bewaffneten Konflikt in der Ostukraine gibt es viele Interessen, die vermeintlich gegeneinander stehen. Die selbst ernannten Volksrepubliken suchen Unabhängigkeit und den Anschluss an Russland, die ukrainische Regierung will das verhindern. Russlands Interessen sind sehr komplex und betreffen die Vormachtstellung in der Region, aber auch die Stellung im internationalen Gefüge. Und dann geht es noch um Ressourcen. Innerhalb der Ukraine würde ich sagen, geht es um einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess, der noch eine Weile in Anspruch nehmen wird. Alle Ursachen klar zu benennen, ist schwierig, aber eine Herausforderung in Bezug auf den innergesellschaftlichen Reformprozess sind sicher alte politische Strukturen, an denen nach wie vor fest gehalten wird.

Kann die EU im Vergleich als positives Beispiel gelten? Wurde hier Versöhnung erreicht?
Da müsste man erstmal definieren, was Versöhnung eigentlich ist. Ich denke, Versöhnung kann letzten Endes nur zwischenmenschlich stattfinden. Beim Beispiel EU muss man genau hinsehen – wenn man sich das Verhältnis von Deutschland und Frankreich ansieht, scheint mir die Bezeichnung Versöhnung angemessen. Beim Beispiel Polen, wo gerade etwa durch die Forderungen von Reparationszahlungen an Deutschland scheinbar beantwortete Fragen wieder neu gestellt werden, müsste man genauer schauen, welche (auch innenpolitischen) Interessen dahinter stehen, das würde ich jedenfalls nicht sofort als „noch immer unversöhnt“ verbuchen wollen.


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