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Paula Nitschke
Foto (Ausschnitt): © bildwerkeins/Paul Walther

„Ein Stammtisch hat nicht nur negative Seiten“

28. Mai 2026

Teil 3: Interview – Medienwissenschaftlerin Paula Nitschke über politische Influencer:innen

engels: Frau Nitschke, was sind POI – Politische Online-Influencer:innen?

Paula Nitschke: Unsere These ist, dass sie sich an der Schnittstelle von Politik, Journalismus und Entertainment bewegen. Sie sind Grenzgänger:innen zwischen diesen Bereichen.

Wie würden Sie die Sprache von POI beschreiben?

Die passt zu ihrem allgemeinen Kommunikationsstil. Sie ist zugespitzt, nahbar,personalisiert und auf einer eher informelleren Ebene als man das eben von den politischenJournalist:innen kennt. Das liegt an der Kommunikationsumgebung, an den Plattformen mitihren Logiken und ihrer algorithmischen Steuerung, die genau das belohnen. ZugespitztePersonalisierung, am besten noch emotionalisiert, das gefällt dem Algorithmus und dapassen sich die Akteur:innen auf den Plattformen an.

Wie verhält sich das zu eher gesetzteren journalistischen Formaten, wie beispielsweise „Menschen bei Maischberger“?

Das sind zwei grundlegend unterschiedliche Kommunikationsformate, die beide ihre Berechtigung haben und die wir beide unbedingt brauchen für die Zukunft. Um mal mit etwas Positivem zu beginnen: Was die Plattformen und Influencer:innen gut können, ist es, persönliche Anknüpfungspunkte zu schaffen. Es ist nicht unbedingt ein Problem, wenn politische Kommunikation unterhaltsam und zugespitzt ist, sondern es kann die Anschlussfähigkeit erhöhen. Menschen werden auf den Plattformen stärker in ihrer Lebenswelt abgeholt. Natürlich sind Formate wie „Menschen bei Maischberger“ eher darauf ausgelegt intensive, lange politische Diskussionen zu führen. Dort kann man intensiver in Argumentationen einsteigen, zumindest intensiver als auf Plattformen, wobei nicht jede politische Talkshow inhaltlich stark ist. Doch das ist der Unterschied zwischen kurzen, aufmerksamkeitserregenden Themenplatzierungen auf den Plattformen und der tieferen Deliberation, dem Austausch in längeren Formaten.

Zugespitzte Personalisierung gefällt dem Algorithmus“

Was macht das mit uns als Konsument:innen, wenn die Kommunikation eher kurz und an der Oberfläche ist mit Blick auf die Komplexität der mitunter besprochenen Themen?

Ein interessanter Befund dazu ist, dass man sich oft nicht mehr erinnern kann, von welcherQuelle man seine Information hat. Teilweise ist es auch schwierig, die Quelle überhaupt zuerkennen. Unsere Inhaltsanalysen zeigen, dass Quellen gar nicht richtig genannt oderPseudo-Quellen angegeben werden. Es gibt Leute, die damit verantwortungsvoll umgehenund andere, die diesbezüglich unverantwortlich sind. Um noch einmal zu den positivenDingen zurückzukehren bzgl. der Rezeption: Was wir in unseren Interviews oft hören, ist dieFunktion des Gehörtwerdens, gerade bei jungen Leuten. Insbesondere bei marginalisiertenGruppen, People of Colour (PoC) oder Personen aus der LGBTQI+-Community. Die sagen,„wir haben in der Medienwelt bisher nicht stattgefunden, jetzt aber habe ich meine Stimmegefunden und fühle mich empowered“. Diese Motivation repräsentiert zu werden sieht manauf beiden Seiten, bei Nutzer:innen und Creator:innen.

Um einen Blick auf das mögliche Negative zu richten: Die sehr personalisierte, emotionalisierte Sprache, ist das nicht eigentlich eher die Art einen Diskurs zu führen, wie man sie vom Stammtisch her kennt?

