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Für alle gesorgt?
Foto: Shchipkova Elena / Adobe Stock

Arm in die Krise

30. Mai 2020

Bedürftige und ihre Helfer trifft Corona besonders hart

Ein Sprichwort lautet: „Der Tod macht alles gleich, er frisst arm und reich“. So funktionieren auch Krankheiten. Da erkranken Promis wie Tom Hanks und Prinz Charles genauso am Coronavirus wie die alte Frau nebenan. Doch während von der Krankheitsgefahr grundsätzlich niemand verschont bleibt, fällt die persönliche Belastung sehr unterschiedlich aus. Beispielsweise sind in den USA Afroamerikaner und Latinos besonders von Covid-19 betroffen. Häufig verlieren sie ihren Job, schlimmstenfalls auch ihre Wohnung oder sind aufgrund eines geringen Einkommens und schlechter Ernährung gesundheitlich nicht gut aufgestellt. In New York ist die Sterberate unter Schwarzen und Latinos doppelt so hoch wie unter Weißen.

Auch hierzulande gibt es soziale Ungleichheit, Regionen, in denen es den Menschen sehr gut geht und solche, die längst abgehängt sind. Letzteres gilt im Ruhrgebiet vor allem für Gelsenkirchen. Eine Studie kürte die Stadt zur ärmsten Kommune Deutschlands, jeder Vierte ist auf Hartz IV angewiesen. Die Gründe sind bekannt: Seit dem Ende der Schwerindustrie gingen über 80.000 Arbeitsplätze verloren, mit ihnen verschwanden die Menschen. Das Überangebot an Wohnraum hat indes zu einem steten Zuzug von wirtschaftlich schwachen Migranten geführt. Viertel verkommen, die Menschen fühlen sich vergessen. Die Enttäuschung ist an den Wahlergebnissen ablesbar: Ehemals SPD-Revier ist die Stadt nun AfD-Hochburg. Immer mehr Menschen machen den Waffenschein. Unter dem Niedergang leiden vor allem die Kinder. Bei den unter 15-Jährigen sind ganze 40 Prozent auf Hartz IV angewiesen. Hier hilft die Tafel, die in Gelsenkirchen auch eine Kindertafel eingerichtet hat. Die Initiative Pausenbrot etwa versorgt jene Kinder in Grund- und Förderschulen mit Frühstück, denen von zuhause nichts mitgegeben wird – in manchen Schulen bis zu 40 Prozent.

Im Zuwachs von Hilfsbedürftigen – mittlerweile nutzen 1,65 Millionen Deutsche das Angebot der Tafeln – sehen viele ein Versagen des Sozialstaats, der seine Verantwortung ans Ehrenamt abgibt. Jochen Brühl, Bundesvorsitzender des Tafel Deutschland e. V., fordert mehr Unterstützung von der Regierung, etwa bei der Grundfinanzierung der Lebensmittelrettung. Vor allem aber müsse sie die Armut bekämpfen. Denn die 60.000 ehrenamtlichen Mitarbeiter der Tafel können nur unterstützen, nicht versorgen. Ihre Arbeit sähe Brühl gern durch Rentenpunkte für ehrenamtliches Engagement honoriert. Bisher hatte er mit dieser Idee keinen Erfolg. Dass Betrieben und Selbstständigen in der Corona-Krise Hilfen in Milliardenhöhe zugesagt wurden, sein Verein, der ebenfalls hart getroffen wird, hingegen leer ausgeht, versteht er nicht.

250 Tafeln haben ihren Dienst vorübergehend eingestellt, denn 90 Prozent der Mitarbeiter und ein Viertel der Kunden gehören zur Risikogruppe und müssen geschützt werden. Trotzdem sind die Schließungen für die Bedürftigen ein Desaster – nicht nur finanziell. Anders als wohlhabende Menschen haben sie keine Möglichkeiten, leichter durch die Krise zu kommen: ein Auto, um ins Grüne zu fahren, Freunde, die den Einkauf erledigen, Geld für Lieferdienste. Am schwierigsten, weiß Brühl, ist jedoch der fehlende Kontakt, denn die meisten kommen nicht nur wegen des warmen Essens, sondern wegen der menschlichen Nähe, der Möglichkeit, für kurze Zeit der Einsamkeit zu entfliehen. In Gelsenkirchen geht die Versorgung der mehreren hundert bedürftigen Familien und Alleinstehenden weiter.Nach der Corona-Krise werden es vermutlich noch mehr sein.


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zum Thema auch unter: trailer-ruhr.de/thema und choices.de/thema

Aktiv im Thema

www.der-paritaetische.de | Der Paritätische Wohlfahrtsverband beobachtet seit jeher aufmerksam die Armutsentwicklung und kommentiert auch die Corona-Krise.
www.armut-gesundheit.de | Der Verein um den Arzt und Sozialpädagogen Gerhard Trabert vertritt die These, dass Armut krank und Krankheit arm macht.
www.planet-schule.de | Die Unbildung von heute erzeugt die Armut von morgen? WDR und SWR bieten in der Corona-Zeit multimediales Schulfernsehen.

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Julia Grahn

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