Kinokalender
Mo Di Mi Do Fr Sa So
26 27 28 29 30 31 1
2 3 4 5 6 7 8

12.684 Beiträge zu
3.892 Filmen im Forum

Insa Wilke
Foto(Ausschnitt): Grit Schwertfeger

„Bücherlesen ähnelt einer demokratischen Verständigung“

29. Oktober 2026

Teil 3: Interview – Literaturkritikerin Insa Wilke über klassische und neue Literaturkritik

engels: Frau Wilke, man kann den Eindruck gewinnen, dass mit den sozialen Medien die Gatekeeper [Torwächter; d. Red.] der Literaturkritik ihre Macht verloren haben. Ist das so?

Insa Wilke: Ob die Gatekeeper heute fehlen, ist gar nicht so ausschlaggebend. Ausschlaggebend ist vielmehr die Fragmentierung der Öffentlichkeit: Heute gibt es sehr viele verschiedene Kanäle, die jeweils nur wenige Leute erreichen, anstatt von einigen wenigen Kanälen, die dafür viele Leute erreichen. Vor Social Media gab es deswegen eine Situation, in der es tatsächlich einfacher war, Literaturkritik als ein Gespräch über Literatur zu führen, weil man sich aufeinander beziehen und davon ausgehen konnte, dass das Publikum die komplette Debatte mitbekommt.Durch Social Media hat sich die öffentliche Aufmerksamkeit in Einzelkanäle aufgesplittet, eine ernsthafte Auseinandersetzung über literarische Fragen gibt es damit leider nicht mehr. Wenn man unter klassischer Literaturkritik eben diese Auseinandersetzung versteht, war diese unter den früheren Bedingungen eher möglich. Hinzu kommt, dass die ökonomischen Bedingungen heute andere sind – beide Entwicklungen hängen natürlich zusammen und führen an einen Punkt, an dem man einfach kein stabiles Publikum mehr erreicht. Die ökonomischen Bedingungen, Social Media, die Fragmentierung der Öffentlichkeit, all das hängt zusammen und in der Kombination bedeuten sie paradoxerweise eher einen Rückschlag für die Demokratisierung der Öffentlichkeit.Gleichzeitig lässt sich aber auch sagen, dass es natürlich gut ist, dass sich auch Leser:innen beteiligen und äußern können, die nicht professionalisiert lesen. Dass es dafür Räume gibt, die einfacher herzustellen sind als früher, die auch parallel zum Veranstaltungsbereich zum Beispiel existieren, das ist natürlich etwas Schönes.Aber wenn Sie nach klassischer Literaturkritik fragen, hat diese es meiner Ansicht nach sehr viel schwerer als vorher.

„Rückschlag für die Demokratisierung der Öffentlichkeit“

Welche Bedeutung hatten und haben einzelne Kritiker, wie Marcel Reich-Ranicki, Elke Heidenreich oder Denis Scheck? Sind sie eher Botschafter des Feuilletons oder Entertainer?

Sie gehören zum Spektrum von dem, was man unter Literaturkritik versteht und als öffentliche Figuren haben sie nach wie vor eine große Reichweite. Entscheidend ist, dass es Leute sind, die für die Literatur brennen und also auch für die Literatur werben. Es ist wichtig, dass es diese Figuren gibt, die eine gewisse Popularität erreichen. Zugleich ist es natürlich so – auch das hängt mit der Fragmentierung der Öffentlichkeit zusammen – dass einzelne Personen einfach nicht mehr eine so große Konzentration von Aufmerksamkeit bekommen. Das hat Vorteile, weil dadurch theoretisch eine größere Breite der Betrachtung möglich geworden ist. Es hat aber auch Nachteile, weil es generell schwieriger geworden ist, Aufmerksamkeit zu generieren. Das ist auch ein Nachteil für die Kritik als Schaltstelle, als Vermittlungsstelle zwischen Buchproduktion und Buchpublikum.Also, wie erfährt das Publikum überhaupt, was für Bücher es gibt? Dafür ist es natürlich gut, wenn wir möglichst viele Personen haben, die Aufmerksamkeit herstellen können. Und es ist schlecht, wenn es sich so aufteilt, dass letztendlich niemand mehr eine Öffentlichkeit erreicht. Auch das ist also sehr ambivalent. Da das Lesen etwas Subjektives ist, hängt es sehr stark von der Energie, von der Leidenschaft ab, mit der Menschen Bücher vertreten und über Bücher sprechen. Das können manche besser und manche schlechter.

