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Diskussion mit Fritz Pleitgen
Foto: David Fleschen

Dokumentation einer Zeitenwende

20. März 2017

Filmpräsentation und Podiumsdiskussion zu „Research Refugees“ in der Cobra Solingen – Foyer 03/17

Solingen, 17.3. – Rückblickend wirkt der Herbst 2015 vielleicht sogar noch ein Stück weit bemerkenswerter als damals. Niemals für möglich gehaltene Massen an Flüchtlingen kommen nach Deutschland. Die Solidarität scheint grenzenlos. Willkommenskultur hat Hochkultur. Und immer wieder wurde dieser eine Satz der Bundeskanzlerin zitiert: „Wir schaffen das.“ Seither gibt es viele Diskussionen in Deutschland. Und weltweit haben nicht für möglich gehaltene Entwicklungen des Populismus stattgefunden.

Es ist also durchaus gerechtfertigt, von einer Zeitenwende zu sprechen. Und eine solch historische Dimension verlangt natürlich auch nach einer künstlerischen Auseinandersetzung. So machten sich 2015 an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg mehrere Gruppen von Filmstudenten auf den Weg, die Situation in mehreren Kurzfilmen zu dokumentieren.

„Research Refugees“ heißt das Ergebnis: Eine Sammlung von elf Kurzfilmen, die im letzten Jahr bereits eine größere Kinotour hinter sich gelegt hat. Im Rahmen der dritten Solinger Antirassismus-Tage war die Filmreihe nun in der Solinger Cobra zu Gast.

Die Ankunft der Flüchtlinge hat sehr grundsätzliche Fragen aufgeworfen. Diese Stimmung des Herbst 2015 greifen die Filme hervorragend auf. Da ist der Film einer jungen Schweizerin, die sich fragt, was gewesen wäre, wenn Sie nicht in die heutige Wohlstandsgesellschaft hineingeboren wäre, sondern im selben Land 100 Jahre früher in bitterer Armut aufgewachsen wäre. Ein anderer Film beschäftigt sich mit dem schwierigen Erbe der Nazi-Zeit und der bis heute nachwirkenden Ästhetisierung des damaligen Wahns. Zum Höhepunkt schneidet die Regisseurin ankommende Flüchtlinge mit maßloser Wagner-Musik zusammen. Eine Provokation, die zum Zeitenriss zu passen scheint. Andere Filme dokumentieren die große Hilfsbereitschaft und den schwierigen Alltag in Flüchtlingsunterkünften von Mytilini/Griechnland bis Berlin-Zehlendorf Deutschland. Die einhellige Aussage: Etwas Neues ist da. Aber niemand scheint so richtig zu wissen, wie man damit umgehen soll.

Sind wir heute, knapp zwei Jahre später, klüger? Diese Frage steht bei der anschließenden Filmdiskussion im Mittelpunkt. Neben dem Filmemachern Felix Pauschinger und Tobias Wilhelm, die jeweils einen Kurzfilm zu „Research Refugees“ beigesteuert haben und Reinhard Burski von der Initiative „Grefrath Hilft" ist auch der Solinger Oberbürgermeister Tim Kurzbach gekommen. Als besonderen Gast konnten die Organisatoren dazu den ehemaligen WDR- und ARD-Chef Fritz Pleitgen gewinnen.

Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, das ist in Solingen, nachdem die Stadt durch den ausländerfeindlichen Brandanschlag von 1993 traurige Berühmtheit erlangte, immer ein ganz besonders wichtiges Thema. Viele Initiativen für eine tolerante Gesellschaft haben sich seitdem gegründet. Der OB betont deshalb, wie dankbar er für die unzähligen ehrenamtlich engagierten ist, ohne die man den Flüchtlingsansturm von damals nicht hätte bewältigen können.

Doch dann kommt die Debatte auch auf das Jahr 2017 zu sprechen. Die Anwesenden sind sich einig: Während aus der Improvisation im Umgang mit den vielen Neuankömmlingen System geworden ist, haben die Spannungen in der Gesellschaft, die aus der Folge der Flüchtlingsdebatte entstanden sind, eher zugenommen. „Ich bekomme immer mehr, dieser Aber-Briefe, in denen gegen Fremde gehetzt wird“, sagt OB Kurzbach. Gleichzeitig registriere man mit Erstaunen, dass zahlreiche Mitbürger mit türkischen Wurzeln, die seit Jahrzehnten in Deutschland registriert sind, plötzlich hinter ihren autokratischen Präsidenten in der alten Heimat stellen.

„Wir haben 2015 in der Illusion gelebt, dass wir ein unheimlich solidarisches Land sind“, sagt Fritz Pleitgen. Im Kern stimme das auch nach wie vor. Aber die Diskussionen, welche die Ankunft der Flüchtlinge ausgelöst habe, hätten eben auch gezeigt, dass es andere Stimmen im Land gebe, mit denen man sich ernsthaft auseinandersetzen müsse.

„Wir müssen aufpassen, dass die rechten Kräfte die Debatte nicht an sich reißen“, rät der ehemalige ARD-Chef. Gleichzeitig wirbt er dafür, die Meinungsfreiheit in Deutschland großzügig auszulegen und nicht in Versuchung zu geraten, ähnliche Restriktionen einzuführen wie autokratische Länder. Außerdem macht er auf die besondere Verantwortung der Schulen und der Medien im aktuellen Diskurs aufmerksam. Und dann kommt er noch einmal auf die gezeigten Filme zurück: „Diese Filme haben mir sehr gut gefallen. Sie sollten einem viel breiteren Publikum gezeigt werden und nicht nur denjenigen, die sich sowieso bereits für Toleranz engagieren.“

David Fleschen

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