Psychedelic Rock zum Abgehen und Tanzen? Funktioniert hervorragend. Die Bağlama elektrisch verstärken, spielwütige Musiker um sich versammeln und das Beste aus diversen Musiktraditionen vereinen: das ist Elektro Hafız. Kein Konzert klingt wie das andere. Feste Songstruktur und Improvisation wechseln sich ab, oberstes Ziel ist der Flow, und der reißt das Publikum mit. Zu erleben ist dies am 28. April in Hagen bei der Eröffnung des Schwarzweissbunt-Festivals.
Berlin? Nein, aber Köln. Ehrenfeld? Nee, Zollstock. Wo alle sind, wird er nicht sein. Überhaupt, der Mainstream ist nicht seine Sache. So ist auch das Instrument seiner Wahl ungewöhnlich: die Bağlama, eine traditionell in Anatolien gespielte Langhalslaute, gilt in der Türkei meist als kitschig und nicht gerade hip. Dabei hat sie eine großartige musikalische Geschichte. Elektrisch verstärkt wurde sie schon ab Mitte der 60er Jahre, als der sogenannte Anadolu Rock entstand. Unter dem Eindruck amerikanischer und britischer Bands verschmolz dieser hybride Stil Elemente westlicher Rockmusik mit den Melodien und der Rhythmik östlicher Musiktraditionen. Ein wichtiger Einfluss für Elektro Hafız, aber natürlich nicht der einzige. Schon vor 20 Jahren hörte er in Istanbul mit ebenso großer Begeisterung die deutschen Krautrocker Can und Amon Düül.
Heute ist für so einen experimentierfreudigen und manchmal auch sperrigen Musikstil in der Türkei wenig Platz. In Deutschland hingegen wurde Elektro Hafız schnell mit offenen Armen aufgenommen. Zum Beispiel vom früheren Radiosender Funkhaus Europa, der ihn samt Band im Sommer 2016 auf Odyssee-Konzertreihe durch NRW schickte. In Köln nahm er sein erstes Album unter den Namen Elektro Hafız auf. Es erschien bei Guerssen Records, einem Label, das sich auf die Nachpressung obskurer Alben der 60er bis 80er zwischen Psychedelic und Garage Rock spezialisiert hat. Aber Elektro Hafız wäre nicht er selbst, wenn er sich auf einen Musikstil beschränken würde. Zeitgleich hat er sein Debüt ein zweites Mal herausgebracht – als Zusammenstellung von Dub-Remixen.
Funk, Reggae, HipHop, Anadolu Rock: Zwischen den Stühlen fühlt sich Elektro Hafız am wohlsten. Man mag seine Musik nennen, wie man will – Hauptsache nicht Weltmusik. Letztendlich lebt sie aus dem Geist des Punk. Und so schätzt er an der Musikszene NRW vor allem den großen Spielraum, ihre Vielfalt und die schier unendlichen Kooperationsmöglichkeiten. Der nächste große Traum des Musikanarchisten ist ein Auftritt mit einem philharmonischen Orchester in Köln, und ja, es ist ihm zuzutrauen, dass er auch diesen Spagat mit Bravour meistert.
Freie Musik, die direkt aus dem Bauch kommt und das Herz trifft. Wer nach einem Konzert von Elektro Hafız nicht von innen leuchtet, der war nicht dabei.
Hagener Kulturfestival Schwarzweissbunt:
Eröffnung mit Elektro Hafız/Hamam Abbiad | Fr 28.4. 17 Uhr | Werkhof Hohenlimburg | www.hagen.de/kulturbuero
Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

All die Frauen und Prince
Zwei Musikbücher widmen sich Sex, Körper und Gender im Rock ‚n‘ Roll – Popkultur 06/20
„Die besten Bands müssen nicht von ihrer Kunst leben“
René Regier, Veranstalter des Solinger Cow Club, über den Kulturauftrag – Interview 01/19
Grenzenlos episch
Live gespielte Game-Soundtracks werden zum Megaevent – Popkultur in NRW 11/18
Immer genau dahin wo's wehtut
Selbstfindungsrandale mit Danger Dan und Juse Ju – Popkultur in NRW 09/18
Sich trauen, außerhalb der Reihe die Zukunft zu bauen
Neue Deutsche Welle revisited in Hagen – Popkultur in NRW 08/18
Odyssee im Ruhrgebiet
Weltoffene Konzerte umsonst und draußen – Popkultur in NRW 07/18
Tiefenentspannt in Duisburg
Traumzeit-Festival mit Mogwai, Slowdive und The Great Faults – Popkultur in NRW 06/18
Das Recht auf Spaß
We Are Scientists und die Fun-Bombe – Popkultur in NRW 05/18
Global denken, lokal tanzen
NRW Kultursekretariate fördern musikalischen Reichtum – Popkultur in NRW 04/18
Das Gegenteil von Coolness
Sängerin Elif taucht uns tief in ihre Liebe ein – Popkultur in NRW 03/18
Lalla:Labor statt La La Land
Tatkräftige Musikförderung an der Ruhr – Popkultur in NRW 01/18
Das Geld liegt auf der Straße
Musikmesse create & connect will dem Nachwuchs zu Erfolg verhelfen – Popkultur in NRW 11/17
Girls in Airports
Zuhause im Zwischenland – Popkultur in NRW 10/17
Welches Obst bist du?
Süßes und Saures beim Juicy Beats Festival in Dortmund – Popkultur in NRW 07/17
Musikfestivals im Ruhrgebiet
Umsonst, draußen, für alle – Popkultur in NRW 06/17
Warmes Wummern
Larry Goldings Trio in Dortmund und Düsseldorf – Improvisierte Musik in NRW 04/26
Die Gitarre für jede Tonart
Hanno Busch in Gelsenkirchen, Köln und Viersen – Improvisierte Musik in NRW 03/26
Mit Flöte und Balafon
Jakob Manz European Jazz Night in Köln – Improvisierte Musik in NRW 02/26
Völlig natürlich atmen
Gitarrist Bill Frisell im Dortmunder Domicil – Improvisierte Musik in NRW 01/26
Orgeltrio mit frischem Sound
„Deadeye“ im Kölner Stadtgarten – Improvisierte Musik in NRW 12/25
Motor mit edlem Klang
Dave Holland in der Essener Philharmonie – Improvisierte Musik in NRW 11/25
Jenseits üblicher Klänge
Das Multiphonics Festival 2025 in Köln und Wuppertal – Improvisierte Musik in NRW 10/25
Vater des Ethiojazz
Mulatu Astatke im Konzerthaus Dortmund – Improvisierte Musik in NRW 09/25
5 Jahre plus Zukunftsmusik
Die Cologne Jazzweek feiert kleines Jubiläum – Improvisierte Musik in NRW 08/25
Tastenlegende auf Tournee
Herbie Hancock in der Philharmonie Essen – Improvisierte Musik in NRW 07/25