„Theoretisch ist eine größere Breite der Betrachtung möglich geworden“

Im deutschsprachigen Raum werden Literaturwettbewerbe und -preise in Hülle und Fülle vergeben. Welche Rolle spielt das für den Literaturbetrieb, für das Publikum und für die Kritik?

Für den Literaturbetrieb selbst bedeuten Wettbewerbe natürlich erstmal: Wer einen Preis bekommt, kann eine Weile lang weiterarbeiten. Die Verdienstmöglichkeiten sind schwieriger geworden, insofern spielen Preise eine große Rolle für Autor:innen, weil diese ihnen ermöglichen, Zeit fürs Schreiben zu haben. Zum anderen lenken sie branchenintern Aufmerksamkeit auf Autor:innen, die vielleicht noch nicht so bekannt sind, die aber zusätzliches Gewicht bekommen sollen. Auch intern sind Preise wichtig, um Gewicht auf verschiedene Stimmen zu legen. Literaturpolitisch kann sich dieser Bereich über Preise auch für andere Gruppen öffnen – es ist beispielsweise noch nicht lange her, dass erstmals Autor:innen mit arabischen oder kurdischen Namen in den Preislisten vorkamen. Das sind Bewegungen, durch die sich gesellschaftliche Entwicklungen auch auf dem Literaturmarkt bemerkbar machen. Preise sind eben eine Möglichkeit um Aufmerksamkeit zu lenken. Bei manchen Preisen erfährt es auch das Publikum sofort, wie etwa beim Deutschen Buchpreis, der sich sofort auf Verkaufszahlen auswirkt – beim Wilhelm Raabe-Preis weniger, der ist eher für eine lokale Öffentlichkeit wichtig, in Braunschweig in diesem Fall, der wirkt sich kaum auf die Verkäufe aus. Aber auch das Publikum nimmt von den Autor:innen, die durch Preise aufgebaut werden, schließlich Notiz, darum sind Preise natürlich auch fürs Publikum wichtig. Für die Kritik sind Wettbewerbe Situationen, in denen man untereinander diskutiert: Was ist eigentlich gerade wichtig? Was sind neue Tendenzen? Man wird manchmal von Kolleginnen und Kollegen auf etwas aufmerksam gemacht, das man selbst so noch nicht wahrgenommen hat. Es ist einfach ein guter Verhandlungsraum um die eigene Arbeit zu reflektieren und zusammenzukommen. Das kann in öffentlicher Debatte stattfinden, das kann aber auch innerhalb der Jurys stattfinden. Deswegen ist es auch entscheidend, wie die Jurys zusammengesetzt sind: Es gibt Jurys, die komplett aus der Literaturkritik besetzt werden, da kann man leichter auf Augenhöhe sprechen, weil einfach die Leseerfahrungen und die Ausdruckformen ähnlich sind. Bei Jurys, die sehr heterogen besetzt sind – eben auch mit Leuten aus dem Buchhandel oder Leuten, die gar nicht professionell mit Literatur zu tun haben – ist es manchmal schwieriger, diese Gespräche zu führen, weil sehr unterschiedliche Gesichtspunkte angelegt werden. Dann ist es einfach eine andere Art von Gespräch.Wichtig ist aber generell bei Jurys, dass sie, auch wenn sie rein aus der Literaturkritik besetzt sind, dennoch heterogen besetzt sind: denn natürlich gibt es auch in der Literaturkritik unterschiedliche Lesebiografien und unterschiedliche Schwerpunkte. Die einen sind mehr wissenschaftlich, die anderen sind populärer orientiert.Und da ist es auch wichtig, dass unterschiedliche Positionen und Perspektiven da sind, damit eine gute Diskussion zustande kommen kann.

