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Im Unterschied zu spirituellen Führern glaubt Don Chema an die Befreiung im Außen

„Wer sich nicht kaufen lässt von der Regierung, der wird eben umgebracht!"

17. Februar 2011

Erste Reportage aus dem süden Mexikos: Über den Bauernführer Don Chema, die Forderung „Tierra y libertad", eine Blutspur der staatlichen Repression - Ungeschminkt 02/10

In Mexiko ist der Titel „Don“ eine Verbeugung vor Weisheit im Alter, eine Respektbekundung vor den Überbringern von Wahrheit. Zu den wenigen Dons, die den Weg über Ozeane und Kontinente nach Europa geschafft haben, gehören Don Juan und der alte Antonio. Juan, ein Held der Hippies und Drogisten, hat in den Siebzigern aus der Wüste die Wahrnehmung anderer Realitäten gelehrt. Der alte Antonio lehrt seit den Neunzigern die Verbindung von weltlicher Befreiungstheorie und indigener Mystik. Eine Kunstfigur aus der Selva Lacandona, entwickelt von Subcomandante Marcos, dem gewieften PR-Chef der Zapatistas. Nun ist es an der Zeit, dass Don Chema den Weg ins Bewusstsein außerhalb Mexikos findet. Der Bauernführer aus dem Bundesstaat Chiapas könnte uns lehren, wie es um das Mexiko dieser Tage bestellt ist. Denn hundert Jahre nach der Mexikanischen Revolution steht die Forderung „Tierra y Libertad“ vor allem für indigene Bauern immer noch auf der Tagesordnung. Doch der Druck auf politische und soziale Aktivisten, die es ernst meinen mit „Land und Freiheit“, der wächst. Und während Präsident Felipe Calderon bei Staatsbesuchen stets eloquent in die Kameras lächelt, breitet sich in seinem zerrissenen Land ein schleichender Krieg gegen Oppositionelle und Menschenrechtler aus. Geführt von Paramilitärs und Drogenkartellen, aber auch Polizei, Justiz und Armee sind tief darin verstrickt.

Don Chema umgibt eine charismatische Ausstrahlung

Als die Sonne im Zenit steht, erreichen wir die Gemeinde 28. de Junio. Soweit das Auge reicht: Berge, Felder und Grün. Che Guevara blickt entschlossen von einer Hauswand, daneben prangt das Coca-Cola- Logo, Wäsche flattert im Wind. Die Versammlung ist in dem großen Steinhaus mit dem Wellblechdach. Hinter dem Schreibtisch protokolliert ein junger Mann im Trikot vom AC Mailand, doch der eigentliche Chef, der sitzt einen Meter von ihm entfernt: Don Chema. Jetzt, wo ich ihn sehe, weiß ich, warum er Don genannt wird. Ihn umgibt eine charismatische Ausstrahlung, die ich sonst nur von spirituellen Führern kannte. Doch im Unterschied zu ihnen glaubt Don Chema an die Befreiung im Außen, an die Notwendigkeit des Kampfes. Im Schneidersitz ruht er in sich, sein grauer Bart schlängelt sich um Lippen und Kinn. Nicht nur ihm fallen immer wieder die sonst wachen Augen zu, Basisdemokratie ist anstrengend, die Redebeiträge sind lang und wortgewaltig. Erst wird beraten, wie das Dorf eine eigene Gesundheitsversorgung aufbauen kann, dann darf ich das Interview führen. Don Chemas Geschichte liest sich wie das Drehbuch eines B-Movies aus einer amerikanischen Alptraumfabrik. Sie beginnt damit, dass seine Organisation OCEZ, Organisacion Campesino Emiliano Zapata, vor sieben Jahren Land besetzt, um darauf zu leben und zu arbeiten. „Am 30. September vergangenen Jahres dann sind Männer der Elektrizitätsgesellschaft in unsere Gemeinde eingedrungen und haben mich entführt“. Don Chema spricht unaufgeregt. Nachbarn, die das beobachten, nehmen die Verfolgung auf. Was sie nicht wissen: Es sind schwer bewaffnete Polizisten. Die Einsatzleitung gibt den riskanten Befehl, den Wagen abzudrängen, die illegale Aktion soll nicht auffliegen. Der Wagen mit Don Chemas Nachbarn überschlägt sich, zwei Menschen sterben, ein dritter ist seitdem querschnittsgelähmt. Don Chema wird in ein Hochsicherheitsgefängnis gebracht. Die Behörden werfen ihm und der OCEZ Drogenhandel und Terro- rismus vor. Eine gängige Praxis gegen mexikanische Oppositionelle. „Sie haben mich psychisch gefoltert“, Don Chema stellt die Sandalen akkurat vor seinem Stuhl auf. „Anderthalb Monate haben sie mich von Mitgefangenen und der Außenwelt isoliert. Ich hatte keinen Kontakt zu meiner Familie, nur einmal durfte ich meinen Anwalt sehen. Polizisten haben mir gedroht, dass ich für immer dort bleiben müsse.“