Wir sehen hier die Vermischung von der öffentlichen und der privaten Sphäre. Jedoch hat ein Stammtisch nicht nur negative Seiten, sondern ein Stammtisch ist auch der Ort, wo die Leute sich über Politik austauschen, in der klassischen Offline-Welt. Wo man Gespräche führt, partizipiert, sich austauscht. Aber ohne den Druck, dass alles Gesagte öffentlich ist. Jetzt ist das ein bisschen verschoben durch die Vermischung des Privaten und Öffentlichen in der Plattformkommunikation. Auf den ersten Blick private Dinge sind auf einmal öffentlich und für alle zugänglich und erreichbar. Genau das kann zu dieser Neuartigkeit führen. Und nicht alle Creator:innen gehen mit dieser Verantwortung gleich gut um und sind sich dessen bewusst.

Verantwortung, dies transparent zu machen“

Wie zeigt sich die Vermischung?

Auf den ersten Blick kann es befremdlich sein, dass da Leute über Politik reden und das erst einmal etwas von Journalismus und unabhängiger Berichterstattung hat. Dann gibt es aber Videos von den gleichen Creator:innen, die in einem Moment über Feminismus reden, im anderen bewerben sie irgendeine Marke, die sie in die Kamera halten. Das führt zu Irritationsmomenten, wobei Journalismus selbst genauso von Werbung abhängig ist, wenn er nicht über den öffentlich-rechtlichen Rundfunk finanziert wird. Ich würde hier wieder den Verantwortungsaspekt nennen, dies transparent zu machen.

Ist das nicht ein Widerspruch? Auf der einen Seite Feminismus und Empowerment, auf der anderen bewirbt man letztlich kapitalistische Produkte und Unternehmen?

Da kommt es stark darauf an, um welche Gruppe es geht. Die Community selbst ist häufig ein Korrektiv. In unserer letzten Interviewstudie war dies ein sehr wichtiger Aspekt, dass die Creator:innen sinngemäß sagen: „In meiner Solo-Produktion ist die Community das Korrektiv, das ich wegen der fehlenden Redaktion nicht habe.“ Die Community macht auf Fehler aufmerksam, die korrigiert werden, die offen kommuniziert werden. Man macht daraus ein Gemeinschaftsprojekt. Der Community-Bezug ist ein sehr wichtiger Faktor. Um solche Recherche-Lücken zu füllen, bei denen die Creator:innen sagen, das kann ich selbst gar nicht. Allgemein ist es wichtig, noch einmal festzuhalten: Es ist schon mehr Meinungskommunikation als Informationskommunikation. Im besten Fall ist es auch als Meinung gekennzeichnet. Es gibt Creator:innen, die sagen ganz klar und transparent, dass sie soziale Ungerechtigkeiten ansprechen und Gesellschaft in eine Richtung verändern wollen. Das geht in die Richtung Aktivismus. Diese Personen bezeichne ich in meiner Forschung als Change-Creator:innen. Was dazu noch wichtig ist: Auf der einen Seite ist Meinungskommunikation ja auch legitim. Auf der anderen Seite führt das natürlich dazu, dass ich auf Plattformen insgesamt unglaublich viel mit Meinungen konfrontiert bin, die sehr zugespitzt sind. Da sind wir wieder bei der Frage der Rezeption. Das kann sehr anstrengend sein. Da brauche ich erst einmal eine hohe Medienkompetenz, um das einordnen zu können, um das erkennen zu können. Und dann auch Medienkompetenz im Sinne von Mental-Health-Kompetenz, dass ich selbst entscheide, ich setze mich dem jetzt z.B. nur eine Viertelstunde am Tag aus.

Das geht in die Richtung Aktivismus“

Sie argumentieren den Vorteil des Community-Korrektivs. Ist es aber nicht auch eine Gefahr, dass man dadurch im Bubble bleibt? Man produziert für den Bubble, der dann das Produzierte korrigiert. Verbleibt man da nicht quasi in einer Art selbsterfüllenden Prophezeiung, aus der man nicht mehr herauskommt?