„Wer einen Preis bekommt, kann eine Weile weiterarbeiten“

Auch schreibende Persönlichkeiten stehen im Fokus, zurzeit etwa Caroline Wahl. Welche Bedeutung hat das für das Verstehen von Texten?

Also als Kritikerin bin ich natürlich erstmal allein mit dem Text, der Text und ich sprechen miteinander. Man kann aber interessante Impulse bekommen, wenn man sich mit Interviews beschäftigt, in denen sich Autor:innen zu den Erfahrungen äußern, aus denen heraus sie schreiben, oder auch zu Dingen, die ihnen beim Schreiben wichtig sind, das ist auf jeden Fall sehr hilfreich. Ich lese sehr gerne Interviews, um mich weiter zu orientieren. Aus Sicht vor allem der jüngeren Autor:innen ist der Fokus auf der Biografie, auf der Persönlichkeit etwas, das viele kritisch sehen – es gibt Puristen, die gerne hätten, dass nur der Text gilt, die würden am liebsten auch keine Fotos von sich veröffentlicht sehen. Für das Lesepublikum ist aber einfach sehr interessant, wie eine Lebenserfahrung mit einem Roman zusammenhängt, oder auch einem Gedichtband. Das finde ich sehr verständlich, weil man, wenn man Bücher liest, auch immer nach den Dingen, den Antworten oder den Fragen sucht, die man sich selbst stellt. Und das hängt natürlich immer auch mit einem Gegenüber, einem anderen Menschen zusammen. Darum verstehe ich sehr gut, dass die Autorenpersönlichkeit eine Rolle spielt, das finde ich auch nicht verwerflich. Und natürlich wird es auch im Marketing eingesetzt: Christian Kracht oder auch Caroline Wahl sind gute Beispiele, weil sie damit auch spielen, richtige Kunstfiguren entwickeln.

„Interessant, wie eine Lebenserfahrung mit einem Roman zusammenhängt“

Angesichts generativer KI könnte auch die Literaturkritik vor neuen Fragen stehen: Wie kritisiert man einen Text, der keinen (menschlichen) Verfasser mehr hat?

Ja, das ist in der Literatur, mit der ich mich beschäftige, tatsächlich noch kein akutes Thema. Es gibt zwar gerade den Fall eines französischen Autors, bei dem der Verdacht aufgekommen ist, dass er KI eingesetzt haben soll, es ist aber noch völlig unklar, unter welchen Produktionsbedingungen das geschehen sein soll. In der Unterhaltungsliteratur ist es tatsächlich schon viel gängiger, dass mit KI geschrieben wird, aber dieser Bereich spielt für die Literaturkritik keine große Rolle. Wenn das aber nun in der Literatur stattfindet, wie wird damit künstlerisch umzugehen sein? Gibt es eine künstlerische Einbindung und Auseinandersetzung mit dieser Frage? Ich hatte vor kurzem eine Veranstaltung mit dem Lyriker Daniel Falb, der sich in seinem Band „Große Sprachmodelle“ damit auseinandersetzt, dass wir in einer Art Frühzeit eines nachmenschlichen Zeitalters leben, so seine These. Er unterhält sich daher mit KIs, nutzt Chatbots um Text zu generieren und geht mit dieser Methode sehr theoretisch und kreativ um – auf diese Weise ist es natürlich interessant.Wenn man jetzt den Chatbot einfach anweist, „schreib mir einen Roman im Stil von Ingo Schulze“ und würde diesen Roman auch unter dem Namen Ingo Schulze veröffentlichen, könnte man ihn als eine Art von Readymade verstehen, dann wäre es auch wieder interessant. Es kommt aber immer auf den Kontext an. Die menschliche Vorstellungskraft einfach durch KI zu ersetzen, ohne eine weitere Auseinandersetzung, und das Ergebnis als menschliche Urheberschaft auszugeben, ginge natürlich in Richtung Betrug, und da sollte es Mittel und Wege geben, diesen festzustellen. Aber die Anwendung der Technologie hat durchaus das Potential, eine interessante künstlerische Methode zu sein. Wie es sich genau entwickelt, ist im Moment noch nicht abzusehen – im Moment wird noch nicht viel mit KI gearbeitet, außer für Hintergrundrecherche und das ist noch nicht so weit entfernt von dem, was man bislang mit Google gemacht hat.