Der Staat kann die Menschenrechte nicht mehr garantieren

Mittagspause. Die Frauen bereiten das Essen am offenen Feuer zu. Es gibt Tamales mit Huhn, die Maismasse wird in Bananenblätter eingerollt und dann gedünstet. Ein alter Baum spendet Schatten. Kinder spielen. Nur die Hühner verbreiten hier Hektik. Und hier soll ein Krieg stattfinden? Die Campesinos der OCEZ suchen im Oktober die Öffentlichkeit, treten in den Hungerstreik und besetzen das Büro der UN in San Cristobal. Als der internationale Druck zu groß wird, wird Don Chema schließlich freigelassen. Seine Kaution bezahlt – die mexikanische Regierung. Die- se setzt sich mit den Indigenas an einen Tisch und erfüllt die Forderungen derer, die sie zuvor noch als Drogenhändler und Terroristen denunziert hatte. Ein Schuldeingeständnis erster Klasse. Die politischen Gefangenen aus der Gemeinde kommen frei, das dort stationierte Militär zieht ab, die Witwen erhalten eine Rente, die Regierung kauft das besetzte Land und überträgt es den Bauern. Das Ende dieser Ge- schichte ist alles andere als typisch für die derzeitige Repression in Mexiko. „Die Regierung hat zwei Formen mit Widerstand umzugehen. Sie versucht, Menschen zu kaufen, sie zu Kollaborateuren zu machen. Wenn das nicht klappt, beginnt sie mit Verfolgung, Tötung und schickt das Militär.“ Don Chema verzieht keine Miene bei seiner Einschätzung. Angesichts von hunderten Entführungen, politischen Morden, „Verschwundenen“ und einem Klima der Angst wür- de ihm Raúl Vera López nicht widersprechen. Der Bischof aus dem nordmexikanischen Saltillo sieht sein Heimatland wegen der zunehmenden Militarisierung gar auf dem Weg in eine Diktatur. Auch nach López’ Ansicht werden soziale Bewegungen kriminalisiert, sind Korruption und Verfilzung auf der Tagesordnung, bleiben die Verantwortlichen meist straffrei. „Der Staat ist nicht mehr in der Lage, die Menschenrechte zu sichern und die Zivilbevölkerung zu schützen“, so der 64Jährige. Als wir das Dorf verlassen, passieren wir am Ausgang die westlichen Menschenrechtsbeobachter, die dort seit der Entführung Don Chemas Präsenz zeigen. Auch wenn sie die Repression der Regierung nicht verhindern können, erleben sie ihre tragischen Auswirkungen hautnah. Dass sie schmerzt, verängstigt, spaltet, das Land wie Gift schleichend überzieht. Der Krieg gegen Mexikos Oppositionelle ist für uns meist unsichtbar, aber es gibt ihn. Das ist die Botschaft, die Don Chema den Menschen in Europa überbringen sollte.

OELE SCHMIDT

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