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Lorenz Blumenthaler
Foto (Ausschnitt): © Nicholas Potter

„Das politische Handlungsbewusstsein fehlt“

25. Juni 2026

Teil 1: Interview – Amadeu-Antonio-Stiftung: Lorenz Blumenthaler über Fremdsein und Diskriminierung

engels: Herr Blumenthaler, Sie haben gerade eine Pressemeldung herausgegeben, wonach derzeit alle zwölf Minuten eine rechtsextrem motivierte Straftat in Deutschland stattfindet. Nimmt die Politik das angemessen wahr?

Lorenz Blumenthaler: Nein, selbstverständlich nicht. Deswegen ist es auch immer ein sehr herausfordernder Moment, dass öffentlich zu kommunizieren. In Deutschland gibt es ein massives, subjektives Unsicherheitsgefühl. Aber die allgemeine Kriminalitätsstatistik belegt, dass Deutschland jedes Jahr sicherer wird. Wir hatten letztes Jahr die „Stadtbild-Debatte“. Da gab es ein großes mediales Echo, das durch einschlägige Medien und auch rechtsextreme Parteien befeuert wurde. Einmal im Jahr wird die politisch motivierte Kriminalität vorgestellt wird und jedes Jahr sehen wir, dass rechtsextreme Straftaten seit 2015 eigentlich kontinuierlich steigen und vor allem mittlerweile auch Gewalttaten immer weiter zunehmen – selbst Andreas Dobrindt, unser Bundesinnenminister von der CSU, fühlt sich dazu genötigt, darüber zu sprechen, dass wir eine neue Form enthemmter rechter Gewalt in Deutschland erleben. Dann frage ich mich schon, wie es da nicht zu einer klaren politischen Antwort kommt. Das Problembewusstsein ist da, das politische Handlungsbewusstsein fehlt.

Mit dieser Frage tue ich mich schwer“

Was bedeutet Fremdsein in Deutschland? Und ist die Frage „Wo kommen Sie denn her?“ erlaubt?

Mit dieser Frage tue ich mich ein bisschen schwer, denn sie müsste doch vielmehr sein, „wer wird in Deutschland fremd gemacht?“. Fremdsein ist heute in Deutschland weniger eine Frage von tatsächlicher Herkunft als eine gesellschaftliche Zuschreibung. Wer hat die Deutungshoheit darüber, wer oder was hier „fremd“ ist? Die Frage macht ja schon eine Differenz auf. Entscheidend ist die Wirkung: Menschen wird vermittelt, dass ihre Zugehörigkeit erklärungsbedürftig ist. Und das bleibt nicht bei einzelnen Situationen, es summiert sich zu einer Erfahrung von Ausgrenzung. Wer hier lebt, genießt dieselben Rechte und Pflichten wie jede andere Person, ungeachtet des Ansehens oder des Aussehens. Die Frage sollte doch sein, wie wir das für alle Menschen gewährleisten können, die in Deutschland leben.

Wie gehen Sie damit um, wenn bspw. ältere Menschen vielleicht etwas unbedacht sprechen?

Es geht gar nicht darum, achtsamer zu sprechen, sondern vielmehr gemeinsam zu lernen andere Menschen nicht abzuwerten und zu verletzen. Das hat nicht nur etwas mit dem Alter zu tun, sondern auch mit unterschiedlichen Wissensständen. Ich versuche dann immer erstmal das Gespräch zu suchen und zu erklären, warum bestimmte Äußerungen für andere Menschen verletzend sein können. Im Jahr 2015, als während des Sommers der Migration sehr viele Schutzsuchende nach Deutschland kamen, wurden medial und politisch Menschen strukturell entmenschlicht. Das Ergebnis davon waren über 90 Brandanschläge auf Geflüchtetenunterkünfte. So etwas ganz klar zu benennen, das war schon immer Aufgabe derAmadeu-Antonio-Stiftung, so verstehen wir auch unsere Rolle im medialen Diskurs. Es geht uns nicht darum, „woke“ zu sein oder moralisch erhaben, sondern dass wir uns mit den Menschen solidarisieren, uns schützend vor sie stellen und ihnen eine Stimme geben, die in Deutschland reales Leid erfahren aufgrund ihrer Verletzlichkeit in einer deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Es geht uns nicht darum, ‚woke’ zu sein“

Vor einem Jahr haben sie in einer ZDF-Doku über rechte Strategien gesprochen und wurden daraufhin aus der rechten Szene massiv bedroht. Woher nehmen Sie die Kraft, trotzdem weiterzumachen?

Zum einen, weil ich sehr viel Unterstützung erfahren habe von Menschen, mit denen ich arbeite. Menschen, deren Meinung mir sehr wichtig ist, die sich ganz klar vor mich und an meine Seite gestellt haben. Das tut, glaube ich, jedem Menschen, der irgendeine Form von Angriff erfährt, sehr, sehr gut. Zum anderen wusste ich, dass es dabei nicht um mich ging. Ich konnte das ganz gut von mir abspalten, denn es ging um eine Projektion auf mein Selbst. Sie haben eigentlich die politische Idee, die sie in mir gesehen haben, angegriffen, aber nicht mich. Ich glaube, im Zweifelsfall bin ich bereit, sehr viel für meine eigene politische Idee, für eine Gesellschaft, in der Menschen einfach ohne Angst verschieden sein können, zu geben. Wenn das bedeutet, dass ich dafür angefeindet werde, dann bin ich bereit das auszuhalten, auch im Zweifelsfall von Rechtsextremen angefeindet zu werden. Denn das zeigt ja nur, dass sie eigentlich viel mehr Angst vor mir haben, als ich vor ihnen.

Interview: Daniela Prüter

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