Wir sehen das zum Teil, das ist ein Aspekt. Die Versammlung von normativ kohärenten Leuten in einer Internet-Ecke, das gibt es schon. Das Phänomen Filterbubble hat aber seine Grenzen. Wir sehen einerseits Sachen, die uns interessieren und die genau von meinen Leuten sind, die so denken wie ich und die das sagen, was ich hören möchte. Andererseits funktioniert insbesondere der Tiktok-Algorithmus, wie ich ihn kenne und verstehe, so, dass er mir gleichzeitig genau die gegenteiligen Meinungen einspielt. Warum macht er das? Der macht das, weil dadurch viel Traffic generiert wird. Diese simple Geschichte ist wirklich wichtig. Die Plattformen, die machen Content-Moderation und filtern Inhalte, aber eben nicht mit dem Ziel einer ausgewogenen Diskussion, wie es ja dem Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks entspricht, sondern da werden private Geschäftsmodelle verfolgt. Die Plattformen wollen so viele Leute so lange wie möglich auf ihrem Angebot halten und das funktioniert auch über Empörung, da Empörung die meisten Reaktionen generiert. Deshalb wird mir genau die gegenteilige Meinung zugespielt, was zu der viel beschriebenen Polarisierung auf den Plattformen führt. Die wollen eben nicht, dass ich nach einer Viertelstunde ausschalte. Nicht, wie Peter Lustig damals gesagt hat, jetzt abschalten, nach seiner Sendung Löwenzahn, sondern die wollen die Leute halten. Das funktioniert unheimlich gut durch emotional zugespitzten Content, über den ich mich aufrege.

Die eine Million-Dollar-Frage“

Zum Schluss die wohl schwierigste Frage, die Journalist:innen gerne sehr generisch stellen: Überwiegen die Chancen oder die Risiken?

Das ist wirklich die eine Million-Dollar-Frage. Ich würde fast versuchen, mich etwas herauszureden. Die Vertrautheit auf Plattformen kann ein Kommunikationsmittel sein und wie jedes Mittel kann sie verantwortungsvoll oder rein strategisch eingesetzt werden. Wir brauchen einen reflektierten Umgang mit Plattformen. Wir brauchen eine Stärkung von Medienkompetenz auf der Seite der Nutzer:innen, aber auch eine Stärkung der Medienkompetenz von Creator:innen, manche bräuchten sicherlich Lehrgänge in öffentlicher Kommunikation. Es braucht eine Reihe von Maßnahmen, denn Creator:innen und Plattformen werden nicht weggehen und werden Teil des politischen Meinungsbildungsprozesses bleiben. Also, um zusammenzufassen: Ich bin ein positiver Mensch, und wenn wir es schaffen, Medienkompetenz und Strukturen zu entwickeln, um mit Plattformen verantwortungsvoll umzugehen, dann überwiegen die Vorteile.

Könnten Sie ein paar Maßnahmen nennen?

Medienbildung allgemein in Schulen integrieren. Nicht nur als Workshop, der dann immer so in der siebten Klasse einmal kommt, sondern Medienbildung als Unterrichtsfach. Manche Bundesländer haben das. Dies wäre eine Maßnahme, auf der Seite der Nutzer:innen, idealerweise auch unter Einbezug der Eltern. Auf der Regulierungsseite steht die Politik in der Verantwortung, dass sie internationale Plattformen und Konzerne stärker regulieren und behandeln muss wie Medienunternehmen. Das ist politisch der wichtigste Punkt, weil Plattformunternehmen teilweise rechtlich anders behandelt werden als Medienunternehmen. Das muss sich ändern. Auf der Branchen-Seite brauchen wir Netzwerke, in denen sich so etwas wie Berufsinstitutionen herausbilden und Kodizes entwickelt werden für gute Plattformkommunikation, ähnlich dem Pressekodex.

Interview: Paul Tschierske

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