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Foto: Marian Gogolka

Pudding, Salatöl und Sozialismus

04. Januar 2020

Engels lesen in der Börse – Literatur 01/20

„Solange wir unsre Sinne richtig ausbilden und gebrauchen und unsre Handlungsweise innerhalb der durch gerecht gemachte und verwertete Wahrnehmungen gesetzten Schranken halten, so lange werden wir finden, daß die Erfolge unsrer Handlungen den Beweis liefern für die Übereinstimmung unsrer Wahrnehmungen mit der gegenständlichen Natur der wahrgenommenen Dinge.“

Das klingt nicht besonders frech? Der länglich anmutende Satz entstammt der Einleitung zur Schrift „Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ und ihr Autor, Friedrich Engels, wurde vor zweihundert Jahren geboren. Ein kleiner, aber besonderer Beitrag zur Annäherung läuft verlässlich durchs erste Quartal des Engelsjahrs, entspannt bei aller Wortlastigkeit: Menschen in der börse lesen Engels.

Der schöne Einfall trägt den Namen „Engels lesen“, und wie zur Entwarnung heißt der Untertitel „Lektüre-Kränzchen für Nichtfachleute“. Es ist so vordergründig unsexy wie eigentlich einleuchtend, einen Denker auch mit ruhiger Textarbeit zu würdigen. Ein Denker, zum Geburtsjahr mit einem Programm von Schau bis Slam gewürdigt, erschließt sich bestimmt nicht zuletzt gut darüber, dass man sein Werk kennenlernt und diskutiert.

Eine günstige Voraussetzung dazu hat das Soziokulturzentrum an der Wolkenburg gleich im Haus: Leiter Lukas Hegemann ist studierter Philosoph.

Immer mittwochs trifft man sich von Januar bis April, um sich gemeinsam ausgewählten Schriften zu widmen. Zur zweiten Ausgabe sind acht Teilnehmer gekommen, die den Revolutionär von der Basis her feiern wollen – vom Wort. Man sitzt vor besagter „Einleitung“, ausgedruckt oder auf dem Smartphone, rund um einen Tisch im ersten Stock, während unten die Swing-Jugend „Lindy Hop“ tanzt. Hier oben ist es still, aber entspann t – bei aller Geistigkeit.

Die Schrift, Auftakt zur englischen Ausgabe von 1892, ist wichtig für Engels' Werk, weil er darin den historischen Materialismus vorstellt, der auch für sein Wirken mit Karl Marx grundlegend ist. Ihr Sozialismus sah die Menschheit in Klassen gegliedert und verstand die Basis dazu im Eigentum. So betrachte man die Welt materiell und ging in Opposition zur Religion. Darum gibt es heute eine Auseinandersetzung des Barmer Unternehmersohns mit Theologie und Kirche.

In der kleinen Runde zeigt sich schnell: Der Barmer Unternehmersohn schreibt scharf, formuliert gewählt und dabei lesbar. Klar: Texte über geistesgeschichtliche Positionen mit Namen von Bacon bis Anaxagoras sind kein einfaches Vergnügen. Ein Vergnügen aber doch – wenn man sich denn einlässt auf die Situation gemeinsamen Grübelns über gehaltvollem Papier, wie so mancher es vielleicht zuletzt in Schule oder Uni getan hat. Hegemann ist ein fähiger Moderator, er lässt laut lesen oder tut es selbst, in Passagen, die daraufhin in die Diskussion gehen. „Unser Gedankenbild vom Weltraum“, schreibt Engels, lasse „absolut keinen Raum weder für einen Schöpfer noch einen Regierer“. „Stimmt das?“, fragt Hegemann. Konzentriert, aber lebendig verfolgen die acht den Verlauf dieses Abrisses, ehe man sich nach der Einleitung demnächst dem Haupttext zuwendet. An anderer Stelle urteilt ein Teilnehmer über einen Gedankengang Engels', der ihn nicht überzeugt: „Ich finde, da haut er sich ziemlich einen 'rein.“

Was das alles mit Revolution zu tun hat, bleibt dabei im Hinterkopf präsent, schließlich ist doch das Verhältnis zur Religion ein bedeutsamer Knackpunkt in Marx' und Engels' Denken. Nicht zuletzt ist die alte theologische Frage, welche Rolle überhaupt das menschliche Aktivwerden für den politischen Kampf spielt. Heute geht es um den Agnostizismus, eine religiöse Haltung, die über die Existenz Gottes keine Aussage trifft. Er erscheint dabei als wichtiger Baustein für Engels' Weg zum Materialismus, und wahrscheinlich deshalb setzt er sich präzise mit ihm auseinander. Immerhin dieser Schritt weg von der Dominanz der Religion setzte sich für ihn auch in England seit Mitte seines Jahrhunderts durch: „Die Ausbreitung des ... Salatöls war begleitet von einer fatalen Ausbreitung des kontinentalen Skeptizismus in religiösen Dingen.“

„Was ist Agnostizismus anders als verschämter Materialismus?“, fragt Engels pointiert und legt dar: Einmal zugestanden, dass unser Wissen über die Welt auf unseren Sinnen beruht, ist der Agnostiker mit seiner Skepsis im Irrtum, vielleicht gäben die Sinne uns ja nur falsche Abbilder der Welt. Dass man „den Pudding prüft, indem man ihn isst“, ist da einleuchtend als Appell, sich auf die Sinne zu verlassen – denn sonst müsste man ja annehmen, es gebe eine „angeborne Unverträglichkeit“ zwischen Wahrnehmung und Außenwelt. Ein Beispiel für kleine Aha-Erlebnisse frühabendlicher Gruppenlektüre. Pudding und Salatöl: So kompliziert klingt der Denker und Macher dann auch gar nicht mehr.

Martin Hagemeyer

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