„KI hat das Potential, eine interessante künstlerische Methode zu sein“

Spätestens die sozialen Medien erlauben auch dem Publikum, die eigene Meinung über ein Buch zu veröffentlichen. Wie verändert das Rezeption und Kritik? Verschwimmt die Grenze zwischen Publikum und Kritik?

Am Anfang, als die ersten Blogs auftauchten, gab es durchaus das Gefühl einer Konkurrenzsituation. Ich habe aber eher das Gefühl, dass es einfach ein anderes Medium ist, und auch in den sozialen Medien gibt es interessante Leute, die gut und genau lesen können. Unter dem Label „Literaturkritik“ wird dort aber auch sehr viel zusammengefasst, was letztendlich nur eine schnell geäußerte persönliche Meinung zu einem Buch ist, und das finde ich nicht so glücklich. Ich sehe da im Rahmen einer größeren Entwicklung zwei Probleme: Das eine ist eine vermeintlich anti-elitäre Bewegung gegen Expertenwissen und die finde ich sehr problematisch. Nur, weil alle mehr oder weniger lesen können – in den letzten Jahren wohl eher weniger – heißt es nicht, dass man ein Urteil fällen kann, dass dem Text ebenso gerecht wird, wie eine Auseinandersetzung, die unter Expert:innen geführt wird, die also einfach mit einem bestimmten Wissen unterfüttert ist und mindestens versucht, der künstlerischen Arbeit des Autors gerecht zu werden. Mich erschreckt in letzter Zeit zunehmend, dass Menschen, die ihr Wissen auf Wikipedia-Artikeln aufbauen, meinen, sich ein Urteil anmaßen zu können, das oft negativ ist, oft auch aggressiver vorgetragen wird als das, was wir in der Literaturkritik machen, aber nicht am Text belegt wird.Da wird dann etwa eine junge Autorin, die versucht, sich einen Namen zu machen, schnell mal in die Tonne gehauen, und das finde ich eine sehr schwierige Entwicklung. Das ist im Moment eigentlich meine Hauptsorge, weil ich glaube, dass Lesen und Bücherlesen etwas ist, das im Prinzip einer demokratischen Verständigung ähnelt. Und auch eine demokratische Verständigung braucht erstmal eine Auseinandersetzung mit dem Gegenstand. Wenn der Eindruck entsteht, man könne diese Auseinandersetzung überspringen und gleich zum Urteil kommen, ist das für alle schlecht – und in Verlängerung tatsächlich auch schlecht für ein Demokratieverständnis.Das ist in dieser Hinsicht eigentlich meine Hauptsorge. Ansonsten können die sozialen Medien natürlich einfach ein weiterer Raum sein, in dem man über Literatur spricht, in dem sich Leser:innen über ihre Leseerfahrungen austauschen, dagegen ist überhaupt nichts einzuwenden. Das ist aber etwas anderes als das, was Literaturkritik leistet, und ich fände es sehr schade, wenn diese Leistung, in ihrer Bedeutung für die Literaturbranche und auch für das Lesepublikum im Endeffekt, nicht mehr wertgeschätzt werden würde.

„Ich glaube, dass Bücherlesen einer demokratischen Verständigung ähnelt“

Booktube, Booktok etc. sind rege Communities, die andere Schwerpunkte setzen als die klassische Literaturkritik. Wie würden sie die Unterschiede beschreiben?

Es gibt, wie gesagt, natürlich auch in den sozialen Medien Personen, die daran interessiert sind, einen Text zu verstehen: Wie ist er gemacht, wie ist er gebaut, wie ist er einzuordnen, warum wird er jetzt geschrieben, mit welchen anderen Stimmen hängt er zusammen? Aber ich glaube, tendenziell geht es bei den Menschen, die dort über Bücher sprechen und Bücher empfehlen, eher um die Frage: Wie hat mich das Buch berührt? Es geht um Identifikation, um das Gefühlsverhältnis zum Buch: hat es mich unterhalten, war es spannend? Das sind Kategorien, die in der klassischen Literaturkritik zwar auch eine Rolle spielen, aber dort kommt eben immer noch ein Aspekt dazu, der in den sozialen Medien für gewöhnlich wegfällt, nämlich: Wie arbeitet ein Text, was will er erreichen, wie erzeugt er diese gewünschte Wirkung? Literaturkritik versteht tatsächlich Texte als Elemente eines Erkenntnisprozesses, an dem uns gelegen ist. Und dieser Erkenntnisprozess ist eher nachgeordnet, wenn es um Empfehlungen geht wie „Lies das mal, das hat mich so berührt“, die eben eher auf Tiktok oder anderen Kanälen stattfinden. Unter denen findet man auch sehr unterhaltsame, sehr hochkarätige Formate, aber es ist eben sehr schwierig, in sehr kurzer Zeit in plakativen Sätzen etwas Fundiertes über einen komplexen Text zu sagen. Darum sind diese beiden Herangehensweisen dann doch eher in verschiedenen Räumen zu finden.

„Die großen Buchhandelsketten steuern den Markt“

Der Buchhandel, zumindest die großen Ketten, räumt auf Booktok besprochenen Titeln zunehmend Verkaufsfläche ein. Ist das auch Ausdruck eines Bedeutungsverlusts der klassischen Literatursparte?

Da muss man zwei Dinge auseinanderhalten: Die großen Buchhandelsketten haben eine große Marktmacht und steuern den Markt auch, indem sie sich etwa schon allein die Sichtbarkeit auf ihren Verkaufsflächen bezahlen lassen und das können viele Verlage einfach nicht leisten. Aber gerade Thalia etwa lehnt literarische Titel eher ab, die sind nicht gerade als Literaturförderer bekannt – literarische Titel tauchen auf ihren Verkaufstischen selten auf und das ist in einem kapitalistischen System eben ein großes, großes Problem. Es ist eben nicht mehr so, dass man in einer gutsortierten Buchhandlung Entdeckungen machen kann – Ketten wie Thalia verstärken schlicht das, was bereits gelesen wird und das ist ein Riesenproblem für den Buchmarkt, das sehe ich absolut kritisch. Leser-Interessen entwickeln sich nicht mehr, sondern werden durch solche Ketten hergestellt – da können wir im Grunde nur entgegensteuern, indem die Lesekompetenz entwickelt wird. Es wäre Sache der Bildungspolitik, diese in den Schulen wiederherzustellen, aber das passiert leider im Moment überhaupt nicht. Das heißt, wir ziehen uns einen Nachwuchs heran, der nicht mehr in der Lage ist, komplexe Texte und teilweise nicht mal mehr einfache Texte zu erfassen. An dieser Wurzel müsste es angepackt werden, da nützt es nichts, wenn sich der Buchmarkt am Ende der Kette darum bemüht, weil dem Nachwuchs schlicht die Kompetenz fehlt, komplexere Texte zu lesen. Das ist ein Riesenproblem, auf das die Politik bisher nicht reagiert, weil es mit Geld zusammenhängt: Man müsste die Schulen besser ausstatten und man müsste kleinere Klassen einrichten, aber das alles passiert im Moment nicht. Leider.

„Der Veranstaltungsbereich ist ganz wichtig“

Wie kann es gelingen, das Publikum weiterhin zur kritischen Auseinandersetzung mit Texten einzuladen?

Ich glaube, dass der Veranstaltungsbereich da ganz wichtig ist. Denn in den Kulturredaktionen sind die ökonomischen Bedingungen leider auch so, dass immer weniger an freiberufliche Kritiker:innen herausgegeben wird, das schränkt natürlich die Stimmenvielfalt ein. Es werden auch immer weniger lange Texte zu einzelnen Büchern veröffentlicht, das hängt mit der Behauptung zusammen, dass das Publikum einfach nicht mehr die notwendige Aufmerksamkeitsspanne hätte. In diesem Bereich schränken sich die Formen der Mitteilung also weiter ein, im Veranstaltungsbereich hingegen, also in den Häusern, die Lesungen veranstalten, beobachtet man, dass das Publikum einen großen Bedarf hat, sich über Bücher zu informieren und ernsten Gesprächen zuzuhören. Da sitzen die Leute und hören neunzig Minuten lang einem Gespräch über ein Buch zu! Das ist enorm und macht Hoffnung, denn man sieht, der Bedarf ist da. Und es gibt sehr hochkarätige Gesprächsrunden über Bücher und Autor:innengespräche, in denen diese komplexen Auseinandersetzungen stattfinden – in mündlicher Form natürlich, was immer noch etwas anderes darstellt, als sich schriftlich mit einem Text auseinanderzusetzen. Aber ich glaube, in diesem Bereich eröffnet sich die Möglichkeit, literaturkritisches Denken weiter auszubauen, und zu fördern – nicht im Sinne eines Urteils, sondern im Sinne einer Auseinandersetzung mit dem Text. Jedenfalls, solange dieser Bereich nicht auch durch die Kürzungen im Kulturbereich weiter eingeschränkt wird.

Interview: Christopher Dröge

Hat Ihnen dieser Beitrag gefallen?
Als unabhängiges und kostenloses Medium ohne paywall brauchen wir die Unterstützung unserer Leserinnen und Leser. Wenn Sie unseren verantwortlichen Journalismus finanziell (einmalig oder monatlich) unterstützen möchten, klicken Sie bitte hier.

Neue Kinofilme

Other Mommy

Lesen Sie dazu auch:

Wutbildung
Intro – Belesene Gesellschaft

Bildschirm vs. Buch
Teil 1: Leitartikel – Über Lesekompetenzen in Smartphone-Zeiten

„Lesen ist die Grundlage für gesellschaftliche Teilhabe“
Teil 1: Interview – Verlegerin Julia Bielenberg über Leseförderung und Bildungspolitik

Lesen beginnt mit Lust
Teil 1: Lokale Initiativen – Germanistin Caroline Wittig führt Kinder an Literatur heran

Druck lass nach
Teil 2: Leitartikel – Das Ende der Literatur wie wir sie kennen?

„Mit der heißen Nadel gestrickt“
Teil 2: Interview – Lektorin und Schriftstellerin Nina Weber gibt Einblicke in die Literaturbranche

Für eine Stadt, die schreibt und liest
Teil 2: Lokale Initiativen – Der Verein Literaturszene Köln

Literatur erster Klasse
Teil 3: Leitartikel – Ob ein Buch lesenswert ist, hängt nicht von Genres oder Debatten ab

Literatur ohne Bindestrich
Teil 3: Lokale Initiativen – Das Festival Literaturdistrikt in Essen

Lesen als Bürgerrecht
Gegen die Lesekrise – Europa-Vorbild Spanien

Bestseller im Liveticker
Literatur und Bildung als Events der Leistungsgesellschaft – Glosse

Interview